Sucht aus der Steckdose

Kolumne: Zwischenmenschliches

„Ich mache mir große Sorge um meinen Sohn Pascal. Er ist 15 Jahre alt und verbringt seine ganze Freizeit nur noch am Computer, wo er mit irgendwelchen Leuten im Internet Spiele macht, ‚zocken‘ sagt er, manchmal 4 bis 5 Stunden am Tag. Er vernachlässigt die Schule, seine Freunde, bewegt sich kaum, schläft und isst schlecht, ist zunehmend gereizt und aggressiv, wenn wir mit ihm über sein Verhalten sprechen wollen. Er ist mit seinem Computer regelrecht verheiratet. Wohin führt das?“ Solche und ähnliche Schilderungen kennen die Lebensberatung und die Telefonseelsorge in steigendem Maße. Das, was Kinder für ihre Entwicklung so notwendig brauchen, was sie glücklich und stark macht und ihre Phantasie beflügelt, nämlich das Spielen, wird durch den exzessiven Kontakt zunehmend zu einem Suchtpotential, das verhaltensauffällig und krank machen kann. Das anregende und spannende Computerspielen („Gaming“) mutiert immer mehr zur Spielsucht („Gambling“) mit all den Faktoren, die eine Sucht ausmachen: zwanghafte Dosissteigerung, das „nicht mehr aufhören können“, Entzugserscheinungen, verbunden mit körperlichen, seelischen und sozialen Störungen und Schäden. Wann wird Spielleidenschaft zur Spielsucht? Worauf sollten Eltern hier achten? 

Zwischen Spielfreude und Spielsucht 

Besorgniserregend ist hier nicht nur die reine Stundenzahl, die ein Jugendlicher am Computer oder am Handy verbringt, sondern die beinahe Ausschließlichkeit dieser Beschäftigung. Wenn er keine anderen Spiele mehr kennt, sich kaum noch bewegt, die Sonne regelrecht meidet, wenn die reine Beschäftigung mit seiner „virtuellen“ Welt die eigentliche Realität immer mehr ausspart, dann ist Alarm angesagt. Entscheidend ist hier die Motivation für das Spielen. Fatal ist etwa die Erfahrung, dass Jugendliche ersatzweise „virtuelle“ Probleme am PC lösen und dadurch den nächst höheren Leistungs-Level erreichen, aber sich den tatsächlichen Problemen nicht stellen. 

Einem Jugendlichen das Computerspiel grundsätzlich zuzugestehen und ihn gleichzeitig zu anderen Beschäftigungsaktivitäten anzuregen und sie ihm auch realisieren zu helfen, das ist der beste Schritt in Richtung seelischer Balance und Sucht-Vermeidung. Wer sich von Anfang an für das Spielen seiner Kinder interessiert, genau hinschaut und mit ihnen im Gespräch bleibt, kann am besten bedrohliche Auswüchse von Anfang an stoppen. Das bewahrt auch die Eltern vor der Bemerkung ihrer Kinder, von „Tuten und Blasen“ keine Ahnung zu haben. Zusammen mit den Jugendlichen so etwas wie ein festes Zeitkonto für das Spielen zu vereinbaren und konsequent zu beachten, ist hier sehr hilfreich. Bei deutlichem Leistungsabfall in der Schule, Zunahme emotionaler Gereiztheit und Übermüdung sollte man professionelle, ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. 

Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe
In: Pfarrbriefservice.de