„Damit ihr nicht trauert“

Interview über die Katholische Bestattungskultur

von Viktoria Zäch (pba) am 03/22/2022 - 16:50  

Prof. Dr. Gerda Riedl

„Tote würdig zu bestatten ist seit jeher ein Werk der Barmherzigkeit,“ unterstreicht Prof. Dr. Gerda Riedl, Leiterin der Hauptabteilung VI (Glaube und Lehre - Hochschule - Gottesdienst und Liturgie) im Bistum Augsburg. Sie gibt im Interview einen Einblick in die katholische Bestattungskultur und erklärt, was sich in den letzten Jahren in puncto Bestattung verändert hat, warum die bevorzugte Beisetzung in der katholischen Kirche die Erdbestattung ist und was sie Menschen im Umgang mit der Endlichkeit empfiehlt.

 

1.      Frau Prof. Dr. Riedl: Kann es sein, dass unsere heutige Gesellschaft ein Problem mit dem Sterben hat?

Ein Problem mit dem Sterben haben sicherlich Menschen zu allen Zeiten. Es ist vielleicht die größte Herausforderung, die jeder Mensch in seinem Leben zu bewältigen hat. Aber während man früher mit Sterben und Tod auf vielfältige Weise oft auch sehr unmittelbar konfrontiert war und dadurch unwillkürlich Bewältigungsstrategien entwickeln musste, neigt unsere Gesellschaft zur Ausgrenzung und Verdrängung dieser letztlich doch unausweichlichen Realität.

2.      Manche reden von einem „Wandel der Bestattungskultur“: Stellen Sie das auch fest? Worin besteht dieser Wandel genau?

Noch vor wenigen Jahrzehnten war man in unserem Kulturkreis durch die ortsüblichen Gepflogenheiten in einem Trauerfall vieler Entscheidungen überhoben: Es gab bei der Überführung des Leichnams eine Aussegnungsfeier, bis zum Begräbnis versammelten sich Angehörige und Freunde jeden Tag zum Sterberosenkranz, die Gemeinde feierte ein Requiem und anschließend wurde auf dem Friedhof während der Begräbnisfeier der Sarg in die Erde gesenkt. Man machte, was üblich war, ohne in jedem Fall die tieferliegende Symbolik dieser Feiern und Gebete bis ins Letzte zu verstehen. Heute gibt es eine derartige Vielfalt von Möglichkeiten, dass der Einzelne gerade im akuten Trauerfall bisweilen heillos überfordert ist: Sterberosenkranz ja oder nein – Erd- oder Feuerbestattung – Requiem oder bloße Trauerfeier in der Aussegnungshalle und vieles andere mehr. Bisweilen spielen finanzielle Gründe oder pragmatische Überlegungen für die Entscheidung eine gewichtige Rolle. Für uns Christen stellt sich freilich gerade angesichts des Todes die entscheidende Frage: Glaube ich, was mit Blick auf unsere Zukunft auch über diese schmerzlich wahrnehmbare Grenze des Todes hinaus uns verheißen ist: „Dann werden wir immer beim Herrn sein“ (2 Thess 4,17) und damit auch für immer bei all unseren Lieben? Wenn ja, dann hat das Konsequenzen gerade auch für den Umgang mit dem Sterben und dem Tod.

3.      Die bevorzugte Beisetzung in der katholischen Kirche ist die Erdbestattung. Warum ist das so?

Sehr früh haben Christen begonnen, ihren Glauben an die Auferstehung der Toten auch in ihren Begräbnisfeiern zum Ausdruck zu bringen. Die im kulturellen Umfeld der Christen weit verbreitete Leichenverbrennung wurde dabei abgelehnt: sie entsprach nicht dem Beispiel Jesu, dessen Leichnam – wie es auch im Judentum bis heute üblich ist - ins Grab gelegt wurde. Entsprechend paulinischer Theologie gehen wir Christen davon aus, dass wir in der Taufe eine so enge Schicksalsgemeinschaft mit Christus eingehen, dass wir auch mit ihm sterben und nur so uns eine Zukunft verheißen ist: „Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn.“ (Röm 6,8 f.). In einer Deutung seines eigenen Todes verwendet Jesus selbst das Bild vom Weizenkorn, das in die Erde eingesenkt wird: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)

Wenn wir daher unsere Verstorbenen mit den Worten „Wir übergeben den Leib unseres Bruders N. / unserer Schwester N. der Erde. Christus wird ihn / sie von den Toten auferwecken“ in das Grab einsenken, drücken wir damit unsere Glaubenshoffnung auf eine Auferstehung mit Christus aus.

4.      Und Urnenbeisetzung?

Grundsätzlich ist die Urnenbeisetzung auch für Katholiken möglich, sofern diese Beisetzungsform nicht gewählt worden ist, weil man damit die Leugnung der Auferstehung zum Ausdruck bringen möchte. Allerdings wäre es im Falle von Urnenbeisetzungen stimmiger, die Verabschiedung des Verstorbenen und die Feier des Requiems noch vor der Verbrennung des Leichnams zu begehen. So kommt die personale Dimension des Verstorbenen auch in seiner leiblichen Gestalt noch sinnfälliger zum Ausdruck.

5.      Gibt es bestimmte Beisetzungsformen, die in der katholischen Bestattungskultur nicht vorgesehen bzw. verboten sind?

Alle Beisetzungsformen, welche die Erinnerung an den Verstorbenen auslöschen oder seine personale Einheit auflösen, stehen in erheblicher Spannung zu unserem Glauben, dass jede und jeder einzelne von Gott ins Leben gerufen wurde und von ihm auch „ewiges Leben“ (Joh 10,28) erhalten wird. Das heißt anonyme Bestattung, Verstreuung der Asche, Herstellung synthetischer Diamanten aus der Asche des Verstorbenen, Aufteilung der Asche des Verstorbenen u.a. sind mit dem, was wir bei einem kirchlichen Begräbnis feiern, unvereinbar.

6.      Was hat sich in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf Begräbnis- und Bestattungspraxis verändert?

Aufgrund der veränderten soziologischen Rahmenbedingungen haben nicht nur Alleinstehende oft Sorge, wer sich um die Pflege ihres Grabes kümmern wird bzw. ob sie dies ihren Kindern überhaupt zumuten können. Das klassische Familiengrab, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist nicht mehr selbstverständlich. Wir sollten daher auch in unseren Pfarreien darüber nachdenken, ob die Einrichtung von Rasengräbern auf unseren Friedhöfen oder die Belebung von Bruderschaften, welche für ihre Mitglieder (die Grablege und) Grabpflege übernehmen, hier eine echte Hilfe sein könnten.

Seit etwa zwanzig Jahren werden in Deutschland auch sog. Naturbestattungen in Waldflächen angeboten. Sie sind preiswert, erfordern keinerlei Pflege und erwecken den Eindruck, dass der Mensch in den Kreislauf der Natur eingebunden ist. Allerdings fördern sie auch die weitere Ausgrenzung des Todes aus unserem Lebensraum, sie erschweren durch ihre Naturbelassenheit älteren Menschen den Besuch des Beisetzungsortes. Der spontane Sozialkontakt zu anderen trauernden Hinterbliebenen beim regelmäßigen Gang zum Friedhof unterbleibt hier ebenso wie die Erinnerung der oft allzu geschäftigen Lebenden durch wohnortnahe Friedhöfe, dass auch ihr Leben in dieser Welt ein Ende haben wird.

7.      Was würden Sie Menschen im Umgang mit unserer Endlichkeit empfehlen. Oder: Wie kann z.B. auch die Gestaltung der Begräbnisfeier dazu beitragen, den Aspekt der Hoffnung für die Hinterbliebenen zu akzentuieren?

Machen Sie sich nicht erst im Falle einer schweren Erkrankung Gedanken darüber, in welcher Form sie begraben werden wollen und sprechen sie mit ihren Angehörigen darüber. Bedenken Sie, dass wir bei der kirchlichen Feier des Begräbnisses vor allem unseren Glauben daran feiern, dass der oder die Verstorbene in Christus ein Leben in Fülle erhalten wird. Es geht also nicht nur darum das nun vergangene Leben des Verstorbenen zu feiern, sondern auch unsere Glaubenshoffnung auf ein Wiedersehen mit ihm. Richten Sie sich folglich bei der Wahl der Bestattungsform, der Lieder und Gebete bei Requiem und Begräbnis an diesen Aspekten aus. Feiern Sie das Begräbnis nicht im geschlossenen Familien- und Freundeskreis. Lassen Sie die ganze Gemeinde und alle, die sich dem oder der Verstorbenen verbunden fühlen, an der Feier teilhaben. Sie werden auch selbst Trost aus dieser Gemeinschaft der Trauernden ziehen. Und wenn Sie Zeit erübrigen können, nehmen Sie auch an der Feier des Begräbnisses von Menschen teil, die in ihrem Leben einsam waren: Denn Tote würdig zu bestatten, ist seit jeher ein Werk der Barmherzigkeit.

"Damit ihr nicht trauert"

Interview über die Katholische Bestattungskultur

Viktoria Zäch (pba)

„Tote würdig zu bestatten ist seit jeher ein Werk der Barmherzigkeit,“ unterstreicht Prof. Dr. Gerda Riedl, Leiterin der Hauptabteilung VI (Glaube und Lehre - Hochschule - Gottesdienst und Liturgie) im Bistum Augsburg.

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