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Wärmende Nähe oder kühle Distanz?

Für die Beziehung zwischen Eltern und Kinder braucht es eine gute Balance der Gegensätze des Lebens

Der berühmte griechische Philosoph Aristoteles hinterließ seinem Sohn Nikomachos gewissermaßen als sein ethisches Erbe folgende Einsicht: „Alles im Leben, was einen Wert hat, kann durch ein Zuwenig oder ein Zuviel zerstört werden.“ Diese Feststellung kann man als einen allgemeingültigen menschlichen Erfahrungsschatz bezeichnen. Es geht hier prinzipiell um unser aller Bemühen, in all unseren Lebensvollzügen stets eine Mitte, die Balance zwischen den Gegensätzen des Lebens zu suchen: zwischen Ich und Du, Nähe und Distanz, Festhalten und Loslassen, Harmonie und Streit, Bewahren und Verändern und vielen anderen Gegensätzen, die erst in einem inneren Gleichgewicht zueinander ein lebenswertes Leben ermöglichen. 

Wenn wir diese Lebensregel ernst nehmen und damit unser Verhalten den eigenen Eltern gegenüber betrachten, werden wir auch hier die Gefahr eines Zuwenig oder eines Zuviel bemerken. Unser Verhalten Vater und Mutter gegenüber, die uns doch beide unser Leben geschenkt, behütet, getragen, in aller Regel geebnet und auch unterstützt haben, müsste von Dank, Liebe, Respekt und Unterstützung im Alter geprägt sein. Gleichzeitig sehen wir, dass diese eigentlich selbstverständlichen Reaktionen den Eltern gegenüber leider oft nicht oder nicht mehr möglich sind. Statt wärmender Beziehung erleben viele häufig nur noch eine kühle Distanz, nicht selten von beiden Seiten ausgehend.

Zuwenig oder Zuviel?

Worin liegt hier das problematische Zuwenig oder Zuviel? 

Jeder Mensch braucht auf seiner Lebensreise eine Familie, ein erstes Nest, einen Hafen. „Sie ist“, nach Adolf Kolping, „das erste, das der Mensch im Leben vorfindet und das letzte, wonach er die Hand ausstreckt“. Sie ist Kernzelle in unserem Lebenslauf, Schutz auf unserem Weg, Heimat oder wenigstens eine Herberge, in der man immer wieder rasten kann. Im Idealfall kann sie für jeden Menschen so etwas wie ein Trampolin sein, um seine Lebensziele zu erreichen und ein Sprungtuch in Situationen der Not und der Gefahr. In der Familie können Kinder und Jugendliche Nähe und Geborgenheit, Verlässlichkeit und Solidarität erfahren, leider aber auch oft das Gegenteil. Sie können die elementaren Dinge des Lebens in einer Gemeinschaft erleben, können ihre Fähigkeiten und Grenzen erproben, soziale Kompetenz lernen, Rücksicht zu nehmen, zu teilen und einander zu helfen. 

Erlebt ein Kind allerdings ein Zuwenig an dieser grundlegenden Geborgenheit, Sicherheit und Fürsorge, entwickelt es nicht selten Verlassensängste, Aggressionen, Depressionen, es fühlt sich allein gelassen, verlassen und mutlos. Gibt es andererseits ein Zuviel an Nähe, gibt es ein Zuviel an Sorge in Form von Bevormundung, übergriffiger „Fürsorge“, entwickeln Kinder ihren Eltern gegenüber meist berechtigten Widerstand, Trotz, Gegenwehr oder Abneigung. Ihr Recht auf Freiheit, Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit wird von vielen Eltern nicht erkannt und stattdessen als „Undank“ bezeichnet, was auf Seiten des Kindes wiederum Schuldgefühle erzeugen kann. Die Beziehung zwischen Eltern und Kinder wird dann immer kühler und frostiger. 

Jenes Ungleichgewicht des „Zuviel-Eltern“ kann auch dann noch virulent sein, wenn aus den Kindern bereits Erwachsene geworden sind, sie in einer eigenen Partnerschaft leben und die Eltern zuviel in die Ehe ihrer Kinder eindringen möchten. Nicht umsonst weist uns die Bibel darauf hin, dass die Liebe eines Ehepaares gerade darin begründet wird, „dass beide Vater und Mutter verlassen und der Person des anderen anhangen und ein Fleisch werden.“ (Gen 2,24). 

Gewähren die Eltern andererseits dem Freiheitswunsch eines Kindes ein Zuviel, unterlassen oder vernachlässigen sie die notwendige Anstrengung, dem Kind auch gewisse und angemessene Grenzen zu setzen. Dies kann auf Seiten des Kindes zu einem Zuwenig an Gemeinschaftssinn, Verantwortungsgefühl und einem Zuviel an Egoismus, Desinteresse und Eigensinn führen. Auch hier werden die Grundlagen gelegt, dass die Beziehung von Kindern zu den Eltern und umgekehrt von gegenseitigen Enttäuschungen und Schuldzuweisungen geprägt sein kann. Manchmal sind es dann in der Folge jene empfindlichen Erbstreitigkeiten, die das Band einer Familie fast gänzlich zugrunde gehen lassen. Man redet nicht mehr mit Vater oder Mutter, Eltern haben vielleicht den Kontakt zu ihren Kindern oder zu einem seiner Geschwister ganz eingestellt. 

Ein kleiner Ruck für mehr Familie

Wenn diese Gleichgewichte in der Beziehung Eltern-Kinder nicht gewahrt werden, wird alles sehr belastend. Keiner geht mehr auf den anderen zu, vor lauter Angst, sein Gesicht zu verlieren. Irgendwie ist alles wie festgefahren. Alle leiden darunter, keiner gibt es offen zu und keiner will einen ersten Schritt machen, der wieder zu einer Versöhnung führen könnte. Könnte man sich doch einmal so richtig aussprechen, notfalls mit professioneller Hilfe … Vielleicht bräuchte es einen kurzen Anruf, einen kleinen Brief, einen guten Gedanken, einen ganz kleinen inneren Ruck und es könnte sich wieder etwas bewegen in Richtung „Familie“.

Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de

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Stanislaus Klemm, Diplompsychologe und Theologe

Stanislaus Klemm, Jahrgang 1943, ist Diplompsychologe und Theologe. Er arbeitete in der Suchttherapie, in der ökumenischen Telefonseelsorge Saar sowie in der Lebensberatung des Bistums Trier in Neunkirchen. Er ist Autor verschiedener Bücher. 

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Text: Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe
In: Pfarrbriefservice.de