Wie geht Nächstenliebe?

Ein liebender Blick auf den Nächsten hilft, auch wenn er schwer fällt.

Kann man die Ethik des Christentums in einem Satz zusammen fassen? Oder anders formuliert: Was sollte das Christentum in seiner Grundüberzeugung ausmachen? Schon die ersten Christen waren mit dieser Frage konfrontiert, lebten doch damals in der antiken Gesellschaft - gar nicht so verschieden von uns heute - eine Vielzahl an Religionen und Überzeugungen. Da war und ist die Frage nach dem Kern des Christentums auf jeden Fall berechtigt.

Unerfüllbares ethisches Ideal?

Der Apostel Paulus findet eine prägnante Zusammenfassung. So schreibt er der christlichen Gemeinde in Rom: „Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Röm 13, 9)

Dieses Wort ist für viele Generationen von Menschen zu einem ethischen Ideal geworden: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst!“ Eine wunderbare Zusammenfassung aller ethischen Gebote, wie sie kürzer wohl nicht zu fassen ist. Doch wie kann dies praktisch gehen? Allein die Formulierung „Du sollst“ kann uns Menschen bereits unter Druck setzen, hier zwingend etwas leisten zu müssen, was wir von unserem Inneren gar nicht mittragen können. Wie sollen wir alle unsere Nächsten, sprich alle Menschen, mit denen wir in Beziehungen stehen, lieben können?

Der Schlüssel zum Nächsten

Papst Benedikt XVI. stellt sich genau dieser Frage in seiner ersten Enzyklika mit dem programmatischen Titel „Deus caritas est“ – zu Deutsch: Gott ist die Liebe. Mit einem Verweis auf den Kirchenlehrer Augustinus, der im 4. Jahrhundert nach Christus lebte, sieht Papst Benedikt den Schlüssel zum Nächsten in unserer Beziehung zu Gott. Wenn wir Gott in unser Herz einlassen, dann können wir uns unseren Mitmenschen eigentlich gar nicht verschließen. Denn lieben wir Gott, stehen wir in einer Beziehung mit ihm, dann wollen wir eben auch so handeln, wie es ihm gefällt. Nicht aus Zwang, sondern aus der Überzeugung heraus, so in enger, persönlicher Verbindung mit Gott zu leben. Unsere Wünsche und Gedanken fallen mit den Wünschen und Gedanken Gottes immer mehr ineinander. Genau so, wie es auch bei sich liebenden Menschen oft der Fall ist: Die Liebenden wissen bereits, was der andere sich wünscht und was ihm gut tut. In der Beziehung zu Gott heißt das: Im Idealfall wird Gottes Wille auch unser Wille sein. Oder anders gesagt: Gottes Wünsche und Ideale werden auch zu unseren Wünschen und Idealen. Damit werden Gottes Freunde auch meine Freunde.

Die Perspektive Gottes wählen

Und wer sind diese Freunde Gottes? Es sind alle Menschen, alle Geschöpfe dieser Welt. Papst Benedikt schlägt in seiner Enzyklika vor, dass wir genau aus dieser Perspektive Gottes auf unsere Mitmenschen schauen. Dann relativiert sich auch die Unfreundlichkeit des Kollegen, die Rechthaberei des Vorgesetzten, das dumme Gerede des Nachbarn. Dann sehe ich den andern aus dem Blickwinkel Gottes und kann ihn – trotz mancher Ecken und Kanten - in Liebe annehmen.

Ein schönes Ideal für Christen – wenn auch die Realität des Lebens immer wieder zeigt, dass dieser liebende Blick auf den Nächsten oft sehr schwer fällt. Aber warum sollte man es nicht immer wieder neu versuchen?

Thorsten Wellenkötter
Morgenandacht am 17.12.2010, Deutschlandfunk

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Text: Thorsten Wellenkötter
In: Pfarrbriefservice.de