Wie soll ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde aussehen?

Frau Müller (Name erfunden; Situation ist Realität) leitet seit 20 Jahren die Frauengemeinschaft. Außerdem hilft sie mit im Team der Katholischen Öffentlichen Bücherei, bei der Sakramentenvorbereitung und ist selbstverständlich Mitglied im Pfarrgemeinderat. Im Gespräch sagt sie: „Mir ist eigentlich alles zuviel. Aber man will ja niemanden enttäuschen. Die Frauengemeinschaft wollte ich schon seit vielen Jahren abgeben, aber niemand fand sich für die Nachfolge. Dann mache ich halt noch weiter. Nur: Ich verstehe nicht, warum die jungen Frauen nicht kommen. Da ist heute alles anders als früher.“ Sie macht alles andere als den Eindruck, dass ihr die Arbeit Freude macht. Mit der Organisation der Adventsfeier und der Karnevalsfeier für die Frauengemeinschaft war sie eigentlich sehr überfordert.

Wie soll ehrenamtliches Engagement aussehen?

Was ist zu tun? In der Tat finden sich nur noch wenige Menschen bereit, ehrenamtlich in den Gemeinden mitzuarbeiten. Sind deshalb die Menschen schlechter geworden? Wie soll ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde aussehen?

Mitarbeit aus Freude

Dazu möchte ich im Folgenden einige Anregungen geben:

Zunächst das Wichtigste: Ehrenamtliche Mitarbeit muss auch und überwiegend Freude bereiten. Wer nicht eine Freude an seiner Mitarbeit ausstrahlt, kann auch von der Frohbotschaft des Evangeliums nichts vermitteln. Ehrenamtliche Tätigkeit sollte deshalb aus echter Betroffenheit und innerer Überzeugung erwachsen und nicht aufgrund eines tatsächlichen oder sich selbst eingeredeten moralischen Zeigefingers.

Aus innerer Überzeugung

In meiner Gemeinde haben sich beispielsweise 12 Erwachsene zusammengetan, als sie im Herbst von den bundesweiten Ausschreitungen gegen Ausländer hörten. Es gibt im Wohnort ein Heim für ca. 40 Asylbewerber, und wir hatten Angst, dass sie ein Opfer von Anschlägen werden könnten. So wurde eine Telefonkette gebildet mit dem Ziel, bei möglichen Übergriffen eine Art menschliche Schutzmauer zu bilden. Mit einem Stand am größten Einkaufsmarkt des Ortes haben wir an einem Samstagmorgen auf die Situation der Asylbewerber und unsere Absichten aufmerksam gemacht und zahlreiche Diskussionen ausgelöst. Der Arbeitskreis war locker an die Gemeinde gebunden: zwei Mitglieder des Pfarrgemeinderates und die Gemeindereferentin gehörten zum festen Stamm. Die notwendigen Büroarbeiten, z. B. für einen Rundbrief, wurden vom Pfarrbüro getätigt.

Konkretes und zeitlich überschaubares Engagement

Die zumeist berufstätigen Mitglieder des Arbeitskreises verstehen ihr Engagement als Ausdruck ihrer christlichen Überzeugung. Die meisten von ihnen – mich eingeschlossen – hätten nicht die Zeit, sich darüber hinaus in allen möglichen Gruppierungen der Gemeinde zu engagieren. Das Engagement war möglich, weil es sich um ein konkretes, zeitlich überschaubares und aus echter Betroffenheit erwachsenes Anliegen handelte. Gerne wären die Mitglieder des Arbeitskreises bereit, bei einer Pfarrgemeinderatssitzung oder im Rahmen eines Gottesdienstes von ihrer Arbeit zu berichten. Es käme aber wohl kaum einer auf die Idee, jetzt Mitglied einer festen Gruppierung der Pfarrgemeinde zu werden oder das nächste Pfarrfest mitzugestalten.

Wirkliche Probleme anpacken

Die Pastoraltheologen sprechen von einer Pastoral aus Betroffenheit anstelle der Zielgruppenpastoral. Von all dem, was sich an bürgerlichen Formen pfarrgemeindlichen Lebens entwickelt hat, muss vielleicht das eine oder andere einmal fallengelassen werden. Nicht alle Elemente der volkskirchlichen Tradition lassen sich in der Zeit schwindender Kirchenmitgliedszahlen aufrechterhalten. Aber dies ist auch gar nicht nötig. Entscheidend scheint mir, wirkliche Probleme im Stadtteil zu sehen und anzupacken, den Blick also über die traditionelle pfarrgemeindliche Arbeit hinaus zu erweitern auf das Wohnumfeld des eigenen Stadtteils.

Für Gottes Lohn

Jedes ehrenamtliche Engagement hat immer auch eine politische Dimension, die es mitzubeachten gilt. Unabhängig von jeder Parteipolitik ist auch ein Einsatz für Asylbewerber ein politisches Engagement. Und noch ein Letztes: Die Mitglieder des Arbeitskreises Asylanten bei uns kämen wohl nie auf die Idee, vom Pfarrer oder der Gemeindereferentin ein Dankeschön zu erwarten. Sie haben das nicht „für den Pfarrer“ getan, sondern allenfalls für die Betroffenen, genauer gesagt aber aus eigenem Antrieb heraus. Früher hätte man gesagt: Für Gottes Lohn! Das trifft die Sache wohl am ehesten. Schön ist allerdings, dass die Hauptamtlichen der Gemeinde dieses Engagement unterstützen.

Loslassen und auf Gott vertrauen

Bei unserem nächsten Gespräch werde ich Frau Müller raten, den Vorsitz der Frauengemeinschaft trotz allem niederzulegen, auch auf die Gefahr hin, dass die Frauengemeinschaft dann erstmal auseinander bricht. Manches müssen wir auch loslassen können. Vielleicht werden dann in ein bis zwei Jahren neue Frauengruppen aus dem Boden sprießen. Ganz andere vielleicht als die heutige Gruppierung! Von ihrem Gemeindeengagement sollte Frau Müller nur das beibehalten, was ihr wirklich selbst Freude macht. Vielleicht tut eine gewisse Abstinenz vom Gemeindeleben ihr auch einmal sehr gut. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin muss man auch einmal gehen dürfen. Das verlangt von der Gemeinde, nicht ängstlich zu sein, sondern auf Gottes unverhofftes Wirken zu setzen.

Elmar Funken
Quelle: Pfarrbrief für Leverkusen-Mitte (Herz Jesu, St. Maria Friedenskönigin, St. Hildegard), Mai 1993

Hinweis: Dieser Text ist vermutlich nicht in jedem Pfarrbrief so nachdruckbar. Sein Inhalt ist aber in vielen Pfarrgemeinden vermutlich sehr leicht nachvollziehbar. Insofern seien Pfarrbriefredaktionen bzw. –autoren und –autorinnen ermuntert, die Leverkusener Erfahrungen als Anregung für eigene Reflexionen zu nutzen. Anleihen sind durchaus erlaubt. Auch der Maßschneider bezieht ja seinen Stoff von jemand anderem.
Bernhard Riedl

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Das Schwerpunktthema für September 2011

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Text: Elmar Funken
In: Pfarrbriefservice.de