"Freiwerden: Das ist das große Thema von Ostern!"

Interview mit dem Religionspädagogen Dr. Markus Tomberg über den Sinn von Ostern

Lieber Herr Tomberg, Christen glauben, dass Ostern nur mit dem Karfreitag einen Sinn macht. Warum?

Markus Tomberg: Ostern ist nicht zuerst das Fest der Eier und Hasen, sondern das Fest der Auferstehung Jesu – auch wenn der Name des Festes das im Deutschen nicht deutlich macht. Es gehört untrennbar mit dem Karfreitag (und übrigens auch dem Gründonnerstag) zusammen: diese drei heiligen Tage vom Leiden, vom Tod und der Auferstehung Jesu, die Christen feiern, bilden das sogenannte „triduum paschale“. Ostern ist ein höchst dynamisches, emotionales, dramatisches Fest: es beginnt mit dem Gedächtnis des letzten Abendmahles, erinnert in einer eindrucksvollen Liturgiefeier am Karfreitag um 15.00 Uhr an Leiden und Tod Jesu und mündet in die Freude der Auferstehung und der Überwindung des Todes. Und die wird dann gleich fünfzig Tage lang gefeiert, bis Pfingsten, das heißt auf deutsch etwa das „Fest des Fünfzigsten Tages“.

In der Bibel heißt es, Jesus ist für unsere Sünden gestorben. D.h. Jesus opferte sich für uns, damit wir nicht für unsere Sünden mit dem Tod bestraft werden. Ist Gott ein Rache-Gott, der nur durch den Opfertod seines Sohnes zu besänftigen war?

Markus Tomberg: Der Philosoph Ernst Bloch hat noch weit drastischer formuliert: es sei ein „Kannibale im Himmel“, der den Tod Jesu gewollt habe – ein großes Missverständnis, zu dem die christliche Theologie allerdings einen Beitrag geleistet hat. Einer der großen Theologen des frühen Mittelalters, Anselm von Canterbury, hatte sich die Herausforderung gestellt, den christlichen Glauben vernünftig zu verstehen. Das war ein großartiges Unternehmen. Allerdings war Anselm stärker, als es ihm bewusst war, in der Vorstellungswelt des Mittelalters gefangen. Und so gelangte er zu der Vorstellung, dass das Opfer des Sohnes notwendig war, um Gott Genugtuung für die Sünden der Menschen zu geben.

Das Markusevangelium entwirft eine sehr interessante und ganz andere Perspektive auf den Gedanken, dass Jesus stellvertretend gestorben ist: Barabbas wird nicht verurteilt, Jesus dagegen an seiner Stelle. Jesus stirbt gewissermaßen für die Schuld eines anderen. Der andere, Barabbas, wird frei (Mk 15,6-15). Das ist eine Geschichte, sicher, aber der christliche Glaube lebt von Geschichten (Jesus selbst war ein großer Geschichtenerzähler!), und Geschichten erklären uns nun einmal, wie die Welt ist und welchen Ort wir Menschen in der Welt haben. Und das, was Markus erzählt, ist ganz klar: Jesus stirbt, Barabbas wird frei (ohne dass er eine Gegenleistung bringen muss), und Gott beglaubigt Jesus durch die Auferweckung. Freiwerden: das ist das große Thema von Ostern!

Menschen von heute tun sich schwer mit dem Begriff Sünde, erst recht mit der Vorstellung, dass wegen der Sünden der Menschen Jesus sich geopfert hat. Was wäre eine moderne Übersetzung?

Markus Tomberg: Ich habe soeben davon gesprochen, dass der Festname „Ostern“ das, was Christen feiern, gar nicht zum Ausdruck bringt, sondern das „Eigentliche“ gewissermaßen versteckt, so als wäre Ostern selbst ein Rätsel, ein Suchspiel. Die Ostergeschichten in der Bibel machen deutlich: das ist gar nicht so falsch. Was an Ostern mit Jesus geschehen ist, wird da nämlich gar nicht erzählt. Erzählt wird, wie Menschen, Frauen zuerst, nach und nach und eher ungläubig auch Männer, die Erfahrung machen, dass alles anders ist, dass das, was sie bisher geglaubt, felsenfest für sicher gehalten haben, dass das alles nicht mehr stimmt. Der Tod, ja, selbst der ist nicht mehr das, was er einmal war.

Ostern, und damit komme ich zu Ihrer Frage, feiert unsere Erlösung – das ist der klassische Begriff. Er ist, glaube ich, ziemlich unverständlich geworden. In der Religionspädagogik wird diskutiert, ob man vieles von dem, was Erlösung meint, auch mit dem Wort „Lösung“ beschreiben kann. Lösung ist gewissermaßen in der Erlösung versteckt. Und vielleicht ist Ostern ein Lösungs-Fest. Nicht, weil es eine klare Lösung für unsere Fragen liefert, sondern weil es dazu einlädt, sich von dem zu lösen, was uns als allzu sicher und unumstößlich erscheint und uns fesselt. Ja, Ostern ist auch eine große Verunsicherung! Eine heilsame Verunsicherung allerdings.

Erlösung – Lösung – von dem Erwarteten und Altbekannten, von den schlechten Gewohnheiten, von Verstrickung und Schuld. Neu anfangen dürfen und können. Vielleicht kann man in diese Richtung denken, um zu verstehen, was Christen an Ostern feiern.

Jesus ist gestorben, um uns zu erlösen - was hat das für Auswirkungen für das tägliche Leben?

Markus Tomberg: Vorweg: Es reicht nicht, sich nur auf den Tod Jesu zu konzentrieren. Leben, Tod und Auferstehung gehören zusammen. Ohne sein Leben wäre sein Tod bedeutungslos, ohne die Auferweckung, die Beglaubigung von Jesu Gottvertrauen durch Gott selbst, wäre sein Sterben sinnlos.

Ostern, das ganze Ostern, will dann die Befreiung aus Verstrickungen, die wir nicht durchschauen, nicht einmal mehr als solche wahrnehmen. Jesus hat die dämonische Macht des Bösen dechiffriert, entzaubert, ihr damit ihre Macht genommen. Wer sich darauf einlässt, lebt sein Leben anders.

Was bedeutet Jesu Tod und Auferstehung für Sie persönlich?

Markus Tomberg: Eine Herausforderung: aus dem Verschreckt-Sein über das, was uns unmöglich scheint, zu lernen, wie man leben könnte. Und ein wenig von diesem anderen Leben schon jetzt zu erfahren und dieses andere Leben zu feiern.

Markus Tomberg (Jg. 1968) ist ab dem 1. März 2012 ordentlicher Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda. Zuvor war er als Religionslehrer im Erzbistum Freiburg tätig. Neben wissenschaftlichen Publikationen ist er Herausgeber eines Unterrichtswerks für den Religionsunterricht und schreibt Kinderbücher. Markus Tomberg ist verheiratet und hat 5 Kinder.

Die Fragen stellte Elfriede Klauer, www.pfarrbriefservice.de.

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Das Schwerpunktthema für April 2012

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Text: Markus Tomberg/Elfriede Klauer
In: Pfarrbriefservice.de