23.07.2018 - 05:55

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Interview mit Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti

von Ronja Goj
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Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti ist Katholischer Theologe und Journalist, Experte für Religiöse Volkskunde und Autor und Honorarprofessor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Er betreibt unter anderem die Homepage heilige.de. Ein Gespräch mit ihm über warme Füße, das Sozialamt und Sankt Martin.

Braucht es heutzutage überhaupt noch Idole?

Wir alle lernen zu uns selber „Ich“ zu sagen über das „Du“. Ohne ein „Du“, gibt es kein „Ich“ und deshalb sind Vorbilder unumgänglich. Jeder Mensch braucht Vorbilder und muss sie entwickeln. Nur welche Vorbilder ich nehme und an was ich mich ausrichte, das ist etwas, was ich lernen muss.

Warum?

Ich muss verstehen, was der andere tut und will. Ich muss verstehen, was wichtig ist und was unwichtig ist. Ist es wichtig in kürzester Zeit möglichst viel Geld zu verdienen und zu werden wie Dagobert Duck? Oder ist es wichtiger, das Geld, das ich verdiene so zu verwenden, dass ich nicht darin ersaufe. Und dabei ist Erziehung notwendig, denn Erziehung will helfen, dass ich Werte lerne anzunehmen und umzusetzen.

Besondere Werte waren dem Heiligen Sankt Martin wichtig. Aber es ist sicher altbacken einen verstaubten Heiligen als Vorbild zu haben?

Es geht darum, dass man den Martin in die Gegenwart übersetzt. Sankt Martin ist ein antikes Vorbild und ein solches Vorbild verlangt von mir, dass ich es aktualisiere. Das Besondere an Martin ist, dass jeder verstehen kann, was er getan hat. Länderübergreifend und religionsübergreifend. Es war eine zeitlose Tat, gültig und verstehbar in jedem Jahrhundert, bis heute und auch über unsere Zeit hinaus.

Das heißt: Auch im 21. Jahrhundert kann er noch Vorbild für uns sein.

Ja, als er an dem Bettler vorbeigegangen ist, hat er gesehen: Da ist jemand in wirklicher Not, aber Martin hatte kein Geld mehr in der Tasche. Er hat keine Lebensmittel, die er ihm geben kann. Er hat nur einen Mantel, der ihm nicht gehört und den teilt er mit dem Bettler. Das ist das große Bild, das mit Martin verbunden ist. Das Teilen des Mantels.

Es gibt die schöne Karikatur, in der ein kleiner Junge seinen Wintermantel mit dem Messer zerschneidet. Dann ist die Jacke kaputt und alle frieren. So einfach ist es heute nicht mehr.

Zunächst einmal ist Mantelteilen ja blöde, denn, wenn ich teile, habe ich Verlust. Im übertragenen Sinn bedeutet das: Martin hatte nichts, um zu helfen, aber genau damit hat er geholfen. Das heißt, selbst wenn ich nicht entsprechend ausgestattet bin, kann ich einem anderen helfen. Das ist die Aufforderung, die dieser Martin weitergibt. Schau her, was ich mache und mache es nach. Dann ist jeder ein bisschen Martin. Dann sind wir alle Martin.

Ist es nicht etwas hoch gegriffen, sein zu wollen wie ein Heiliger?  

Es nützt nichts, wenn ich Sankt Martin als Heiligen so hochhebe, dass er die Erde nicht mehr berührt. Im Gegenteil, wir leben in der Realität. Darum müssen wir den Martin runter in unseren Alltag holen.

Und wie gelingt das?

Wir müssen versuchen, so zu leben und so zu handeln, wie er es getan hat. Wir müssen lernen das umzusetzen und dafür die Augen zu öffnen. Und wir müssen Gelegenheiten suchen, in denen es uns gelingt, anderen zu helfen.

In Ihrer Kindheit durften Sie eine Situation erleben, in der Ihnen jemand auf besondere Weise geholfen hat. Ihr persönliches Martinswunder.

Ja und diese Erinnerung ist mit warmen Füße verbunden. Wenn ich das erzähle, dann gucken mich die Leute an und sagen: Jetzt hat er sie nicht mehr alle. (lacht) Aber ich habe als Grundschulkind eine Martinsfackel gebastelt und weil wir kein Geld hatten, musste ich eine Rübe klauen und aus dieser Rübe meine Fackel machen. Die ging zu einer Ausstellung und hat einen Preis bekommen. Dieser Preis waren ein paar hohe gefütterte Winterschuhen. Es waren die ersten Schuhe ohne Löcher, die ich in den 50er Jahren hatte. Und es war der erste Winter ohne nasse und kalte Füße.

Wie hat sich das angefühlt für Sie als Kind?

Für mich war die Conclusio des Ganzen: Was muss demjenigen, der diese Schuhe gestiftet hat, der Martin wert sein, dass er ein so wertvolles Geschenk an irgendeinen Jungen gibt, den er nicht einmal kennt? Ich habe gelernt, dass jemand die Idee von Martin weitergeben wollte. Das hat er getan, indem er geteilt hat. Und das kann ich mein Lebtag nicht mehr vergessen. Und es ist für mich Triebfeder, an anderen genauso zu handeln.

Aber heute leben die Menschen in anderen Zeiten als früher. Sie genießen seit mehr als 70 Jahren Frieden in der EU. 55 Prozent der Deutschen geben in einer Umfrage von „statista“ an, dass die Gesellschaft im Wohlstand lebt. Wie wirkt sich das auf das Teilen aus?

Viele lernen Not überhaupt nicht mehr kennenlernen, an sich selber und auch in der Nachbarschaft nicht, deshalb ist es wichtig, dafür die Augen zu öffnen. Wenn ich weiß, dass ein anderer in Not ist, darf ich ihn nicht so behandeln, dass ich ihn dabei beleidige. Ich muss ihn als meinen Nächsten sehen und nicht als bemitleidenswertes Geschöpf, das ich betütele, bevor ich in meine Welt zurückkehre. Ich darf ihn nicht herunterwürdigen, sondern muss lernen mit Anstand zu geben und zu handeln.

Warum sollen die Menschen überhaupt noch geben, helfen oder teilen? In Deutschland ist dafür das Sozialsystem zuständig.

Natürlich versucht unser System Defizite durch institutionelle Hilfen auszugleichen. Es gibt das Sozialamt, die Caritas oder die Diakonie und viele andere, die helfen. Aber ich kann nicht alles auf Institutionen abwälzen. Die Institutionen leben davon, dass ich mich in ihnen engagiere. Und das funktioniert nicht nur mit dem Portemonnaie.

Meinen Sie, dass sich die Menschen für ihre Mitmenschen nicht mehr verantwortlich fühlen?

Ja, vor allem die jungen Leute neigen dazu, zu sagen: „Das machen schon die anderen, da muss ich nichts mehr tun.“ Sie denken, alles regelt sich irgendwie.

Warum?

Weil die emotionale Seite verloren gegangen ist. Das Wissen, dass sich Probleme ohne Zuwendung nicht lösen.

Vielleicht haben Erwachsene verlernt zu helfen.

Die Erwachsenen müssen heute wieder lernen, dass „christlich schenken“ bedeutet, im anderen seinen Nächsten zu sehen, ihn als Bruder und Schwester begreifen und deshalb behilflich zu sein.

Aber viele sind sich selbst der Nächste.

Das ist sehr bequem und sehr angenehm, bis man selber in Not gerät und merkt, wie wichtig es ist, dass andere einem selbstlos helfen.

Bis das passiert, erfreuen sich die Menschen an ihrem kuschelig warmen ungeteilten Wintermantel und laufen an Hilfsbedürftigen vorbei.

Tja (schnauft), das ist schwierig. Früher war ich einmal Religionslehrer und wenn ich solche Leute in einer Klasse hatte, dann bin ich mit ihnen in ein Heim gegangen. In ein Heim, in dem psychisch kranke Menschen waren, die sich nicht mehr selber helfen konnten. Es ging darum, einen freundlichen Besuch zu machen und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Wie haben die Schüler reagiert?

Sie erleben die tollsten Dinge. Plötzlich bekommen Sie mit, dass Leute nachdenklich werden und sagen: Verdammt, der hatte doch die gleichen Voraussetzungen wie ich. Warum ist er da gelandet? Dann kommt die Frage auf: Hatte der keinen, der neben ihm stand und bereit war ihm zu helfen, als er rutschte oder fiel? Sie überlegen, wo sie das berührt, was sie damit zu tun haben. Aber dahin muss man die Menschen führen. Man muss ihnen die Augen öffnen und ihnen das Elend aus der Nähe zeigen.

Vielleicht ist Sankt Martin doch ein gutes Vorbild. Vielleicht sind seine Haltung, seine Taten, seine Einstellung wichtiger und aktueller denn je.

Ja, denn es geht nicht darum, dass ich der große Macker und der große Superstar bin, sondern es geht darum, dass ich mich klein mache und Werkzeug werde für Gott, der durch mich wirken will.

Denken Sie, dass dieses „klein machen“ vielen Menschen schwerfällt?

Ja, ich glaube, das fällt fast jedem schwer und das muss man lernen. Die Menschen müssen begreifen, dass es nicht darum geht, sich groß zu machen. Wer sich groß macht, wird klein bleiben. Aber der, der sich klein macht, kann groß werden.

Ronja Goj

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Bild: Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti
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