Zusammenhalt einer Gesellschaft der Vielfalt

Werner Höbsch
27.05.2019 - 06:00

Als in den 1970er Jahren vielen türkischen Arbeitsmigrant*innen klar wurde, dass sie nicht nur vorübergehend ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlegt hatten, gründeten sie Vereine mit dem Ziel, das kulturelle und religiöse Leben zu sichern. Alle großen türkisch-islamischen Verbände wie die „Türkisch-islamische Union“ (DİTİB), Millî Görüş (IGMG) und der Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) haben in dieser Zeit ihre Wurzeln. Erst seitdem entwickelte sich das Bewusstsein bei Migrant*innen und in der Mehrheitsgesellschaft, dass der Islam in Deutschland nicht zu Besuch, sondern dauerhaft präsent ist. Damit verbunden war die Frage nach der Identität: Wohin gehören wir als Muslime aus der Türkei? Wie verhält sich die deutsche Gesellschaft zu der dauerhaften Präsenz von Muslimen mit ihrer Religion, dem Islam? Ein weiterer Schritt war die neue Sichtbarkeit der islamischen Religion und des Glaubens der Muslime in der Öffentlichkeit etwa durch den Bau von Moscheen, dem äußeren Erscheinungsbild durch Kopftuch tragende Frauen und dem Verlangen, auch rechtlich als Religionsgemeinschaften/Religionsgesellschaften anerkannt zu werden.

Erneute Auseinandersetzung um den Islam

Seit dieser Zeit verschärft sich die Debatte um den Islam in Deutschland. Globale Entwicklungen wie das Erstarken des islamischen Selbstbewusstseins, u. a. ausgelöst durch die islamische Revolution im Iran und die Rückkehr von Chomeini 1979 in den Iran, und politisch-religiöse Veränderungen in der Türkei durch Erdoğan, blieben auch in Deutschland wie im gesamten Europa nicht ohne Rückwirkung.

Der Islam in Deutschland gehört zur plural vielfältigen Landschaft, er zeigt sich selbst als heterogen und plural. Alle bedeutenden islamischen Strömungen sind präsent, darunter auch einige Tausend Anhänger*innen des salafistischen Extremismus. Jedoch die weitaus große Mehrheit der Muslime möchte in Frieden leben und sterben.

Heute sind der gesellschaftliche Zusammenhalt und damit der innere Frieden in Deutschland bedroht, werden beschädigt und drohen zu zerbrechen. Symptome hierfür sind die erneuten Auseinandersetzungen um den Islam, die Diskussionen um das Asylrecht und um die Aufnahme von Geflüchteten. Islamistische Extremisten lehnen die westliche Gesellschaft ab, Rechtspopulisten die Präsenz des Islam in Deutschland und Europa. Es nehmen Einstellungen und Bewegungen – nicht nur in rechtspopulistischen Kreisen – zu, die polarisieren, ausgrenzen und die Deutungshoheit in Anspruch nehmen, wer zu Deutschland und zum christlichen Abendland gehört und wer nicht. Die Tendenzen zu polarisieren sind allerdings auch in den Reihen von großen Parteien anzutreffen.

Ausgrenzungsversuche

Vielfach erweisen sich Debatten über „den Islam“ als Ausgrenzungsversuche: Der Islam gehöre nicht zu Deutschland und nicht zu Europa. Eine Mehrheit der Deutschen stimmt laut der Umfrage WELT-Trend vom März 2018 dieser Meinung zu. Muslime in Deutschland erfahren sich als unerwünscht und unter Generalverdacht stehend. Die Spaltung der Gesellschaft in „Wir“ und „Ihr“ vollzieht sich mit großer Geschwindigkeit. Der Islam wird ausschließlich als Problem gesehen, alle Konflikte im Kontext von Migration und Integration werden der Religion angelastet. Die Frage, die drängend aufscheint: Was hält eigentlich eine Gesellschaft der Vielfalt zusammen?

Der Philosoph Hans Georg Gadamer hat mit Blick auf die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts auf diese Frage geantwortet, dass nur der Wille und die Bereitschaft zum Dialog und das Gespräch selbst eine multireligiöse und multikulturelle Gesellschaft zusammenhalten – das Gespräch auf der Basis der Anerkennung der Würde eines jeden Menschen. Der Dialog ist der Weg des Friedens und zum Frieden. Eine plurale Gesellschaft verlangt nach einer Gestaltung des Zusammenlebens, diese Gestaltung allerdings wird nicht durch Ausgrenzung signifikanter gesellschaftlicher Gruppen erreicht. Dialog ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, der auch christlicherseits eingefordert als interreligiöser Dialog mit Leben gefüllt wird.

Kultur des Dialogs fördern

Die christliche Position hat Papst Franziskus in seiner Ansprache bei der Verleihung des Karlspreises am 6. Mai 2016 zum Ausdruck gebracht: „Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Erschöpfung wiederholen müssen, dann lautet es Dialog. Wir sind aufgefordert, eine Kultur des Dialogs zu fördern, indem wir mit allen Mitteln Instanzen zu eröffnen suchen, damit dieser Dialog möglich wird und uns gestattet, das soziale Gefüge neu aufzubauen.“

Dieser Dialog beginnt mit dem Interesse am Anderen. Er wird zwischen Personen, nicht zwischen Systemen geführt. In einem solchen Dialog lernen Glaubende nicht nur einander kennen, sondern öffnen sich auch der Gegenwart Gottes. Neben dem theologischen Dialog über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Glauben, ist der Dialog des Handelns in unserer Zeit entscheidend. Die unter Gewalt und Unfrieden Leidenden verlangen nicht nach theologischen Erklärungen, sondern nach befreiendem Handeln. Die Dramatik der Situation ruft zu einer Kooperation mit allen Menschen guten Willens, gerade auch mit Juden und Muslimen. Der gute Wille erweist sich in Gedanken, Worten und Werken.

Werner Höbsch ist Mitglied der pax christi-AG Christlich-Muslimischer Dialog.

Quelle: pax_zeit, Ausgabe 3_2018, S. 6F
Abdruckerlaubnis durch den Autoren liegt vor. In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Werner Höbsch
In: Pfarrbriefservice.de