Wirtschaften zum Wohle aller
Ein Artikel über Gemeinwohl-Ökonomie
Wie können alternative Wirtschaftsmodelle aussehen, die den Wohlstand ebenso im Blick haben wie die Würde des Menschen und die Umwelt? Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet Ansätze für ein innovatives Wirtschaftssystem.
Wer eine neue Winterjacke kaufen möchte, hat die Qual der Wahl. Die Geschäfte bieten eine Vielfalt an unterschiedlichen Modellen an, hinzu kommt das Angebot im Internet. Wie trifft man eine gute Wahl? Sicher spielt der persönliche Geschmack eine Rolle. Doch angenommen, zwei Jacken sehen ähnlich aus, ist der Preis dann der entscheidende Faktor? Was beeinflusst die Wahl? Der Gedanke - „Wenn ich wüsste, dass diese Jacke nachhaltig und fair hergestellt wurde, würde ich sie kaufen, auch wenn sie mehr kostet!“ - ging Ihnen wahrscheinlich in so einer Situation schon einmal durch den Kopf. Diese Information findet sich nicht auf den Preisschildern. Leider implizieren auch hochpreisige Waren nicht, dass diese umweltverträglich oder sozial verantwortlich produziert wurden.
Jetzt stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Sie halten eine Jacke in der Hand, auf der Sie sofort erkennen, dass bei dem produzierenden Unternehmen die Angestellten angemessen entlohnt werden, das Produkt nachhaltig produziert wurde, dass im Unternehmen Mitspracherecht und Demokratie gewahrt werden - kurzum: dass diese Firma einen hohen Beitrag für das Gemeinwohl leistet. Wenn Sie all das auf einen Blick erkennen könnten, zum Beispiel an einem Label mit fünf Stufen – Stufe 1 steht dabei für den höchsten Beitrag zum Gemeinwohl – welches Produkt würden Sie wählen?
Dies ist eine von vielen Ideen, wie Unternehmen ihren Beitrag zum Gemeinwohl der Öffentlichkeit mitteilen könnten. Die Eingruppierung in das Gemeinwohl wäre nicht auf Supermärkte oder Bekleidungsgeschäfte begrenzt. Fitnessstudios, Restaurants, Gemeinden, Städte, Regionen oder öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten oder Universitäten könnten das Label erwerben.
Unter dem Begriff Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) steckt ein alternatives Wirtschaftsmodell, das auf einer Idee des österreichischen Publizisten Christian Felber basiert. In diesem Wirtschaftsmodell bleiben die freien Märkte bestehen, doch das System orientiert sich statt an Wachstum an Nachhaltigkeit und Solidarität. Die Unternehmen oder Einrichtungen belegen in ihren Bilanzen, wie sozial verantwortlich, ökologisch, demokratisch und solidarisch sie gewirtschaftet haben. Dies wird von einem unabhängigen Prüfer bewertet und eine Bilanz erstellt.
Wer Gutes tut, wird belohnt
Wer im Sinne des Gemeinwohls erfolgreich und gut gewirtschaftet hat, erhält Vorteile. Diese Vorteile sind aus Sicht der Gemeinwohlökonomen notwendig, um diesen Unternehmen die Möglichkeit zu bieten, auf dem Markt zu bestehen. Unternehmen, die heutzutage versuchen, auch über die gesetzlichen Vorgaben hinaus, ökologisch und sozial nachhaltiger zu wirtschaften, haben einen Kosten- und damit Wettbewerbsnachteil gegenüber Unternehmen, die dies nicht tun. Damit Firmen nicht in andere Länder abwandern, um dort günstiger zu produzieren, schlägt Christian Felber folgende Handlungsoptionen vor: „Je höher der gesellschaftliche, ökologische und insgesamt ethische Mehrwert eines Unternehmens in Gestalt seines Gemeinwohl-Bilanz-Ergebnisses in Punkten ist, desto weniger Steuern zahlt es im Vergleich, desto niedrigere Zölle zahlt es im Vergleich, desto günstigere Finanzierungen erhält es oder Vorrang im öffentlichen Einkauf oder bei der Wirtschaftsförderung zum Beispiel. In Summe können so die ethischsten, die nachhaltigsten und die Unternehmen, die die Verfassungswerte eines demokratischen Staats- und Gemeinwesens am konsequentesten leben, Endverbraucherinnen und Endverbrauchern Waren preislich günstiger anbieten. Das wäre dann eine ethische Marktwirtschaft – oder eben eine Gemeinwohl-Ökonomie.“ Zusammengefasst: Wer Gutes tut, wird belohnt!
Bereits vor elf Jahren haben sich bei einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung Teilnehmer aus Deutschland und Österreich mit rund 90 Prozent für eine neue Wirtschaftsordnung ausgesprochen. Die Frage, wie die Welt und das Leben in Zukunft aussehen sollen, wie die Menschheit ihr Verhalten ändern und anpassen muss, ist aktueller denn je. Sie lässt sich durch Ereignisse wie die Flutkatastrophe im Sommer, den Blick auf die Auswirkungen der Massentierhaltung und auch auf das Verhalten einzelner Superreicher, die so viel Geld angehäuft haben, dass sie sich einen Wettkampf um den ersten touristischen Flug ins All leisten können, nicht mehr verdrängen. Und dies auf dem Hintergrund, dass derzeit rund 800 Millionen Menschen auf der Welt hungern müssen.
Das aktuelle Wirtschaftssystem begünstigt negative Entwicklungen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, Geld und Macht konzentrieren sich auf wenige Menschen. Wer am härtesten verhandelt, setzt sich durch. Viele Menschen fühlen sich überfordert aufgrund der ständig steigenden Arbeitsbelastung. Christian Felber ist überzeugt, dass die Menschen „nach Menschenwürde, Gerechtigkeit und Solidarität, nach Nachhaltigkeit und Klimaschutz, nach Mitentscheidung und Verringerung der Machtkonzentration streben“.
Es gibt in einer Demokratie immer eine Alternative
Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, dass Werte wie Menschlichkeit, gute Beziehungen und Vertrauen für unser Leben von existenzieller Bedeutung sind. Was sind der Gesellschaft diese Werte in finanzieller Hinsicht Wert? Pflegeberufe sind immer noch schlecht bezahlt. Eine Studie des Meinungsforschungs-Instituts Sinus aus dem Frühjahr 2020 hat ergeben, dass Jugendliche sich eine Arbeit im Bereich der Kranken- und Altenpflege vorstellen können, weil sie die Arbeit als vielfältig und sinnvoll erachten. Die schlechte Bezahlung hält sie allerdings davon ab. Die Ungerechtigkeit im System lässt sich auch anhand eines Beispiels einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2014 verdeutlichen. Es wurde ermittelt, dass ein DAX-Unternehmer das 57-fache eines Facharbeiters im Unternehmen verdient. Um dieses Missverhältnis zu ändern, schlagen die Gemeinwohlökonomen vor, dass die Mitarbeiter in den Führungsetagen zwar mehr verdienen als ein einfacher Angestellter, aber nicht mehr als das 15-Fache.
Die Folgen des aktuellen Wirtschaftens sind sichtbar und spürbar. Die Angst vor Veränderungen ist groß, die Bedenken, einfach so weiterzumachen, ebenfalls. Christian Felber zitiert in seinen Vorträgen regelmäßig die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, die gesagt hat: „There is no alternative.“ Diesem Satz widerspricht er umgehend, da diese These seiner Meinung nach „die Idee der Demokratie verachten. Es gibt in einer Demokratie immer eine Alternative!“ Es stellt sich die berechtigte Frage: Wieso soll es keine Alternativen zu einem ungerechten System geben – und die Chance auf ein gutes Leben für alle?
Die Gemeinwohl-Ökonomie setzt weiterhin auf einen freien Markt. Doch statt Konkurrenz wird Kooperation zum Leitbild des Handelns. Anstatt sich auszubooten und mit Billigpreisen zu unterbieten, können Unternehmen sich auch gegenseitig helfen und unterstützen.
Christian Felber betont aber immer, dass gerade in einer Demokratie das Miteinanderreden und der Austausch, Ergebnisse zu hinterfragen und Prozesse weiter zu entwickeln, Ziele sind. Somit befindet sich auch das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie immer in einem Prozess. Um ein Wirtschaftssystem neu einzuführen, gibt es viele Hürden, die genommen werden müssen. Dazu gehört auch der Umgang mit Privateigentum. Die GWÖ stellt eine Obergrenze des Eigentums zur Diskussion. Über die Höhe müsste entschieden werden, zehn, 20 oder 30 Millionen Euro.
Auch das Erbrecht müsste in den Augen der Gemeinwohl-Ökonomen reformiert werden. Christian Felber formuliert in seinem Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“ folgenden Vorschlag: „Das Erbrecht bleibt bis zu einer demokratisch festgesetzten Höhe aufrecht, darüber hinausgehende Erbvermögen gehen in einen öffentlichen „Generationenfonds“ und werden aus diesem zu gleichen Teilen an die Nachkommen der nächsten Generation als „demokratische Mitgift verteilt.“ So werde verhindert, dass sich von Generation zu Generation Vermögen auf einen kleinen Anteil der Bevölkerung konzentriert.
Ebenso soll jeder das Recht haben, in einem Zeitraum von zehn Jahren ein Jahr zu pausieren, eine Auszeit zu nehmen, um zu reisen, seinem Hobby nachzugehen, sich um die Familie zu kümmern. Dieses Jahr würde finanziell abgesichert sein.
Suffizienz ist ein weiterer Schwerpunkt, mit dem sich die Gemeinwohl-Ökonomie befasst. Nach dem Motto „Genug ist genug“ wird das Ziel verfolgt, den Ressourcenverbrauch auf das Notwendigste zu senken und das Leben so auszurichten, dass ein gesundes Verhältnis zwischen Konsum und Konsumverzicht gelebt wird.
Die Idee der GWÖ wurde 2017 von der „Zeit“ mit dem Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ ausgezeichnet. Mittlerweile unterstützen mehr als 2.000 Unternehmen das Modell, rund 500 sind Mitglied oder haben eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt, darunter auch Unternehmen wie der Outdoorhersteller Vaude und die Sparda Bank München. Die Stadt Münster hat 2021 die Gemeinwohl-Ökonomie in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen. Ohne Frage muss der Weg in eine gute Zukunft jetzt beschritten werden. Ein „Weiter so“ ist keine Option. Die Gemeinwohl-Ökonomie liefert konkrete Vorschläge, wie alternatives Wirtschaften aussehen kann.
Steffi Piening, Quelle: der pilger, www.der-pilger.de, In: Pfarrbriefservice.de
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