Auf ne Limo

Ein Gespräch darüber, ob Zivilcourage noch trendy ist?

Matthias und Linus sind Freunde seit der ersten Klasse. Mittlerweile sind die beiden 17 Jahre alt. Ihre Freundschaft verbindet ihren Spaß am Diskutieren. Manchmal, da treffen sie sich am Wochenende, um einen Filmabend zu machen. Sie quatschen nebenbei und dann kann es passieren, dass sie nachts um drei immer noch debattieren. Eine Diskussion der beiden über Zivilcourage unter jungen Menschen, ein Bibelzitat und ein Experiment.

Linus: In meinem Erste-Hilfe-Kurs mussten wir raten, wie viele von 10 Menschen helfen. Ich dachte, komm (betont) ich bin positiv und sage 7 Menschen helfen. Ich dachte, das wäre echt wenig. Aber es ging immer weiter runter und ich habe es nicht glauben können. Ein einziger von 10 Menschen leistet erste Hilfe. 9 von 10 Menschen laufen an Schwerverletzten vorbei. Das fand ich echt krass. 

Matthi: Aber wie wird sowas festgemacht? 

Linus: Einer verletzt sich extra und 10 laufen vorbei. 

Matthi: Genau (lacht), so oder was? Ich finde das schwierig. Es gibt sehr viele soziale Experimente auch auf Youtube. Zum Beispiel braucht jemand in einem Bus Hilfe. Zwei Leute von 50 stehen auf und helfen. Aber, das reicht. Vielleicht helfen die anderen nicht, weil der erste schon hilft.

Linus: Darf ich da aus der Bibel zitieren? Das Zitat habe ich aus dem Reli-Unterricht und das fand ich gut. Da fragt jemand Jesus: „Wer ist mein Nächster?“ und Jesus sagt: „Der Nächste ist der, der zum Zeitpunkt diese Liebe braucht.“ Genau darauf kommt es bei Zivilcourage an. Zu erkennen, das ist in diesem Moment der Mensch, der mich am meisten braucht. Die Nächstenliebe ist dem zu schenken, der dir gerade am nächsten ist. 

Matthi: Danke für den kleinen Einschub. Schöne Metapher aus der Bibel. (lacht) Zivilcourage ist eine wichtige Sache. 

Linus: (ironisch) Ich wäre an vorderster Front dabei. (lacht) Nein, es kommt darauf an. Wenn da fünf gut gebaute Jugendliche sind, werde ich mich nicht hinein wagen. Denn da stelle ich mir die Frage, ob das noch Mut ist oder Tollkühn oder Übermut?

Matthi: Ich glaube, du musst bei einem Vorfall nicht körperlich eingreifen. Es reicht, wenn du sagst: „Was machen Sie da?“. Die Hemmschwelle ist weg und es kommen andere und helfen dir. 

Linus: Das Hauptproblem ist nicht, das Einschreiten bei Gewalt, sondern, dass nach der Schlägerei niemand zum Opfer hingeht und hilft. Ich kann das nicht verstehen. Du rufst zumindest die Polizei oder den Krankenwagen, oder?

Matthi: Ja, wenn du den Notarzt rufst, hast du genug gemacht. Mehr kannst du oft nicht tun. 

Linus: (ironisch) Dann kannst du weiterlaufen. 

Matthi: (grinst) Nein natürlich nicht. Kurze Anekdote: Ich muss mich selber loben. Letztens ist einer alten Dame im Bus beim Aufstehen der Gehstock runtergefallen. Ich war natürlich höflich, bin aufgestanden, habe mich gebückt und den Stock aufgehoben. Wenn du eindeutig siehst, dass jemand Hilfe braucht, ist es relativ leicht, aber wenn du ins Zögern kommst, ist es schwer, sich aufzurappeln.

Linus: Ich finde diese Gradwanderung schwer. Ist jemand hilfsbedürftig oder nicht? Wenn zum Beispiel eine Mutter mit Kinderwagen in den Bus kommt und du denkst: Schafft sie es? Schafft sie es nicht? Wenn du gerade aufstehen willst, merkst du, oh ne, Mist, sie ist drin. 

Matthi: Ich glaube, die meisten sind bereit zu helfen, aber oft fühlt sich niemand angesprochen.

Linus: Da sind wir bei den konzentrischen Kreisen.

Matthi: (lacht) Was heißt konzentrische Kreise? 

Linus: Das kommt von einem Stein, den du ins Wasser fallen lässt. Die Kreise, die er zieht, sind konzentrische Kreise. Beispiel: Du bist Teil deiner Familie, deine Familie ist Teil von einem Ort, der Ort ist Teil von einer Stadt. Wenn du das Gefühl hast, ich bin Teil von einem Ganzen, fällt es leichter zu sagen: Es ist meine Aufgabe zu helfen. Heute erkennen die Menschen nicht mehr, dass ihr Leben viele andere Leben beeinflusst. Weil sie sich nur mit Menschen beschäftigen, wenn die etwas persönlich mit ihnen zu tun haben. Ich glaube, dass Menschen deswegen früher mehr geholfen haben als heute.

Matthi: Ne, das sehe ich anders. Ich weiß nicht, wie so ein Experiment 1970 abgelaufen wäre. Darum bin ich vorsichtig damit, zu sagen, dass die Jugend heutzutage nicht mehr so hilfsbereit ist.

Linus: Ich glaube, es liegt daran, dass wir nie richtig gelehrt bekommen haben, dass wir Teil von etwas größerem sind. 

Matthi: In meinen Augen ist das ein Symptom der Jugend und nicht unserer Generation. Als Jugendlicher ist dir in der Pubertät alles peinlich und du hast eine Hemmschwelle etwas laut zu sagen. Es war schon immer so, dass Jugendliche nicht auffallen wollten. Alte Menschen stehen eher auf und sagen etwas. Nehmen wir zum Beispiel eine gefährliche Situation im Bus, in der irgendwelche jemanden anpöbeln. Für Jugendliche ist es nicht so attraktiv aufzustehen, weil sie mehr Sorge haben, dass ihnen ins Gesicht geschlagen wird, als einer 70-Jährigen Oma. 

Linus: Das glaube ich überhaupt nicht!

Matthi: Das glaubst du nicht? 

Linus: Nein, das ist eine Entwicklung unserer Zeit. Momentan scheint nicht die Zeit der Zivilcourage zu sein. Ich bin ich mir sicher, dass vor 60, 70 Jahren mehr geholfen wurde.

Matthi: Interessant, das ist das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe. (überlegt) Vielleicht hast du Recht. Es kann sein, dass es an der jetzigen Generation liegt, weil wir anders erzogen wurden oder es eine andere Zeit ist, weil wir keinen Krieg miterlebt haben.

Linus: Ja, ich glaube, dass es ein Problem unserer Generation ist. Aber ich stimme dir zu, dass sich das mit dem Alter bei vielen gibt. 

Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Ronja Goj
In: Pfarrbriefservice.de