Schau hin! Oder doch lieber weg?

Wie es gelingen kann, mit den Augen des Herzens zu sehen

[…] Was ich sehe, hat immer auch mit meinem inneren Auge zu tun, mit dem was mich bewegt, mich umtreibt und beschwert. Menschen anschauen, ihr Leben betrachten, ihre Situation wirklich wahrnehmen, den Blick eines anderen suchen oder aushalten, das alles macht etwas mit mir. Es stellt mich in Beziehung zu anderen, es fordert mich heraus Stellung zu nehmen, meine Meinung zu äußern und es rührt mich an. […]Wenn ich mit wachem Auge wahrnehme, bleiben die Momente und Augenblicke gespeichert in meinem Gedächtnis, in meiner Seele.

Der Familienvater, der bei uns am Pfarrhaus klingelt und mit gesenktem Blick um Lebensmittel bittet, weil sein Kurzarbeitergeld in Coronazeiten nicht ausreicht, um am Ende des Monats die Familie durchzubringen; der Kollege, der mir ermutigend zuzwinkert, als jemand ganz unbegründet im Lehrerzimmer all seine Wut an mir auslässt; oder der Hund, der mir bei einem Krankenbesuch die Pfote auflegt und mich mit dem berühmten Hundeblick sekundenlang anschaut, als wolle er sagen: "Bitte, tu was!" Nicht immer bin ich in der Verfassung, mit offenem Blick anderen zu begegnen, wirklich alles zu sehen. In bewegten Zeiten kann es vorkommen, dass ich den Blick allein auf mich selbst richte und kaum mitbekomme, was sonst noch los ist. […]

Hinsehen oder wegsehen?

Hinsehen oder wegsehen. Das kann auch ganz schnell existenziell werden. […] Die, die betreten auf den Boden schauen und schweigen, wenn jemand an der Supermarktkasse oder im Betrieb menschenfeindliche Witze über Frauen, Juden oder Fremde macht.

Oder Geschäftsleute, die genau wissen, dass ein T-Shirt in Bangladesch zu Hungerlöhnen und unter menschenunwürdigen Verhältnissen hergestellt wird und die dennoch nichts dagegen tun, ein Lieferkettengesetz für überflüssig halten und nur wegschauen, um große Kasse zu machen.

Oder wir Verbraucher, wenn wir, obwohl wir es wissen, dass nur in fair gehandelter Schokolade keine Kinderarbeit steckt, uns dann doch immer wieder vom Blick auf die schöne bunte Werbung und ihren Versprechungen beeindrucken lassen. All das ist bittere Realität und es schreit danach gesehen und verändert zu werden. […]

Man kann es spüren …

Man kann es spüren, wenn in einer Kirchengemeinde Menschen einander wirklich wahrnehmen. Wenn unsere syrischen Kinder im Kindergarten freundlich von den anderen aufgenommen werden und sie schnell Freundschaften schließen. Wenn so viele, die sich in der Kirche engagieren auch in der Zivilgesellschaft anpacken. Ehrenamtlich bei der Feuerwehr oder im Stadtrat, bei Ärzte ohne Grenzen oder in der Hausaufgabenbetreuung, im Besuchsdienst einer Senioreneinrichtung oder in einem der vielen Vereine, wo sie für den Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. Das alles ist nicht selbstverständlich, es ist bemerkenswert und es kommt von Herzen.

Das alte lateinische Wort misericordias, also Barmherzigkeit fasst das zusammen. Da wo eine Not, ein Elend, eine Misere wahrgenommen wird und wo dann das Herz dazukommt, da entsteht sie. Das ist beileibe kein Automatismus. Barmherzigkeit ist keine Selbstläuferin. Sie fordert unsere beherzte Kopf- und Handarbeit. Und sie benötigt unsere Widerstandskraft. Ich muss mich immer wieder neu dazu ermutigen genau hinzusehen. Das ist anstrengend. Wer das tut in seinem Umfeld und weltweit, der wird viel sehen. Und kann dann schnell dazu verleitet werden, aufzugeben, sich von nichts und niemandem mehr anrühren zu lassen, den Blick abzuwenden und hart zu werden. […]

Übersehen zu werden, kränkt

Einer Studie zufolge fühlen sich 30 Prozent der Deutschen nicht gesehen.¹ Dieses „unsichtbare Drittel“ ist auf politisch-gesellschaftlicher Ebene kaum sichtbar, so die Forschenden.
Das ist weder für die Demokratie, in der doch jede Stimme zählt, noch für die Menschen selbst gut. Vereinsamung und Isolation nagen am Selbstwert und sind belastend. Wir brauchen den Blick und die Zuwendung anderer. Übersehen zu werden, das ist eine große Kränkung. […]

Bis heute werden auch in der Kirche Menschen übersehen. Und ich bin dankbar für jene, die mir als Pfarrerin die Augen öffnen. Etwa Tobias Faix, ein Theologie-Professor, der im vergangenen Jahr zum Thema „Singlesein in der Kirche“ geforscht hat. Über 3000 Interviews zeigen: Alleinstehende in Kirchengemeinden fühlen sich vernachlässigt und ausgegrenzt. […] Nach einem Gottesdienst hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, dass es schwierig sei für Menschen mit diverser Identität, die also nicht wissen ob sie eher männlich oder weiblich sind, wenn der Pfarrer beim Psalmgebet sagt: „Die Frauen beginnen und die Männer lesen die eingerückten Zeilen des Psalms.“ – „Da bin ich draußen“, sagt mein Gegenüber. […] Ich merke, ich lerne immer wieder dazu. Und zum wachen Blick gehört wohl auch das offene Ohr, das Gespräch, bei dem man sich traut geradeheraus zu reden und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Eigentlich faszinierend. Unser Erkenntnisvermögen steht nie still. Durch Menschen, denen wir begegnen, kommt etwas in Bewegung. Wir bleiben Suchende. Auch wenn wir den Dingen manchmal hinterherrennen. […]

Mit den Augen Gottes sehen

„Und Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Wir leben unter diesem gnädigen, so durch und durch gütigen Blick Gottes. […] Gott sieht und sieht hin, immer und stetig und barmherzig. […]

Und wenn Gott mir ins Herz sieht (1. Samuel 16,7), dann kommt einiges ins Lot. Er schaut leidenschaftlich und barmherzig hin. Will mich stärken und nach vorne bringen. Sein Blick hält allen Menschen stand und gibt niemanden auf. Er sieht so viel mehr, dass er auch vermag uns zu verändern, wo wir es noch gar nicht bemerken. Sein Blick zieht mich geradezu in sein Kraftfeld. Hier kann auch ich anders sehen: mit den Augen des Herzens. Die vertrauen, auf Hoffnung setzen und auf Barmherzigkeit.

¹ Vgl. https://www.zeit.de/2019/44/soziale-gerechtigkeit-more-in-common-studie…

Jacqueline Barraud-Volk, Pfarrerin, In: Pfarrbriefservice.de

Den vollständigen Text lesen Sie unter https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-schau-hin-apg-61-7

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Das Schwerpunktthema für Mai 2021

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Text: Jacqueline Barraud-Volk
In: Pfarrbriefservice.de