Tolerierst du noch oder respektierst du schon?

Das Schwerpunktthema für September 2019

am 27.05.2019 - 04:00  

Toleranz – ein auf den ersten Blick vertrautes Wort, dessen Bedeutung sofort jeder und jedem klar zu sein scheint. Doch was ist Toleranz eigentlich? Je nach Zusammenhang meinen und verstehen damit Menschen durchaus Unterschiedliches. Bin ich schon tolerant, wenn ich andere Weltanschauungen erdulde? Muss ich für andere Meinungen Verständnis haben? Wie egal ist es mir, was andere reden und tun?

Von der ursprünglichen Bedeutung des Duldens (genauer: des geduldigen Ertragens) ausgehend steht Toleranz heute für eine ganze Bandbreite an Tugenden und Werten: Dazu zählen Akzeptanz, Respekt, Achtung und letztlich auch Anerkennung anderer, „fremder“ Verhaltensweisen, Meinungen, Religionen, Kulturen. Beim näheren Hinsehen tun sich zudem Fragen auf, wie zum Beispiel: „Wo liegen die Grenzen meiner eigenen Toleranz?“, „Wie gehe ich mit Menschen um, die selbst jegliche Toleranz vermissen lassen?“ oder auch „Wie gestalten wir das gesellschaftliche Miteinander, damit alle darin ihren Platz finden und Frieden sowie innerer Zusammenhalt bewahrt bleiben?“

Mit diesem Schwerpunktthema möchten wir Sie einladen, das Thema Toleranz auf vielfältige Weise im Pfarrbrief aufzugreifen. Die hier angebotenen Materialien sind Vorschläge, mit denen Sie Ihre eigenen Beiträge dort, wo es Ihnen passend und sinnvoll erscheint, ergänzen können.

Bilder
von

David Begrich

Das Thema Flucht und Migration polarisiert die Gesellschaft seit 2015 so stark wie seit Beginn der 1990er-Jahre nicht mehr. Rechtspopulistische Stimmungen werden von der AfD als Wählerstimmen mobilisiert. Die offizielle Haltung der Kirchen ist eindeutig. Sie wehrt sich gegen rechtspopulistische Vereinnahmungsversuche im Namen des „christlichen Abendlandes“ und unterstützt den Flüchtlingsschutz. Doch wie andere gesellschaftliche Großorganisationen ist Kirche in gewissem Umfang Spiegel der Gesellschaft. Somit finden sich auch hier skeptische, ablehnende und wohl auch rassistische Auffassungen gegenüber Flüchtlingen und Migranten. Kirchengemeinden sollten sich der Debatte stellen. Aber wie?

Definition der Wikipedia

von

Diverse Autoren / Deutschsprachige Wikipedia / CC-by-sa-3.0

Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.

von

Deutsche UNESCO-Kommission e.V.

Im Artikel 1 (Bedeutung von „Toleranz“) der „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ der UNESCO steht unter Punkt 1.1.:

von

Klaus Jäkel

dieses Wort
sollte man nicht so schnell
oder wie toll aussprechen
doch stets sagen und wagen
mit Mut ohne Übermut
mit Leichtigkeit ohne Leichtfertigkeit

denn Toleranz achtet statt ächtet
schätzt statt verletzt

(…)

Zusammenhalt einer Gesellschaft der Vielfalt

von

Werner Höbsch

Vielfach erweisen sich Debatten über „den Islam“ als Ausgrenzungsversuche: Der Islam gehöre nicht zu Deutschland und nicht zu Europa. Eine Mehrheit der Deutschen stimmt laut der Umfrage WELT-Trend vom März 2018 dieser Meinung zu. Muslime in Deutschland erfahren sich als unerwünscht und unter Generalverdacht stehend. Die Spaltung der Gesellschaft in „Wir“ und „Ihr“ vollzieht sich mit großer Geschwindigkeit. Der Islam wird ausschließlich als Problem gesehen, alle Konflikte im Kontext von Migration und Integration werden der Religion angelastet. Die Frage, die drängend aufscheint: Was hält eigentlich eine Gesellschaft der Vielfalt zusammen?

von

Klaus Jäkel

Wer
sich selbst nicht
toleriert

selbst
den besten Freund
verliert

Klaus Jäkel, In: Pfarrbriefservice.de

von

Christian Zoidl

Gott, Menschen und Lebensumstände sind so verschieden, dass wir Mühe haben, sie in unsere Denkmuster einzuordnen.

Eine Herausforderung für alle gesellschaftlichen Kräfte, aber auch für den Einzelnen

von

Philipp Wahlmüller

Über Franz von Assisi (1181/82–1226) wird erzählt, dass er dem Bruder Gärtner die Anweisung gab, im Garten nicht alles Unkraut auszujäten, sondern etwas davon in einem kleinen Eck wachsen zu lassen. Das Unkraut soll so auch seinen Platz bekommen, war sein Anliegen.

von

Elisabeth Siebert

Es gehört zu den Wesensmerkmalen einer pluralistischen und freiheitlichen Demokratie, dass in ihr auch solche Weltanschauungen vertreten sein dürfen, die ihre Grundwerte hinterfragen. Das hohe Gut der Meinungsfreiheit darf sich nicht auf die Auffassung der Mehrheit oder der Machthabenden beschränken, sondern fordert uns sogar auf, aktiv dafür einzutreten, dass auch provozierende Ansichten geäußert und im Wettstreit der Meinungen frei vertreten werden können. Ihre Grenzen erreicht die Meinungsfreiheit aber zwingend dann, wenn sie missbraucht wird, um Menschenverachtung zu propagieren und die Würde und fundamentalen Lebensrechte Anderer negiert oder verletzt werden.

Aufruf zu mehr Zivilcourage

von

Anne Haertel

Wer hat das nicht schon erlebt? Ein Gespräch mit einem Andersdenkenden, Populisten oder Extremisten und man fühlt sich gegenüber den Aussagen unwohl, in seiner Meinung weniger wert und unsicher, wie man reagieren soll. In solchen Gesprächen sind ein paar Strategien gut, um sich sicherer zu fühlen und den Gesprächsverlauf mitzubestimmen.

von

unbekannt

Ein Mann kam zum Rabbi und beschwerte sich über seinen Nachbarn. Der Rabbi hörte sich die Sache an und sagte: „Du hast Recht.“ Zufrieden ging der Mann nach Hause. Kurz danach kam der Nachbar und klagte seinerseits über die Ungerechtigkeit, die ihm von dem anderen angetan worden sei.

Menschlichkeit bewahren

von

Christian Schmitt

Gedanken und Eindrücke bei einem Konzertbesuch über Extremismus, (falsche) Toleranz und Menschlichkeit.

Frei nutzbare Zitate bekannter Persönlichkeiten

von

diverse Autoren / gemeinfrei

„Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.“ (Thomas Mann, In: Der Zauberberg)

„Echte Toleranz ist nicht möglich ohne Liebe.“ (Albert Schweitzer)

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Vom Wesen der Toleranz

von

Kirchliche Frauenarbeit der Ev. Luth. Landeskirche Sachsens

„Toleranz“ – das ist ein Wort, das in unserer Zeit und Welt immer wieder angesprochen und eingefordert wird. Was ist Toleranz eigentlich? Bedeutet tolerant sein, dass ich alles und jeden hinnehmen muss? Muss ich für andere Einstellungen und Verhaltensweisen Verständnis haben? Heißt Toleranz, dass jede und jeder nach seiner Fasson glücklich werden soll? Halte ich mich für tolerant, weil es mir egal ist, wie andere reden, was sie denken und tun? Ist es mir also gleich-gültig, solange ich nichts damit zu tun habe und man mich in Ruhe lässt? Heißt Toleranz, dass ich alles hinnehme um des lieben Friedens willen?

Machen Sie den Selbsttest!

von

Christian Schmitt

Wie tolerant sind Sie? Beantworten Sie die folgenden Fragen möglichst spontan und ohne viel darüber nachzudenken. Für jede Antwort gibt es Punkte (siehe Auswertungsschema nach der letzten Frage). Wenn Sie diese zusammen zählen, verrät Ihnen die Gesamtzahl am Ende, wie gut es um Ihre Toleranz bestellt ist.

Ein ambivalentes Verhältnis

von

Bischof Ulrich Neymeyr

Das Verhältnis von Religion und Toleranz ist ambivalent. Einerseits sind Religionen auf Toleranz angewiesen, vor allem wenn sie ein Minderheitenphänomen sind. So beendete erst das Toleranzedikt des Galerius im Jahr 311 die Verfolgung der Christen.

Eine Übung für mehr Toleranz

von

Bonifatiuswerk

Die Schauspielerin Gloria Swanson berichtet aus ihrer Kindheit: Meine Mutter spielte früher ein Spiel mit mir, das hieß: „ABER UM GOTTES WILLEN, DAS BIN JA ICH!“.

von

Mathea Schneider

“Und als Jesus im Haus des Levi beim Essen war, aßen viele Zöllner und Sünder zusammen mit ihm und seinen Jüngern.

Gemeinsam nach der Wahrheit suchen

von

Bischof Joachim Wanke

Echte Toleranz ist nicht allgemeine Gleichgültigkeit, sondern gemeinsame Suche nach der Wahrheit, mit Respekt voreinander und mit festen Spielregeln, an die sich alle halten.

„Wo hört für dich / Wo hört für Sie Toleranz auf?“

Konfrontieren Sie Mitglieder Ihrer Gemeinde mit dieser Frage und stellen Sie die Antworten, jeweils in zwei bis drei kurzen Sätzen, auf einer Pfarrbrief-Doppelseite vor. Natürlich gehört dazu jeweils ein Foto des/der Interviewten. Solche Seiten, die durch persönliche Aussagen eine direkte Verbindung zwischen dem behandelten Thema und den Menschen der eigenen Gemeinde schaffen, zählen bei den Leserinnen und Lesern zu den beliebtesten im Pfarrbrief.

Ein möglicher Einleitungstext zu Ihrem Beitrag könnte lauten:
Hatespeech, Rassismus, Mobbing oder gar Gewalt – was kann man noch tolerieren und wieviel darf man anderen durchgehen lassen? Wo liegt die Grenze des „jetzt ist aber genug“? Wann würden Sie sagen „bis hierhin und nicht weiter“? [Titel Ihres Pfarrbriefs] hat Menschen aus unserer Gemeinde dazu befragt, wo ihre persönliche Toleranzgrenze liegt.

Alternativ können Sie mit ganz kurzen Zitaten auch eine Rubrik gestalten unter dem Motto „Nachgefragt“. Vielleicht finden Sie ein ansprechendes und passendes Hintergrundmotiv für diese Seite(n) und setzen darauf die Zitate in grafisch angedeuteten Sprechblasen, z.B. im Stile eines Messenger-Dienstes wie WhatsApp oder Threema.

Wer setzt sich in Ihrer Gemeinde für Toleranz ein?

Bestimmt gibt es in Ihrer Gemeinde Personen und Gruppierungen, die sich gesellschaftlich engagieren für Dialog und Verständigung, für mehr Toleranz und Respekt. Das könnten beispielsweise Menschen sein, die sich vor Ort in der Flüchtlingshilfe einsetzen. Oder eine ökumenische Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus Vertretern der katholischen, der evangelischen und der islamischen Gemeinden. Oder die Organisatoren einer Veranstaltungsreihe zum Thema Integration. Vielleicht auch eine Initiative, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Extremismus richtet.

Lassen Sie diese Aktiven zu Wort kommen, beispielsweise durch ein Porträt, einen Hintergrundbericht oder auch ein Interview. Mögliche Fragestellungen: „Welche Initiativen gibt es?“, „Welche Aktivitäten laufen zur Zeit?“ „Welche positiven Erfahrungen machen Sie bei Ihrer Arbeit?“, „Welche Schwierigkeiten gilt es zu meistern?“, „Was motiviert Sie?“, „Auf welche Vorbehalte stoßen Sie und wie gehen sie damit um?“. Berichten Sie darüber und bebildern Sie Ihre Beiträge möglichst mit Fotos von diesen Menschen.

Schwerpunktthema „Der interreligiöse Dialog mit dem Islam“

Aus christlicher Perspektive und auf der Grundlage christlicher Werte und Überzeugungen geht es beim interreligiösen Dialog mit dem Islam um Verständigung und Achtung, um Toleranz und Dialog. Für Pfarrbriefredaktionen bietet es sich deshalb an, einerseits dabei zu helfen, Informationslücken zu schließen, andererseits konkrete Dialoginitiativen im eigenen Umfeld in den Blick zu nehmen. Das Schwerpunktthema mit dem Titel „Mit Achtung und Toleranz: Der interreligiöse Dialog mit dem Islam“ bietet hierfür Materialien und Anregungen. Hier gelangen Sie zu dem Schwerpunktthema.

Der Buchtipp für ein gutes Miteinander: Mauritius Wilde: Respekt

Respekt ist für den Benediktinermönch Mauritius Wilde die Haltung, die ein gutes Verhältnis zu sich selbst sowie ein gutes Miteinander mit anderen erst ermöglicht. Respekt ist essentiell, wie die Luft zum Atmen, schreibt Wilde. Mit seinem kleinen Büchlein will er seine Leserinnen und Leser ermutigen, Respekt zu erwarten und auch Respekt zu geben. „Und dass sie Freude bekommen an der Kunst der gegenseitigen Wertschätzung“, schreibt er. Eine Buchbesprechung für Ihren Pfarrbrief finden Sie hier: https://www.pfarrbriefservice.de/article/mauritius-wilde-respekt