Gott liebt die Fremden - Vom Miteinander von Einheimischen und Zugewanderten aus Anlass der Interkulturellen Woche

Das Schwerpunktthema für September 2008

am 06/02/2008 - 22:00  

„In der Kirche kann es keine ‚Ausländer‘ geben, denn alle sind eins in Christus“, heißt es im Gemeinsamen Wort der Kirchen zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht. Schaut die Wirklichkeit so aus? Wie gehen Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern miteinander um? Wo gibt es gesetzliche Regelungen, die Integration erschweren?

Es ist das Anliegen der Interkulturellen Woche, das Miteinander von Einheimischen und Fremden in den Blick zu rücken. Jedes Jahr Ende September organisieren verschiedene gesellschaftliche Gruppen in der ganzen Bundesrepublik eine Vielzahl von Veranstaltungen. Wir möchten Sie einladen, das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten auch in Ihrem Pfarrbrief zu einem Thema zu machen.

    Bilder
    von

    Peter Weidemann

    Ein Beispiel aus Erfurt zeigt, wie sich in einer Kirchengemeinde Ausländer und Deutsche gegenseitig kennen und schätzen gelernt haben.

    von

    Jürgen Damen

    Herr,

    mach mich mutig, auf fremde Religionen zuzugehen
    aber sei mir dann bitte auch nicht böse
    wenn ich Dich danach ganz anders sehe.

    Jürgen Damen

    Aus einer Predigt von Karl Kardinal Lehmann

    von

    „... Wir werden einzelne Forderungen (nach Teilhabe und Integration; Anm. der Red.) nicht einlösen können, wenn uns nicht eine grundlegende Umkehr im Denken und in unserem Vorverständnis des "Fremden" bestimmt.

    Zur Geschichte der Interkulturellen Woche

    von

    Es waren aktuelle gesellschaftliche Beobachtungen, die die großen christlichen Kirchen in Deutschland im Jahr 1975 veranlassten, den "Tag des ausländischen Mitbürgers", aus dem sich dann die heutige Interkulturelle Woche / Woche der ausländischen Mitbürger entwickelt hat, ins Leben zu rufen.

    von

    Die Interkulturelle Woche ist eine Initiative der Deutschen Bischofskonferenz, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie.

    von

    Gemeinsames Wort der Kirchen

    Auszüge aus dem Gemeinsamen Wort der Kirchen zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht:

    Das Ökumenische Friedensgebet 2008 ist ein Aufruf zur Solidarität mit allen Opfern von Gewalt

    von

    „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Mt 25,40

    von

    Mgr. François Yakan

    Jesus Christus, Du gibst uns Dein Gebot
    geschwisterlicher Liebe. Du öffnest uns darin
    den Weg des Glücks und des Friedens.

    von

    Guido Hügen OSB

    Selig, die mit den Augen des anderen sehen können
    Und seine Nöte mittragen,
    denn sie werden Frieden schaffen.

    Selig, die willig sind, den ersten Schritt zu tun,
    denn sie werden mehr Offenheit finden
    als sie für möglich halten.

    Vorsicht bei unbedachter Mischung von Kulturen

    von

    Jürgen Damen

    Beispiel 1

    Zur russisschen Alltagskultur gehört der Wodka
    zur deutschen Alltagskultur gehört der Wein
    trinkt man zuerst Wodka und dann Wein, ist das Ergebnis niederwerfend

    Beispiel 2

    Tipp für Pfarrbriefredaktionen

    Berichten Sie über Gruppen, Vereine, Aktionen, Privatinitiativen ..., die ein besseres Zusammenleben von Einheimischen und Fremden zum Ziel haben. Stellen Sie in Wort und Bild die Initiatoren und deren Beweggründe und Erfahrungen vor.

    Tipp für Pfarrbriefredaktionen

    Interviewen Sie Menschen, die in Ihrer Gemeinde leben und aus einem anderen Land stammen. Fragen Sie danach, wie es Ihnen ergangen ist, als sie nach Deutschland kamen, wie sie sich hier fühlen, was sie an ihrer neuen Heimat schätzen, was sie vermissen und was sie sich von Kirche und Pfarrei wünschen. Veröffentlichen Sie die Interviews zusammen mit einem Bild Ihres Gesprächspartners.

    Buchtipp: Christen und Muslime Tür an Tür. Basiswissen kompakt.

    Die drei Autoren Bekir Alboğa, Georg Bienemann und Werner Höbsch laden ein, offen und ohne Angst auf die in Deutschland lebenden Muslime zuzugehen und einander besser kennenzulernen.

    Ob auf den Straßen und Plätzen oder am Arbeitsplatz, ob in der Schule oder im Krankenhaus – die Begegnung mit Muslimen gehört inzwischen zum Alltag. Mit 3,4 Millionen Gläubigen sind sie nach den beiden christlichen Konfessionen die drittgrößte Religionsgemeinschaft im Land. Wie leben Muslime in Deutschland? Und was glauben sie? Die Autoren dieses Buches, ein Muslim und zwei Christen, wollen durch grundlegende Informationen zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen ermuntern und zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

    Für mehr Interesse aneinander

    Dialog bedeutet für sie, nicht das Trennende in den Vordergrund zu stellen, sondern für ein Klima des Interesses aneinander zu sorgen. Die Kunst dabei ist, das Gemeinsame zu suchen und das Trennende, Andere nicht zu leugnen. „Das Andere und der Andere dürfen und sollen anders sein und bleiben, aber sie sind nicht Anlass zur Ausgrenzung, sondern Grund, den Reichtum der Vielfalt zu erkennen.“

    Den Glauben der anderen kennenlernen

    Nach einer Einführung zur Religionslandschaft in Deutschland und zur Situation der Muslime stellen die Autoren die wichtigsten Aspekte des Christentums und des Islam vor. Für die Muslime sind das die „fünf Säulen des Islam“, das Bekenntnis zu Allah, den Einen Gott, das tägliche fünfmalige Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, das Pflichtalmosen und die Pilgerfahrt nach Mekka, die jeder Muslim einmal in seinem Leben unternehmen soll. Für die Christen formuliert das Glaubensbekenntnis den Kern des christlichen Glaubens an den Dreieinen Gott. Dazu weisen sie auf einige christliche Rituale und Praktiken hin, die den „fünf Säulen“ ähnlich sind und die Verwandtschaft von Christen und Muslimen erkennen lassen: Gebet, Wallfahrt und der Einsatz für Notleidende. Sie stellen die christliche und muslimische Frömmigkeitspraxis vor und beschreiben die wichtigsten Feste. Zu diesen Festen gegenseitig Grüße auszusprechen, sei eine wichtige Geste der Anerkennung und des Interesses, betont Bekir Alboğa, Dialogbeauftragter der DİTİB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V., türkisch: Diyanet İşleri Türk İslam Birliği), des bundesweiten Dachverbandes türkisch-islamischer Moscheegemeinden in Deutschland.

    Türkisch geprägte Darstellung des Islam

    Im Kapitel über das „Leben in der Welt“, das mit den Themen Islamisches Rechtsverständnis und Stellung der Frau im Islam die vielleicht heikelsten Punkte im Verhältnis von Christen und Muslimen enthält, wird besonders deutlich, dass die Darstellung des Islam in diesem Buch türkisch geprägt ist. Diese Richtung des Islam ist geprägt von der strikten Trennung zwischen Religion und Staat und hat weitgehend seinen Frieden gemacht mit der säkular geprägten Demokratie. In Deutschland vertritt die DİTİB unter Aufsicht der türkischen Regierung diese Richtung des Islam. Auch wenn nicht alle Muslime diese Positionen teilen, sind sie doch für das Bild des Islam in Deutschland sehr wichtig, nimmt die DİTİB doch für sich in Anspruch, die Mehrheit der im Land lebenden Muslime zu vertreten.

    Aufeinander zugehen

    Richtig rund wird das Buch schließlich durch die zahlreichen Adressen, Links und Literaturhinweise sowie durch ein kleines Lexikon, in dem wichtige Begriffe des Christentums und des Islam kurz erläutert werden.

    „Christen und Muslime Tür an Tür“ ist eine Einladung, offen und ohne Angst auf die in Deutschland lebenden Muslime zuzugehen und einander besser kennenzulernen. Das Buch räumt mit vielen Vorurteilen auf und zeigt sehr eindrücklich, dass Integration keine Einbahnstraße ist, die nur von „den Anderen“ etwas fordert. Einheimische und Fremde, Muslime und Christen müssen aufeinander zugehen, um sich als vielfältige Gemeinschaft zu erfahren. Der Weg mag anstrengend sein, aber er lohnt sich. (Borromäusverein)

    Bekir Alboğa, Georg Bienemann, Werner Höbsch: Christen und Muslime Tür an Tür. Basiswissen kompakt. München: Don Bosco Verlag 2008. - 131 S., 14,90 Euro.

     

    Der Buchtipp für Jugendliche und Erwachsene

    Armin Greder: Die Insel. Eine tägliche Geschichte.

    Ein Fremder landet am Strand der Insel - ausgehungert und nackt. Die Inselbewohner starren ihn an, denn er ist nicht wie sie. Am besten ist es, wenn er wieder geht. Doch auf dem Meer würde er nicht überleben. Er wird in einen Stall eingesperrt und mit Essensresten versorgt. Doch er bleibt eine Beunruhigung. Schließlich rotten sich die Einwohner zusammen, binden den Mann und schicken ihn mit seinem Floß auf das Meer zurück. Dann bauen sie eine Mauer um die Insel und töten vorbeiziehende Vögel, damit niemand von der Insel erfährt.

    Es liegt nahe, hier eine Parabel auf das Problem der Asylanten in einer saturierten Gesellschaft zu sehen. Die wohlbeleibten Inselbewohner haben Angst, dass ihnen der hungrige Fremde etwas nehmen könnte. Doch das ist nur eine Deutung und sie greift angesichts des offenen Textes und der ausdrucksstarken Bilder zu kurz. Der Fremde droht den Alltag der Inselbewohner zu verändern. Die Frage nach einem anderen Leben berührt sie erst in dem Moment, als der Fremde ihre Ordnung stört und sie allein durch sein Dasein mit der Forderung, aber auch der Chance auf mehr Menschlichkeit konfrontiert werden. Dieser Aufbruch aus dem gewohnten Leben ist im Wortsinn un-heimlich und verursacht Angst, die zu Brutalität führt. Nur eine Befreiung scheint möglich: der Fremde muss weg. Seinen Tod nimmt man in Kauf. Die Bewohner isolieren sich völlig. Weil sie die Beziehung zu einem einzelnen nicht aushalten konnten, gehen sie den Weg in den Beziehungstod zur gesamten Welt. Es ist zu wenig, in dem Fremden nur den Bedürftigen zu sehen. Er klopft nicht nur an Türen, sondern vor allem an die Herzen der Menschen an. Mit ihm kommt die Chance, sich als liebende Menschen zu entdecken und eine offenere Welt zu gestalten. Doch die Angst siegt.

    Die Insel erzählt von jenem seltsamen Phänomen, dass Menschen das Gute spüren und gerade deshalb das Böse tun. Dass sie die Hand abhacken möchten, die sich ihnen entgegenstreckt, dass sie den töten möchten, der Befreiung mit sich bringt.

    Das Buch „Die Insel“ wurde ausgezeichnet mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2003 sowie mit 'Die besten 7 Bücher für junge Leser' 2002.

    (Horst Patenge/Borromäusverein)

    Armin Greder: Die Insel. Eine tägliche Geschichte. Verlag: Sauerländer, 2002, ISBN-10: 3794149300; 15,80 Euro.

     

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