Die da
Unser Blick auf die anderen
Kennen Sie die „Dieda“? Das sind Menschen, über die nur im Plural, dann aber selten gut geredet wird. Zum Beispiel Politiker, Homosexuelle, Hartz-IV-Empfänger, Muslime, Arbeitslose, Flüchtlinge, Ausländer… – Menschen also, die einer bestimmten Gruppe angehören und als solche unter Generalverdacht stehen, sei es, weil sie in unseren Augen insgesamt falsch gehandelt oder sich verdächtig und unbeliebt gemacht haben, sei es, weil wir glauben, von wenigen auf alle schließen zu können: „die da“ eben.
Dem Einzelnen wird man durch solche Rede nicht gerecht, und je länger ich in unserer (Medien-)Gesellschaft lebe, desto mehr verstehe ich, warum wir das Richten Gott überlassen sollen. Damit sei nicht der Gleichgültigkeit der Weg bereitet. Aber wer in Bausch und Bogen verurteilt und sich darauf beschränkt, wird kaum Abhilfe schaffen, weder Betroffenen helfen noch Probleme lösen.
Eine christliche Kategorie ist „die da“ ohnehin nicht, wie sich an der Lebenspraxis Jesu ablesen lässt: „Jesus lebt nie aus Abstraktionen oder allgemeinen Normen: er sieht den Menschen stets in seiner konkretesten Situation. Deshalb kann er so überraschend, überwältigend tief menschlich für Mitmenschen sein.“*
Natürlich gibt es Grenzen: Allen werde ich kaum gerecht werden können, weil ich gar nicht alle Politiker, Homosexuelle, Hartz-IV-Empfänger, ..... kenne. Doch wenigstens bemüht zu sein, nicht in Schubladen, Abstraktionen und feststehenden Kategorien zu denken, verbessert das Klima, „entgiftet“ mich und hilft, die Gesellschaft menschlicher zu gestalten – manchmal sogar überraschend und überwältigend tief menschlich!
Peter Weidemann, in: Pfarrbriefservice.de
*Zitat: Edward Schillebeeckx, Jesus. Die Geschichte von einem Lebenden. Herder-Verlag: Freiburg – Basel – Wien, 7. Aufl., o.J. (1980), S. 180.
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