Von der Lüge Weißer Überlegenheit

und wie sie zu unverdienten Vorteilen führt

Rassismus ruht auf der Lüge Weißer Überlegenheit: Diese Lüge besagt, Weiße seien die besseren Menschen. Mit den Worten des Weißen deutschen Philosophen Immanuel Kant: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen“.⁸ Diese Lüge wird als ewige, universale und unumstößliche Wahrheit bestimmt, die wir als selbstverständlich hinnehmen sollen. Die Lüge von der weißen Überlegenheit erzählt uns, dass es seit Menschengedenken Weiße gab, dass es Weiße waren, die Geschichte gemacht, Kunst geschaffen, die Demokratie erfunden haben und in deren Händen die Zukunft aller Menschen liegt. Sie mögen denken: Wer glaubt denn so was? Nicht wenige. Ein Sechstel der Befragten bezeichnete in einer Umfrage den Satz: „Die Weißen sind zu Recht führend in der Welt.“ als ganz bzw. eher zutreffend.⁹ Schon Kinder lernen, dass helle Haut besser und dunkle Haut ein Makel ist. Die Dichterin und Aktivistin May Ayim erinnert sich an ihre Kindheit:

„Spätestens im Alter von fünf Jahren dürften mir alle nennenswerten Schwarz-weiß-Klischees vertraut gewesen sein, zumindest hatte ich bis dahin so viele Komplexe, dass ich meine Pflegemutter bat, mich weiß zu waschen, und heimlich Seife aß.“ ¹⁰ (Gedichte der Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afro-deutschen Bewegung, May Ayim, für den Gebrauch in der Bildungsarbeit)

In unserer geweißten Welt ist es nicht notwendig, Weißsein zu betonen oder auch nur zu benennen, denn es ist längst verschmolzen mit dominanten Vorstellungen vom Menschsein an sich, von Vernunft und Heimat. Da ich bestimmte Erfahrungen nicht mache, genieße ich unverdiente Vorteile. Solche Privilegien sind Weißen Menschen meist nicht bewusst, auch wenn wir sie tagtäglich in Anspruch nehmen. Weißsein als Norm ist über Jahrhunderte gewachsen – gerade auch im Christentum:¹¹

  • Ich verbringe jeden Sonntagsgottesdienst in Gemeinschaft mit Menschen meiner Hautfarbe.
  • Ich kann Vorträge, Podiumsdiskussionen und Diskussionsgruppen besuchen, die sich ausschließlich mit den Belangen von Menschen meiner Hautfarbe beschäftigen.
  • Ich werde nie aufgefordert, für alle Menschen meiner Hautfarbe zu sprechen.
  • Ich schalte das Internet oder den Fernseher ein oder schlage die Zeitung auf und sehe Menschen meiner Hautfarbe überall repräsentiert.
  • Wenn es um die Geschichte meines Landes und um „Zivilisation“ geht, wird mir gesagt, dass es Menschen meiner Hautfarbe waren, die es zu dem gemacht haben, was es ist.
  • Ich kann einkaufen gehen, ohne dass der Kaufhausdetektiv mir misstrauisch folgt.
  • Ich kann sicher sein, dass es in jedem Friseursalon Mitarbeiter_innen gibt, die mein Haar frisieren können.
  • In meiner Religion haben alle abgebildeten zentralen Gestalten ungefähr meine Hautfarbe.
  • Wenn ich Leute neu kennen lerne, wundert sich niemand über meine guten Deutschkenntnisse.
  • Wenn ich auf der Straße von der Polizei angehalten werde, kann ich sicher sein, dass meine Hautfarbe nicht der Grund ist.
  • Wenn ich Pflaster oder Make-Up mit der Bezeichnung „naturell“ kaufe, entspricht es ungefähr meiner Hautfarbe.
  • Ich habe die Wahl, mich mit Rassismus auseinander zu setzen oder nicht.

Dr. Eske Wollrad
Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus, u.a. (Hg.): Vor Gott sind alle Menschen gleich. Beiträge zu einer rassismuskritischen Religionspädagogik und Theologie. In: Pfarrbriefservice.de

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⁸ Immanuel Kant (1757): Physische Geographi, Gesammelte Schriften, Erste Abteilung: Werke, Band IX, Berlin/ Leipzig 1923, 316
⁹ Wilhelm Heitmeyer (2002): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse, in: Ders., Deutsche Zustände. Folge 1, Frankfurt a.M., 25.
¹⁰ May Ayim (1997): Grenzenlos und unverschämt, 116.
¹¹ Eske Wollrad (2005), 193-194.

Verknüpft mit:
Das Schwerpunktthema für Februar 2022

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Text: Dr. Eske Wollrad, Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus, u.a. (Hg.): Vor Gott sind alle Menschen gleich. Beiträge zu einer rassismuskritischen Religionspädagogik und Theologie.
In: Pfarrbriefservice.de