Werke der Barmherzigkeit: Durstige tränken

Eine Beispielgeschichte

Wenn aber der Menschensohn kommen wird, so wird er sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann bist du durstig gewesen und wir haben dir zu trinken gegeben? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Die Bibel, Matthäus, Kap. 25)

Das schönste Erlebnis wollten wir einander erzählen. Und es war schon toll, was die Konfirmanden da aufzuzählen wussten. Ein Segeltörn auf der Nordsee ließ alle tief Luft holen, auch eine Bergtour durch die Pyrenäen fand viel Beifall. Ein Junge erzählte voller Stolz, dass er einen Bullterrier geschenkt bekommen hatte und erntete damit ganz unterschiedliche Reaktionen. Einen Hund hätten sich einige gewünscht, aber ausgerechnet so einen?!

In der amüsiert lockeren Erzählrunde wechselte die Stimmung, als Kerstin mit einem kurzen Satz antwortete. "Mein schönster Tag war der, als mein Vater mit dem Saufen aufgehört hat!" Plötzlich war es still im Zimmer. Einige erröteten sichtbar. Andere waren bemüht, irgendeinen Punkt zu finden, auf den sie den Blick richten konnten. Fast alle zeigten Anzeichen von Peinlichkeit.

Kerstins Vater war ein Säufer, und sie spricht das einfach aus. So etwas kommt nicht oft zur Sprache in einer großen Runde, noch dazu in diesem Alter zwischen 14 und 15, wo jeder darauf bedacht ist, sein Gesicht nicht zu verlieren. Wo man gerade vor den Gleichaltrigen bestehen will.

Kerstin bemerkte die Stille wohl, doch sie schien unbeeindruckt davon. Ganz ruhig und gelassen erzählte sie weiter: "Es war die Hölle, als mein Vater noch getrunken hat. Er war unberechenbar. Mal war er furchtbar großzügig und unheimlich nett, und im nächsten Augenblick flog der Aschenbecher durch das Zimmer. Geschlagen hat er uns Kinder nicht, auch Mutter nicht, aber er hat es immer angedeutet - und wir hatten eine höllische Angst, dass er die Kontrolle doch mal irgendwann verlieren könnte."

Kerstin erzählt, und wir erfahren, was das für sie bedeutet hat, als der Vater trank. Einigen Gesichtern sehe ich an, dass sie nur zu genau wissen, wovon da gerade die Rede ist. Kerstin beschreibt den Alltag, erzählt davon, dass nie Geld da war und dass sie immer Angst hatte, der Vater könne irgendwann seinen Job verlieren. Sie erzählt, dass die Wochenenden ganz besonders schlimm waren, weil er dann noch hemmungsloser trank. Oft ist er gar nicht ins Bett gegangen, sondern hat gleich auf dem Sofa geschlafen, vor dem Fernseher.

Was dann passiert ist, weiß Kerstin nicht mehr so genau, aber daran erinnert sie sich: "Eines Tages sagte Vater, dass er alkoholkrank sei und dass er das jetzt weiß und nun nie wieder Alkohol trinken darf. Nicht mal eine Weinbrandbohne darf er essen. Wir haben gar nichts gesagt. Wir haben nur gestaunt", erzählt sie.

"Und dann hat er ein Glas Wasser geholt und gesagt, dass er das jetzt endlich wieder genießen will, in vollen Zügen. Und wenn wir merken, dass er mal ganz unruhig und flattrig wird oder sogar aggressiv, dann sollen wir ihm einfach nur ein Glas Wasser holen. Wir brauchen dann gar nichts zu sagen, er weiß dann schon Bescheid. Das haben wir dann auch gemacht. Ein paar Mal. Gar nicht so oft. Und dann hat er gelächelt. Das ist jetzt schon über ein Jahr her. Aber seitdem ist es ganz anders bei uns. Wir unternehmen viel. Geld haben wir auch mehr als früher. Und Mutter geht es endlich wieder gut. Jetzt kann ich sogar hier darüber reden", sagt Kerstin. "Früher, als Vater noch trank, haben wir so getan, als sei alles in Ordnung. Nach draußen haben wir ihn immer verteidigt. Niemand sollte etwas merken. Seit Vater keinen Alkohol mehr trinkt, ist er zu einem Genießer von Mineralwasser geworden. Er kann bestimmt ein Dutzend Sorten am Geschmack erkennen. Zu seinem Geburtstag haben wir ihm einen Kasten Mineralwasser geschenkt: zwölf verschiedene ausländische Marken, und er ist fast ausgeflippt vor Freude."

Alle atmeten tief durch, die Stimmung war wieder entspannt. Aber erzählen wollte jetzt keiner mehr von seinem schönsten Erlebnis. Kerstins Geschichte hatte alle beeindruckt, die sollte so stehen bleiben, sie war einfach zu schön!

Jörg Machel
Quelle: www.emmaus.de – Homepage der Ev. Emmaus-Ölberg-Kirchengemeinde Berlin-Kreuzberg

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Das Schwerpunktthema für Juni 2011

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Text: Jörg Machel
In: Pfarrbriefservice.de