"Wir müssen die Heiligen von ihren Podesten herunterholen"

Interview mit dem bekannten Brauchtums-Experten Manfred Becker-Huberti

Im Interview mit katholisch.de spricht Manfred Becker-Huberti, ehemaliger Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Erzbistums Köln sowie Experte für religiöse Volkskunde, über Heilige und deren Bedeutung im 21. Jahrhundert.

katholisch.de: Herr Becker-Huberti, haben Sie einen Lieblingsheiligen?

Manfred Becker-Huberti: Ich heiße Manfred Peter und feiere auf Peter am 29. Juni Namenstag; Petrus zeigt, dass nur derjenige, der schwach ist, auch Stärke zeigen kann. Er ist nicht von Anfang an perfekt, sondern muss sich zur Heiligkeit hin entwickeln. Das gibt mir noch Hoffnung.

katholisch.de: Was haben uns die Heiligen heute als Kollektiv zu sagen? Als es noch feste Standesordnungen gab, konnte man ja noch verstehen, dass es auch im "Himmel" eine Art Hierarchie geben musste, aber heute?

Becker-Huberti: Die Heiligenhierarchien waren immer ein Abbild der irdischen Verhältnisse. Heiliger als heilig kann man ja wirklich nicht werden. Darum gibt es auch keine Hierarchie unter den Heiligen, es sei denn, man macht sich eine. Das Kollektiv der Heiligen ist deshalb interessant, weil es zeigt, dass man auf höchst unterschiedliche Art und Weise dieses Ziel erreichen kann. Außer der Gottesmutter ist keiner ein "geborener Heiliger" gewesen.

katholisch.de: Was haben Brauchtum und Heiligenvita miteinander zu tun?

Becker-Huberti: Das Brauchtum übersetzt das Heilige in den Alltag, zum Beispiel durch Nachvollzug oder Varianten. Das Mantelteilen des Martin heißt für manche Kinder, dass sie mit armen Kindern teilen, was sie geschenkt bekommen haben. Die Sternsinger behalten gar nichts von dem, was ihnen geschenkt wird, um damit bedürftigen Kindern in den Entwicklungsländern zu helfen.

katholisch.de: Warum setzten Sie sich so für die Feier von Namenstagen ein?

Becker-Huberti: "Geburtstag hat jede Kuh", sagt der Volksmund nicht zu Unrecht. Geburtstag ist eben nichts Besonderes. Den Namen eines Heiligen wählen aber meine Eltern für mich aus - weil er in der Familie eine Tradition hat, oder weil der Heilige Vorbild sein soll. Der Namenstag ist individueller und bildhafter als der Geburtstag. Deshalb bin auch für das Namenstagfeiern, was nicht heißt, dass man runde Geburtstage auslassen soll. Ein Rheinländer, wie ich es bin, findet allemal einen Grund zum Feiern.

katholisch.de: Ist das von der Kirche proklamierte und gepflegte Heiligengedächtnis heute noch zeitgemäß?

Becker-Huberti: Dieses Verfahren hat sich erst kurz vor dem ersten Jahrtausend entwickelt. Und es war nötig, damit überall auf der Welt die gleichen hohen Maßstäbe angelegt werden und Willkür keinen Platz (mehr) hatte. Ob allerdings jede bürokratische Barriere und der oft hohe Zeitaufwand notwendig sind, sei dahingestellt. […]

katholisch.de: Wie "staubt" man die alten Heiligenfiguren ab?

Becker-Huberti: In einem ihrer Gedichte schreibt Hilde Domin über die Heiligen, sie seien müde, auf ihren Podesten zu stehen. Dort müssen wir sie herunterholen, abstauben und mit unserem Alltag in Verbindung bringen. Es ist sicher interessant, was sie in ihrer Zeit getan haben, aber wir müssen sie befragen, wie sie heute handeln würden.

katholisch.de: Warum gibt es so wenige heilige Ehefrauen und Ehemänner?

Becker-Huberti: Weil denjenigen, die mit Heiligsprechungen beschäftigt sind, wohl oft das Hemd näher ist als der Rock. Der geistliche Stand hat sich - historisch gesehen - zu oft mit sich selber befasst.

Das Interview führte Markus Schüppen, www.katholisch.de

Verknüpft mit:

Das Schwerpunktthema für November 2012

Vor dem Herunterladen:

Datei-Info:
Dateiformat: .doc
Dateigröße: 0,03 MB

Sie dürfen den Text NICHT in sozialen Medien nutzen (z.B. Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, etc.)

Beispiel für den Urhebernachweis, den Sie führen müssen, wenn Sie den Text nutzen

Text: Markus Schüppen
In: Pfarrbriefservice.de