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„… zur Zeit nicht erreichbar …“

Zum Segen und Fluch der Erreichbarkeit: Diplompsychologe und Theologe Stanislaus Klemm

Was wohl wäre, wenn es keine Smartphones gäbe? Was wohl wird, wenn sie sich immer stärker zum Fluch entwickeln? Und wie es gelingt, in einer Zeit der dauerhaften Verfügbarkeit eine Balance zu finden? Zwischen Erreichbarkeit, dem Wunsch nach Kommunikation, Nähe und Austausch und dem Bedürfnis nach Ruhe und Stille? Damit setzt sich Stanislaus Klemm auseinander. Er ist Diplompsychologe und Theologe und arbeitete in der Suchttherapie, in der ökumenischen Telefonseelsorge Saar sowie in der Lebensberatung des Bistums Trier in Neunkirchen.

Was wären wir eigentlich ohne …

Ja, die Menschen wären arm dran, wenn sie sie nicht mehr hätten, die kleinen technischen Wunder: die Handys, Smartphones, Tablets... Es gibt in Deutschland mehr aktive Mobilfunkanschlüsse als Einwohner. Wenn die Menschen sie nicht hätten, wären sie in mancher Notsituation noch darauf angewiesen, irgendwo eine freie, funktionierende Telefonzelle zu finden. Sie wären nicht mehr an jedem Ort, in jeder Situation kurzfristig erreichbar für all die Menschen, die sie lieben und schätzen, die für sie einen lieben Gruß haben, die einen akuten Rat, eine schnelle Hilfe, eine dringende Auskunft möchten. Und wir könnten sie auch nicht erreichen. Eltern hätten wieder Angst und Sorgen, wenn ihre halbwüchsigen Kinder abends noch außer Hause sind. Keine Möglichkeit mehr, von jedem Ort, aus jeder denkbaren Situation, dringende Anrufe abzusetzen, um in akuten Notfällen sofort einen Notarzt, eine Rettungsstelle, Beratungsstelle, ein Sorgentelefon oder ein Taxi zu erreichen. Jede Möglichkeit sofort erreichbar zu sein oder andere erreichen zu können, ist ein wahrer Segen. Eine Errungenschaft, die viele wohl nicht missen möchten.

Wenn das aber so weitergeht …

Wenn es da nicht jene unerwünschte Erfahrung gäbe, dass alles, was sich heute als Segen erweist, morgen zum Fluch ausarten würde! Wenn das Handy klingelt, zucken Menschen spontan zusammen, sind genervt und gestresst. Manche befürchten vielleicht, ein „Mitteilungs-Manager“ zu sein. Von dem rund um die Uhr volle Aufmerksamkeit verlangt wird: Handyanrufe, SMS, Mails, Messenger, Internetanrufe. Es sind interne Nachrichten, Neuigkeiten. Manchmal Albernheiten, Nichtigkeiten, Überflüssiges und Überdrüssiges in den so genannten „Sozialen Netzwerken“. Alles will sofort die volle Aufmerksamkeit. Es wächst der „Terror der Erreichbarkeit“, des „Jetzt! Hör zu! Schau hin!“. Selbst, wenn die Menschen selbst nicht angerufen werden, sind sie gezwungen, sich das ständige „Gebimmel“ der Umgebung anzuhören oder dem genervten „Fingergewische“ zuzusehen. Manche fühlen sich wie gefangen, wenn nach Dienstschluss der Chef oder die Chefin „ausnahmsweise“ Anwesenheit und Zusatzleistung erwartet. Manche fragen sich: „Hört das denn nie auf? Wo bleibe ich? Mit meinem Wunsch nach Ruhe und Stille. Mit meinem Wunsch nachzudenken, verarbeiten zu können? Mit meinem Bedürfnis nach Abstand, Respekt und nötiger Distanz?“

Ein Gleichgewicht suchen

Schon der griechische Philosoph Aristoteles empfahl seinem Sohn Nikomachos eine sehr kluge Lebensregel. Er weist darauf hin: „Alles, was im Leben einen Wert hat, kann durch ein Zuviel oder ein Zuwenig zerstört werden.“ Hier geht es um die „goldene Mitte“, die zu finden im Alltag oft sehr schwer fällt. Es gilt, eine Balance herzustellen zwischen den unterschiedlichen lebenswichtigen Bedürfnissen nach Nähe und Distanz. Ein Gleichgewicht, das manchmal dem schwierigen Akt eines Seiltänzers gleicht, verbunden mit der ständigen Gefahr, in die eine oder andere Richtung abzustürzen. Schnell und mühelos erreichbar zu sein, das entspricht dem Bedürfnis nach Sicherheit und Verlässlichkeit. Es sind Gefühle, für den anderen wichtig zu sein, gebraucht zu werden. Es sind Wünsche nach Kommunikation, Nähe und Austausch. Auf der anderen Seite spüren Menschen das Bedürfnis nach Ruhe, Stille, Schutz und Respekt. Ein unkontrolliertes und manchmal ausuferndes Zuviel oder Zuwenig eines dieser Bedürfnisse erzeugt allzu leicht eine einseitige Haltung. Es kommt nicht nur in der Seele zu schmerzhaften „Haltungsschäden“, es kann schnell zu einer Abhängigkeit und krankmachenden Sucht führen. Der Absturz in das Loch des „Ausgebrannt Seins“ droht. Wer auf seine innere Stimme und die Signale des eigenen Körpers achtet, erfährt deutliche Hinweise, in welche Richtung er entgegensteuern sollte oder muss.

Stanislaus Klemm, Diplompsychologe und –theologe, In: Pfarrbriefservice.de

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Das Schwerpunktthema für Juli/August 2025

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Text: Stanislaus Klemm, Diplompsychologe und –theologe
In: Pfarrbriefservice.de