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Wenn Lachen die Enge sprengt

Warum Karneval und Glaube gerade in Krisenzeiten zusammengehören – ein Interview

Was hat Karneval mit Ostern zu tun? Für Willibert Pauels mehr, als man denkt. Der Diakon und Büttenredner im Kölner Karneval sieht im Humor eine Kraft, die Enge und Angst überwinden kann. Warum gerade in Krisenzeiten Lachen wichtig ist und weshalb Karneval und Fastenzeit für ihn zusammengehören, erzählt er im Interview.  

Kriege, politische und wirtschaftliche Unsicherheiten bereiten vielen Menschen Sorge. Eigentlich gibt es nichts zu lachen. Warum macht es trotzdem Sinn, Karneval zu feiern?

Willibert Pauels: Gerade in solchen Zeiten ist es nicht nur möglich, sondern es ist sogar nötig. Genau hier treffen sich gesunde Religiosität und Humor. Es gibt in den Pater Brown-Filmen mit Heinz Rühmann die wunderbare Stelle: Pater Brown besucht einen unschuldig im Gefängnis sitzenden Mann und reißt einen Witz. Als der Gefangene ihn fragt, wie er in dieser Situation lachen kann, antwortet der Pater: ‚Humor ist eine Ausdrucksform der Religion. Nur wer über den Dingen steht, kann sie belächeln.‘ Damit meinte er nicht eine oberflächliche oder arrogante Perspektive, sondern eine zutiefst gesund-religiöse.

Also, dass man in diesen Krisen trotzdem auf Gott vertrauen kann?

Willibert Pauels: Ja, wir dürfen ihm absolut vertrauen. Ein großes Problem unserer Zeit ist, Religion mit Moral gleichzusetzen. Moral ist wichtig, aber sie ist nicht das innerste Wesen von Religion. Im Innersten bedeutet Religion Trost. Und getröstet ist man, wenn man absolutes Vertrauen hat, dass letztlich alles Dunkel und alles Böse nicht das letzte Wort haben. Der berühmte Theologe Romano Guardini hat das wunderbar ausgedrückt. Er sagte: ‚Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten‘. Wir befinden uns aus christlicher Sicht immer im Vorletzten. Das heißt, diese Welt ist uns anvertraut, wir müssen alles dafür tun, dass es eine gute Welt wird. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass es nur eine Station auf unserem Weg ist. Das ist die österliche Botschaft des Christentums. Aber in allen Religionen gibt es als Kern diese spirituelle Sicht.

In einem Interview sprachen Sie von der anarchischen österlichen Wirkung von Humor.

Willibert Pauels: Anarchisch im positiven Sinn. Das heißt, dass alle Enge aufgebrochen wird. Der größte Verenger ist der Tod. Am Tod scheitert letztlich alles, wenn ich nicht religiös bin. Wir Christen sagen aus der österlichen Perspektive, aus der Auferstehung Jesu heraus: ‚Nein, der Tod hat nicht das letzte Wort. Letztlich wird alles gut‘. Das Lachen ist eine Ausdrucksform, die sich nicht durch Ängste beherrschen lässt. Das korrespondiert mit ganz vielen Wahrheiten aus der Bibel. Dort heißt es zum Beispiel: ‚Du hast mich in die Weite geführt.‘ Also nicht in die Enge. Angst kommt von Enge. Oder Jesus sagt einmal: ‚In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden‘. Also: Die Grenze der Trostlosigkeit, die Grenze des Todes gilt nicht. Diese Perspektive macht frei. Wenn der Mensch lacht, nicht böse und hämisch, sondern aus seinem Innersten, dann ist er frei wie ein Engel, weil er über den Dingen stehen kann. Deshalb sagt man auch, die österliche Perspektive und der Humor sind wie Bruder und Schwester.

Sie vereinen in Ihrer Person Karneval und Kirche. Was können die beiden voneinander lernen?

Willibert Pauels: Der Büttenredner lernt vom Diakon, niemals in seinen Witzen dem obersten Gebot Jesu zu widersprechen. Wir sollen einander lieben und nicht demütigen. Und der Diakon lernt vom Büttenredner, nicht zum Moralprediger zu werden.

Das ist angesichts der Ausschweifungen im Karneval manchmal schwer, oder?

Willibert Pauels: Eine der größten Gelehrten der Menschheitsgeschichte, Thomas von Aquin, sagte, dass es im Menschen ein Tier und einen Engel gibt. Die Aufgabe ist es, das wilde Tier in uns nicht zu unterdrücken, sondern zu begrüßen und mit dem Engel zu versöhnen. Der Karneval ist eine geniale Möglichkeit, das Animalische in uns, die Lust am Leben, die sinnliche Lust zu erfahren – eingehegt durch bestimmte Regeln, um das Tier in uns mit dem Engel zu versöhnen, wie Thomas von Aquin sagte. Es gibt zwei radikale Positionen, auf solche Anlässe zu schauen, und die sind immer schlecht. Die eine Position sagt: ‚Lass die Sau raus‘. Die andere Position will solche Feste verbieten oder zumindest moralisch bekämpfen. Ich sage: Das Oktoberfest in München, der Karneval im Rheinland und all diese Anlässe sind großartig. Aber vergiss nicht die Grenzen und die Regeln des Anstandes, also das Engelhafte in dir.

Welche Seite Ihres Glaubens kommt gerade im Karneval besonders gut zum Ausdruck?

Willibert Pauels: Der Glaube an die Geborgenheit, an Trost und Zuversicht.

Karneval und Fastenzeit sind für Sie …?

Willibert Pauels: … der Anlauf zu Ostern. Das sind ja die zwei Seiten. Der Sinnenmensch darf im Karneval im Vordergrund stehen. Der asketische, spirituelle Mensch ist es in der Fastenzeit. Aber weder Fastenzeit noch Karneval sind das Ziel, sondern nur der Weg zum Ziel. Und das ist Ostern.

Interview: Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Elfriede Klauer
In: Pfarrbriefservice.de

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