Was wir voneinander lernen können
Erfahrungen aus Ost und West
Reisefreiheit? Für DDR-Bürger ein Fremdwort. Doch mit der Deutschen Einheit bot sich plötzlich die Möglichkeit dazu. Viele Sachsen berichten mir, wie sie einen lange gehegten Traum wahr werden ließen und sich die Welt ansahen. Was ich daraus gelernt habe? Wenn sich eine gute Gelegenheit zum Verreisen anbietet, nutze sie!
Michael Baudisch aus Dresden, 1974 geboren und bis 2000 in Bayern, seither in Sachsen zuhause
„Menschen, die im Winter und beginnenden Frühling den Rausch der Selbstermächtigung erlebt haben, müssten jetzt, statt noch nie dagewesene Konzepte zu schmieden, bundesdeutsche Gesetzesblätter studieren. ... All das, was sie müssten, das wissen sie nicht, das wollen sie nicht, das liegt nicht in ihrer Macht.“ Jenny Erpenbeck trifft für mich in ihrem Roman „Kairos“ so präzise rückblickend die emotionale Lage im Osten nach der Wende 1989. Vielleicht kann ich als „Westler“ diese Lage heute 2025 besser verstehen. Heute steht der gesamte Westen (oder die Welt insgesamt) vor großen Fragen des Umbruchs mit Ungewissheiten, die uns alles andere als vertraut sind und das Leben herausfordernd machen. Dafür gibt es kein Drehbuch. Demokratie, Menschenrechte, freie Meinungsäußerung – nicht selbstverständliche Gaben, sondern Aufgabe zu gestalten.
Johannes Simon, 1959 am Untermain in Bayern geboren und seit 1986 im Landkreis Haßberge zuhause, dem ehemaligen „Zonen-Rand-Gebiet“
Uns zeichnet Bescheidenheit aus, wir sind anspruchsloser, einfacher gestrickt, nicht so kompliziert ...
Patricia aus Dresden (52), Erzieherin, arbeitet im Hospiz und ehrenamtlich in der Gefängnisseelsorge
Die Menschen sind unterschiedlich. Bin ich freundlich, sind sie es auch.
Christina (60), Verkäuferin in einem Supermarkt in Berlin
Wir haben gelernt zu improvisieren. Geht nicht, gibt's nicht. Ich glaube auch, wir haben ein gutes Gespür für Wahrhaftigkeit und eine gute Skepsis gegenüber Autoritäten und Strukturen. Wir suchen eher die Gemeinschaft.
Bruder Gabriel Zörnig, 1963 in Brandenburg geboren, mit seinem rollenden Kloster, einem umgebauten Wohnmobil, in Ost und West unterwegs
Ich war 11 Jahre alt, als die Mauer gefallen ist. Für mich hat sich damit genau rechtzeitig die Chance eröffnet, auf ein Gymnasium zu gehen, auf ein katholisches noch dazu. Und wegen der Umstrukturierungen der Schulen in Ost-Berlin landete ich zusammen mit einer Freundin von einem Tag auf den anderen mitten im Schuljahr der 7. Klasse in Berlin-Neukölln. Es war fast ein Schock, denn es trafen zwei Bildungswelten aufeinander – wir waren so an Disziplin gewöhnt, dass wir die Lautstärke und das Gelümmele auf den Schulbänken höchst merkwürdig fanden zu Beginn. Aber daran haben wir uns natürlich schnell gewöhnt ;-) In vielen Fächern waren wir unseren neuen Mitschülern weit voraus, in anderen hatten wir schwer etwas nachzuholen. Wir haben uns gegenseitig neugierig beäugt, haben Vorurteile bestätigt und mit anderen aufgeräumt und sind schnell in die Gemeinschaft hineingewachsen. Bald waren wir keine richtigen Ossis mehr, aber auch keine Wessis, irgendwie Bewohner einer Zwischenwelt. Wir haben alle viel voneinander gelernt in dieser Zeit des Aufbruchs, an die ich heute manchmal wehmütig zurückdenke. Alles schien möglich, die Welt stand uns offen, die Stimmung im Berlin der 1990er Jahre fühlte sich einzigartig freiheitlich an – das werde ich für immer in ganz spezieller Erinnerung behalten und wünsche jedem, dass sie oder er im Leben auch so eine Zeit der Wunder erleben darf.
Martina Richter, 1977 geboren, arbeitet in und lebt bei Berlin
Ich schreibe über Vorurteile gegenüber Ostdeutschen und erwische mich doch hin und wieder dabei, dass ich Vorurteile gegenüber Westdeutschen habe. Die kann ich meist gar nicht konkret benennen, sondern es ist mehr so ein Bauchgefühl, das mir sagt: Die haben doch eh keine Ahnung von Ostdeutschland. Wenn ich mich dann aber dazu entscheide, den Personen erst zuzuhören, bevor ich mir eine Meinung über sie bilde, dann wird mir in schöner Regelmäßigkeit das Gegenteil bewiesen – mit umso größerem Lerneffekt für mich.
Hanna Müller, 2002 in Sachsen geboren, studiert in Thüringen
Die unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen, die wir in diesem Land als Ost- und Westdeutsche gemacht haben, können unsere Gesellschaft bereichern. Wir alle, ob aus Ost, West oder anderen Ländern, haben etwas zur Debatte beizutragen. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig als gleichberechtigte Stimmen wahrnehmen.
Weronika Vogel, 2001 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, in Sachsen aufgewachsen, studiert in Thüringen
Wir hatten zu DDR-Zeiten Kontakt zu katholischen Christen in Meinigen. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Ich bewunderte damals ihren Mut und ihre Widerständigkeit, treu zu ihrem Glauben zu stehen, trotz gravierender Nachteile. Ihre Geradlinigkeit haben sie sich bis heute bewahrt.
Elfriede Klauer, 1970 im ehemaligen bayerischen Zonen-Randgebiet geboren und dort zuhause
Mitte der 80er Jahre bis zur Wende und darüber hinaus durfte ich die Erfahrung mehrerer sogenannter „Ost-West-Treffen“ im Rahmen christlicher Jugendbegegnungen machen. Diese Begegnungen waren vom Kennenlernen der jeweils anderen Lebensweise im jeweils anderen Teil Deutschlands, vom Austausch und unbeschwerten, gemeinsamen Erlebnissen geprägt. Es entwickelten sich Freundschaften unterschiedlicher Intensität. Diese Freundschaften „vor und nach der Wende“ tragen und bereichern mein Leben bis zum heutigen Tag. Ich habe die Erfahrung machen dürfen, dass Freundschaft, gegenseitiges Verständnis und Achtung, Leben menschlicher Werte, Zuhören, Neugier aufeinander, Freude am gemeinsamen Tun und Lernen, Verantwortung füreinander sowie Vertrauen – völlig unabhängig von der Herkunft – durch jede Zeit tragen, jeder Veränderung stand halten und unglaublich wohltuend und bereichernd sind.
Bernadette Kindl (55), als praktizierende Christin in Meuselwitz bei Leipzig aufgewachsen, seit 30 Jahren in Halle zuhause
Mein Ziel war es immer, wieder in meine alte Heimat Halle zu ziehen. Als ich es 2022 versuchte, fiel es mir schwer, mich wieder einzufinden. Ich erlebte ein tiefes Misstrauen, gerade zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Gleichzeitig arbeitete ich unter schlechteren Bedingungen und für weniger Gehalt. Dies ist eine Realität, die den meisten Menschen im Westen nicht bewusst ist. Die Preise sind angepasst an die in Westdeutschland, jedoch ist der Verdienst im Osten geringer. Dies führt zu Existenzängsten, die es auch woanders gibt, jedoch gehäuft in den neuen Bundesländern. Es sollte meiner Meinung nach mehr Verständnis herrschen für die Probleme, die es seit der Wiedervereinigung gibt und die nicht gelöst wurden.
Nora Kindl (32), in Halle/Saale aufgewachsen, 2011 nach Aachen gezogen, mittlerweile wieder in Aachen wohnhaft
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Text: Verschiedene AutorenIn: Pfarrbriefservice.de
