Der andere Frühling

Die Sonne scheint. Tulpen recken ihre Köpfe in den stahlblauen Himmel, dunkelrote, rosane, beerenfarbene. Weißer Holler fächert seine Blüten auf, wie Teller aus funkelnden, kleinen Sternen. Es sind die ersten warmen Tage. Nach dem langen Winter. Den vielen grauen, dunklen Stunden. Dem Regen, dem Matsch, der Tristheit.

Und doch ist es kalt. Fühlt es sich an, als folge auf den Winter der Winter. Starte ein verlorenes Jahr. Fehlt dieses Lebensgefühl, das da im Frühling einmal war. Das Kribbeln, das wohlig durch den Körper rieselt. Das Lächeln, das sich auf die Wangen schleicht. Das Federn. Es fehlt, in der Sonne zu flanieren, im Café ein Eis zu schlecken, mit Freunden am See zu picknicken. Frei zu sein.

Stattdessen ist da Distanz, Sorge, Angst, ein Fahren mit angezogener Handbremse. Ein Filter, der all die strahlenden Farben, all die Lebensfreude, die Zuversicht dämpft, raubt. Sie in ein blasses Aquarell verwandelt. Noch nie war ein Frühling so kalt. Weil dieser Virus den Menschen nimmt, was sie zum Mensch-Sein brauchen: Nähe, Gemeinschaft, Beziehung.

Und doch bahnen sie sich ihren Weg. Finden sie ihren Weg. Sind sie da. Vielleicht stärker denn je. In Gesprächen, die tiefer sind. Am Telefon, über den Gartenzaun, auf der Straße. Weil Stille da ist, zum Nachdenken, Reflektieren, Hinterfragen. In Freundschaften, die enger werden, verbindlicher, inniger. Weil Zeit ist füreinander, weil Ruhe zuhören lässt. In der Freiheit. Weil sie nicht mehr da ist. Weil sie eingeschränkt ist. Weil auf einmal spürbar wird, was immer da war, aber nie von Bedeutung. Zu sich selbst. Weil da keine Ablenkung ist. Das Leben zwingt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sich selbst über die Schulter zu schauen.

All das bekommt auf einmal eine andere Bedeutung. Eine größere Wichtigkeit. Eine neue Qualität. Ist essentiell. Besonders. Wertvoll. Vielleicht ist dieser Frühling so warm, wie nie zuvor.

Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Ronja Goj
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