28.07.2020 - 06:15

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Ein Interview mit Anne Sachweh, die 40 Jahre alt war, als ihr Lebensgefährte plötzlich starb

von Elfriede Klauer
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„Man lebt so unentdeckt“, sagt Anne Sachweh. Im November 2017 ist ihr Lebensgefährte plötzlich gestorben, „ohne erkennbaren Grund“. Was für sie einschneidende Folgen hatte, spielt als gesellschaftliches Thema keine Rolle, musste sie feststellen. Über ihre Erfahrungen und Wünsche spricht die 43-jährige Kölnerin im Interview.

Frau Sachweh, was ist das bestimmende Gefühl, wenn Sie auf die Zeit nach dem Tod Ihres Lebensgefährten zurückblicken?

Anne Sachweh: Totale Erschöpfung. Unsere Tochter war eineinhalb, als mein Lebensgefährte starb. Plötzlich stand ich mit ihr alleine da. Sie ging da zwar schon in den Kindergarten, aber Zeit für die Trauerarbeit hatte ich trotzdem keine. Nach sechs Wochen Krankschreibung fing ich auch wieder an, 30 Stunden zu arbeiten. Das war rückblickend alles zu viel. Ich war überfordert mit allem. Und ich hatte das Gefühl, als würde mein Leben nie mehr gut werden. Wie sollte sich da noch mal was ändern? Es war alles so hoffnungslos.

Was hat Ihnen in der Zeit geholfen?

Anne Sachweh: Ein ganz wichtiger Schritt für mich war, die Selbsthilfegruppe für früh Verwitwete hier in Köln zu besuchen. Ich konnte dort erleben, dass ich mit meinem Schicksal nicht alleine bin. Der Austausch in der Gruppe tut mir gut. Ich kann von anderen lernen und alle Gefühle sind erlaubt. Nach gut einem Jahr nach dem Tod meines Lebensgefährten habe ich mir auch endlich eingestehen können, dass ich es nicht mehr schaffe, so viel zu arbeiten. Ich habe seitdem auf 25 Stunden reduziert und damit geht es mir und meiner Tochter deutlich besser. Diese Entschleunigung im Alltag hat geholfen, dass ich stabiler geworden bin. Außerdem habe ich mir Anfang dieses Jahres, als ich dazu in der Lage war, psychologische Unterstützung gesucht. Die Diagnose lautete posttraumatische Belastungsstörung – und das fast zweieinhalb Jahre nach dem Tod meines Freundes. Das zeigt, wie krass das einen Menschen beeinflusst, wenn plötzlich jemand stirbt.

Wie äußerte sich diese Belastungsstörung?

Anne Sachweh: Ich hatte alle Symptome, von Schlafstörungen, Herz-Rhythmus-Störungen bis hin zu Kopfschmerzen und Panikattacken. Das volle Programm. Ich glaube, wenn am Anfang jemand da gewesen wäre, der mich darauf aufmerksam gemacht hätte, dass ich jetzt vor allem auf mich selbst achten muss, und der mich dabei unterstützt hätte, hätten die drei Jahre auch anders laufen können.

Sie fühlten sich alleingelassen?

Anne Sachweh: So möchte ich das nicht sagen. Meine Familie hat mich sehr unterstützt und tut es immer noch. Meine Freunde waren und sind für mich da und ich habe tolle, verständnisvolle Arbeitskollegen.

Was fehlte Ihnen dann?

Anne Sachweh: Ich wünschte mir, es hätte so etwas wie einen kommunalen Trauerbeauftragten gegeben. Der sich auskennt, was alles zu bedenken, zu beantragen und zu machen ist, wenn jemand stirbt. Hätte zum Beispiel eine Freundin von mir nicht gewusst, dass ich Unterhaltsvorschuss für meine Tochter beantragen kann, ich wäre niemals drauf gekommen.

Eine Art offizieller Trauerbegleiter also?

Anne Sachweh: Ja, genau. Das wäre hilfreich. Er könnte den Kontakt halten und immer wieder mal nachfragen, wie es einem geht. Ein Trauerbeauftragter könnte auch auf Unterstützungsangebote aufmerksam machen, mit denen man als trauernder Mensch langsam wieder zu sich finden kann. Stattdessen musste ich mir alles selbst zusammensuchen. Man hat aber oft die Zeit und die Kraft nicht dafür. Meine Erfahrung ist, dass die Themen Tod und Trauer in unserer Gesellschaft am besten nicht vorkommen sollen. Antidepressiva sind stattdessen das Mittel der Wahl. Damit man bald wieder leistungsfähig wird.

Interview: Elfriede Klauer, Pfarrbriefservice.de

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