Eine Geschichte aus dem Leben

Ronja Goj
26.08.2019 - 05:55

Neulich, da war ich mit dem Auto unterwegs. In dieser einen Straße. Mit dieser Engstelle an der zwei Autos nicht aneinander vorbeikommen. Einer muss halten.  Ich drücke auf die Bremse. An dieser Einfahrt, die vor der Engstelle liegt. An der die Straße etwas breiter ist.

Und hier stehe ich nun. Lasse das erste Auto fahren, das zweite, das dritte, das vierte… Wie an einer Perlenschnur aneinandergereiht fluten die Autos die Engstelle. Als hätte jemand am anderen Ende der Straße einen großen Sack aufgezurrt und einmal kräftig geschüttelt.

Und ich stehe da und schaue den Menschen erstaunt zu, die an mir vorbei fahren. Ohne ein Dankeschön. Ohne ein kleines Handzeichen. Ohne ein Kopfnicken. Junge Menschen. Alte Menschen. Frauen. Männer. In schnieken Autos. In abgeranzten Autos. Ich bin beeindruckt von so viel Unhöflichkeit, Dreistigkeit und Egoismus.

Ich ändere meine Strategie und sehe den Menschen direkt ins Gesicht. Ich lächle freundlich. Ich schüttle den Kopf. Ich blicke verärgert drein. Keine Reaktion. Es fühlt sich keiner berufen, sich zu bedanken. Doch, ein Sprinterfahrer.

Nach dem gefühlt einhundertsten Auto und einem gefühlten Blutdruck von 3000 treffe ich eine Entscheidung. Ich werde losfahren. Jetzt. In die Engstelle hinein. Koste es, was es wolle. Sollten sie mir doch alle in die Motorhaube fahren. Vorsichtig trete ich aufs Gaspedal. Keine Veränderung. Noch immer quetschen sich die Autos in interessanten Lenkmanövern an mir vorbei. Bis ich einem Auto Schnauze an Schnauze gegenüberstehe. Und da stehe ich nun. Schaue die Autofahrerin gegenüber an und zucke mit den Schultern.

Ich solle doch zurückfahren, hinter mir sei die Straße schließlich leer. Hinter ihr stünde eine ganze Schlange an Autos. Das signalisiert sie mir mit den Augen. Ich zucke mit den Schultern und bleibe stehen. Stehen. Stehen. Sie kneift die Augen zusammen und ich weiß genau, dass sie am liebsten über das Lenkrad durch meine Windschutzscheibe springen und mich schütteln würde. In diesem Moment hasse ich mich dafür, dass ich mir einen Sportwagen gekauft habe und gerade alle Klischees perfekt erfülle.

Oh, was ist das? Ich bin überwältigt. Die Autoschlange setzt sich tatsächlich in Bewegung und fährt rückwärts. Unter Fluchen, Gestikulieren, bösen Blicken, Plärren. Ein Caprio-Fahrer nimmt sich besonders wichtig und plustert sich in seinem schwarzpolierten Schlitten auf. Ich versuche ihm zu erklären, warum ich das tue. Das will er gar nicht hören. Er will fahren. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle. Er zuerst.

Vielleicht ist das das Problem, denke ich. Als ich die Engstelle unter herablassenden Blicken verlasse. Dass die Menschen nur noch um sich selbst kreisen. Dass sie an erster Stelle stehen. Dass ihnen der Blick für die Menschen um sie herum fehlt. Dass ihnen der irgendwie abhanden gekommen, verloren gegangen ist. Warum? Warum ist das so, überlege ich, während ich nach Hause fahre und versuche den brüllenden Wutbären in meinem Bauch wegzuatmen. Vielleicht, weil die Menschen keine Zeit mehr haben, immer im Stress sind? Vielleicht, weil sie denken, dass Gewinn und Erfolg alles ist, was in der Leistungsgesellschaft zählt? Vielleicht, weil sie alles haben, was sie brauchen und nicht mehr auf andere angewiesen sind?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich so nicht sein möchte. Und doch hat mich diese Situation dazu gezwungen. Hat aus mir den gleichen egoistischen, rücksichtslosen Menschen gemacht. War das richtig, was ich getan habe? Ja, es war richtig, beruhige ich mich. Es ist wichtig, die Menschen mit ihrem eigenen Verhalten zu konfrontieren. Es ihnen zu spiegeln. Damit sie wissen, wie es sich anfühlt. Damit sie begreifen, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf andere Menschen hat! Aber so ändert sich doch nie etwas. Vielleicht hätte ich doch stehen bleiben müssen. Mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Ein Vorbild sein müssen. Aber, was hätte ich davon gehabt? Vermutlich stünde ich immer noch vor der Engstelle. Und die anderen würden mich weiter ausnutzen.

Als ich zu Hause in den Parkplatz einbiege, fällt mir eine Situation ein, die ich vor einigen Jahren in England erlebt habe. Unten im Süden. Irgendwo auf dem Land. Zwischen Klippen, Heide und Kühen. Wo die Straßen so eng sind, dass zwei Autos kaum aneinander vorbei kommen. Und trotzdem funktioniert es. Irgendwie. Nur an diesem einen Tag, da funktionierte es nicht. Da stand ich im Stau. Rechts von mir meterhohe Wiesen, links von mir meterhohe Wiesen. Vor mir ein Auto. Hinter mir ein Auto. Stillstand. Was passiert war? Keiner wusste es. Keiner konnte etwas sehen. Aber: Kein Hupen. Kein Motzen. Kein Plärren. Stattdessen: Warten. Ruhe. Geduld. Ein Plausch mit dem Vordermann. Bis ein junger Mann die Straße entlang kam. An jedem Auto stehen blieb. An jeder Autoscheibe klopfte. Jedem freundlich erklärte, dass da vorne ein LKW warte, der hier durch müsse und an dem keiner vorbei käme. Ob man vielleicht zurückfahren könne, fragte er höflich. Natürlich, einsichtiges Nicken. Dafür habe man Verständnis. Kollektives Rückwärtsgang einlegen. Blick nach hinten. Langsames Anfahren. Auto für Auto setzte sich in Bewegung.

von: Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Ronja Goj
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