Pfingsten - Spurensuche im Herzen

Bestseller und Kultserien können die Menschen für eine gewisse Zeit begeistern. Doch die Sehnsucht nach einem Geist, der unser Leben nachhaltig verändert, stillen sie nicht. Wer sich auf die Suche nach diesem Geist Gottes macht, begibt sich auf einen lebenslangen Weg.

Frühjahr 2006: Die Dan Brown-Fans sehen dem Sommer mit Bangen entgegen. Der Kultroman "Sakrileg" (Der da Vinci-Code) wird aufwendig verfilmt. Die Heerschar derer, die den Mystery-Thriller in- und auswendig kennen, freut sich und bangt, ob die Verfilmung wohl auch dem Werk gerecht werde. Denn längst gibt es nicht nur Fangemeinden und Internetseiten, in denen alle Details des Buches diskutiert werden; es gibt auch Sekundärliteratur, die allen Verästelungen nachgeht, die den Roman so zahlreich durchziehen. Ich habe wildfremde Leute im Zug angeregt über das Buch miteinander diskutieren sehen; langweilige Partys können zu spannenden Events werden, wenn Dan Browns Verschwörungstheorien zur Sprache kommen. Alles in allem: Der Roman verspricht nicht nur nachtschlafgefährdende Spannung, sondern auch jede Menge Konversation. Wer sich von Brown schulen lässt, wird bald auch selbst anfangen, Verschwörungen nachzuspüren, Bilder auf ihren verschlüsselten Code hin zu studieren und überhaupt sich der Freiheit wilder Spekulation hinzugeben.

Eines aber dürfte sicher sein. Auch Dan Brown ist eine Mode, die wieder vorübergeht. Irgendwann werden die Fans die Bücher beiseite legen und andere Webseiten als Favoriten speichern. Auf jeden Fall wird sich ihr Leben dadurch nicht nachhaltig verändert haben: die Begeisterung für diese Roma-ne bleibt ohne Frucht. Weder stellen sie mich ernsthaft in Frage noch geben sie meinem Leben eine Ausrichtung oder einen Sinn. Köstlich unterhalten, ja, aber leer lassen sie mich zurück. Man stelle sich vor, die Lektüre des Evangeliums würde mich ähnlich beschäftigen, im Zug und auf Partys in Diskussionen verwickeln, mir Anlass sein, der Spur, die darin gelegt ist, nachzugehen. Man stelle sich vor, so geschult wäre ich fähig, den kleinen und großen "Verschwörungen" auf die Schliche zu kommen, die mein Leben manipulieren. Das könnte das Leben verändern und "Frucht" zeitigen.

Eben das zu können, nennt die Bibel ein Geschenk des Heiligen Geistes (1 Kor 12,4). Mit der Bezeichnung aber ist für viele eher mehr unklar als klar, denn für die einen ist der "Heilige Geist" der große Unbekannte im christlichen Glauben an den Dreifaltigen Gott. Die anderen führen ihn so andauernd im Mund, dass man das Gefühl hat, der Heilige Geist müsse für alles und jedes herhalten, was fromm und begeistert daherkommt.

Es ist eines, an den Heiligen Geist zu glauben. Es ist ein anderes, in einer konkreten Situation unterscheiden zu können, ob eine Eingebung nun Gottes Geist oder mein eigener Vogel ist. Diesen Unterschied machen zu können, kann nur Gott uns befähigen. Es ist ein Geschenk seines Heiligen Geistes. Hier handelt es sich daher nicht um das Sahnehäubchen auf einem netten Glaubenskuchen, sondern um die Kernfrage, wie ich erkennen kann, wann ich Gott in meinem und unserem Leben begegne - und wie ich mein Leben an Gott ausrichten kann.

Leider - oder zum Glück - gibt es dafür weder ein Handbuch noch ein Computerprogramm, das mir mal eben ausrechnen kann, wie ich leben soll. Leider, denn dann könnte ich mir viel Zeit und Zweifel sparen. Zum Glück, denn sonst hätte mir Gott meinen freien Willen und meinen (hoffentlich) Verstand ganz überflüssiger Weise gegeben. Selbst die wenigen Menschen, die die Erfahrung machen, dass Gottes Heiliger Geist sie buchstäblich aus dem Sattel reißt (Apg 9,4), brauchen danach Jahre der Reflexion und des Gebetes, um zu verstehen, was eine solche Erfahrung für ihr Leben bedeutet. Bei Paulus war es eine lange Zeit in der Wüste Arabiens (Gal 1,17). Wer sich darauf beruft, dauernd solche Erfahrungen zu haben und danach ganz klar zu wissen: "Gott hat mich gerettet, jetzt muss ich dies und das tun!", dürfte einen geschwätzigen Vogel statt des Heiligen Geistes haben.

Wer aber wissen will, wie der Heilige Geist wirkt und woran ich unterscheiden kann, ob eine Eingebung oder ein Ratschlag Gottes Geist entspricht oder ihm entgegensteht, darf sich darauf gefasst machen, dass dies ein langer Weg ist. Letztlich ist es der Weg, der ein ganzes Leben lang währt. Dennoch aber ist es nicht einfach ein blindes Suchen. Wie beim Held in dem Roman "Sakrileg" beginnt es damit, dass ich aufmerksam werde auf Dinge, die ich sonst übersehe. Nicht das Lächeln Mona Lisas gibt den entscheidenden Hinweis, sondern die Stimmungen und Bewegungen in meinem eigenen Herzen. Gott spricht zumeist nicht im Sturm, sondern in den stillen Bewegungen des Herzens (1 Kön 19,12). Ich muss auch nicht in verstaubten Geheimarchiven nachforschen, sondern kann eine überall erhältliche Bibelausgabe nehmen. Diese ermöglicht es mir, mit der "Art" Gottes vertraut zu werden. Denn es ist nicht irgendein Geist, sondern der Geist, den Jesus seinen Jüngern mitgegeben hat. Daher ist es so wichtig, mit der Weise Jesu vertraut zu werden, nachzugrübeln, warum er so reagiert, warum er so zu diesem und so zu jenem Menschen spricht. Und schließlich immer wieder zu fragen, warum er den Tod am Kreuz angenommen hat. Wer sich auf die Spurensuche nach der "Art" Jesu macht, wird merken, wie bei ihm oder ihr selbst Glaube, Hoffnung und vor allem Liebe wachsen. Das ist die Frucht!

Wer sich auf den Weg machen will, kann Rat suchen bei den großen geistlichen Lehrern der Christenheit, die man daran erkennt, dass sie ihrerseits immer und immer wieder im lebendigen Austausch stehen mit diesem großen Reichtum an Heiligem Geist, den Gott seiner Kirche zu allen Zeiten geschenkt hat. Im Letzten aber kann jeder selbst "prüfen und erkennen (...), was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist" (Röm 12,2). Dann nämlich, wenn wir unsere eigenen Maßstäbe im Denken und Handeln an dem Maßstab Christi ausrichten und fragen, was mehr zu der Liebe führt, die sein Kennzeichen ist, der Liebe, die sich demütig schenkt und die nicht im Strohfeuer vergeht, sondern lang anhaltend das Leben trägt. Was das bewirkt, ist von Gottes Geist bewegt.

Pater Martin Löwenstein

Pater Martin Löwenstein ist Mitglied des Jesuiten-Ordens und Hochschulpfarrer in Frankfurt am Main. Auf seiner Webseite www.martin-loewenstein.de veröffentlicht er regelmäßig Filmpredigten.

Aus: Magazin Andere Zeiten 2/2006

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Das Schwerpunktthema für Juni 2009

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Text: Pater Martin Löwenstein
In: Pfarrbriefservice.de