„Vom Wunder der Empathie“

Ein Gespräch mit Alexandra Andersen über die Gewaltfreie Kommunikation (GFK)

Alexandra, du lebst mit deiner Familie in Gerbrunn, bist im Hauptberuf Lehrerin und unterrichtest Sprachen und Religion an einem Würzburger Gymnasium. Außerdem gibst du als freiberufliche Trainerin Kurse in Achtsamkeit und Gewaltfreier Kommunikation (GFK). Was ist das eigentlich, die GFK?

Alexandra Andersen: Die gewaltfreie Kommunikation ist für mich sowohl eine Methode, aber vor allem eine innere Haltung, mit der ich Menschen begegne. Und zwar in zweierlei Bereichen. Zum einen in einer Konfliktsituation: Durch die GFK kann ich ausdrücken, was in mir lebendig ist, ohne die Bedürfnisse und Gefühle des anderen außer Acht zu lassen. Das heißt, meine Bedüfnisse sind genauso wichtig wie die des anderen. Gleichzeitig möchte ich verstanden werden und den anderen verstehen. In diesem Rahmen birgt die GFK ein unglaubliches Potenzial zur Konfliktlösung. Und da ist die andere Seite der GFK: Wenn ich mit meinem Gegenüber gar keinen Konflikt habe, aber die Person einen Konflikt mit einer anderen Person. Dann kann ich als Empathiepartnerin fungieren und Empathie schenken, da sein, „Perlentaucherin“ werden, wie ich das nenne, um die Gefühle und Bedürfnisse des anderen zu ergründen, und die Energie dafür zu halten.

Also zwei Aspekte der GFK: Konflikte bearbeiten, vielleicht auch lösen, die man selber mit den Mitmenschen hat. Aber auch in der „Mediatorenrolle“ sein.

Alexandra Andersen: Genau, und ich stelle das, was „meins“ ist hinten an und öffne mich für alles, was die Person mitteilen, buchstäblich mit mir teilen möchte. Wenn ich da wirklich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit dabei bin und zuhöre, … da fällt mir Momo ein, von Michael Ende, die so gut zuhören konnte … ich spreche hier gerne vom Wunder der Empathie. In Gesprächen ist man ja schnell versucht, Ratschläge zu geben oder Lösungsvorschläge zu machen. Nein, darum geht`s eben nicht. Das ist für mich eine unglaublich wertvolle Erfahrung: Wenn mir ein Mensch so zuhört, dass all das aus mir heraus entstehen kann, was gerade lebendig ist, ich das in Worte fassen kann und jemand mit mir diese Energie hält. Das bringt oft Lösungen, die ich mit dem Verstand nie hätte ergründen können.

Ja, das ist, glaube ich, ein wichtiger Aspekt: Empathie schenken, also wirklich beim anderen sein und ihm Wertschätzung entgegen bringen. Es geht weniger um eine Strategie, irgendwie zu seinen Zielen zu kommen.

Alexandra Andersen: Ganz genau, das steht gar nicht im Mittelpunkt.

Du hattest ja eingangs erwähnt, die GFK sei für dich sowohl eine Methode wie eine innere Haltung, mit der man den Menschen begegnet …

Alexandra Andersen: Ja, ich glaube, es ist beides. Für mich sind die theoretischen Grundlagen der GFK, die vier Schritte zum Beispiel, wichtig gewesen, um in die Praxis zu gehen. Gleichzeitig bedurfte es eines intensiven Trainings mit mir selbst, um genau das dann auch zu leben. Für mich war dieses „mir selbst Empathie geben“ und hinschauen: „Was ist denn eigentlich in mir los?“ ohne irgendwie die Ursache bei jemand anderem zu suchen, das wirklich intensive Training, weil ich das so nicht gelernt hatte.

Die GFK ist also viel mehr als diese vier Schritte. Ich bin in meinem Innersten gefordert, letzlich auch zu mir selbst zu kommen, ein Bewusstsein zu entwickeln für meine eigenen Bedürfnisse, für mein So-Sein, und aus diesem Sein heraus anderen Menschen ganz anders zu begegnen.

Alexandra Andersen: Ja, und mich auch verletzlich zu zeigen, indem ich wirklich ehrlich kommuniziere. Oft wird die GFK verwechselt mit „Friede-Freude-Sonnenschein“. Es gibt ein wunderbares Buch dazu, das heißt: „Sei nicht nett, sei echt!“ Darin liegt für mich der Schlüssel: Indem ich zu dem stehe, was da ist, was ich buchstäblich fühle. Wir sind es nicht so sehr gewohnt in unserer Gesellschaft, über Gefühle zu sprechen. Gleichzeitig haben wir sie alle. Es bedarf schon eines Commitments mit mir selbst, mich von diesen Gefühlen berühren zu lassen, sie dann auch auszudrücken und dazu zu stehen. Das fordert mich und gleichzeitig ist es unendlich wertvoll, diesen Kontakt zu mir zu haben und damit authentisch zu sein.

Wie bist du denn zur GFK gekommen?

Alexandra Andersen: Tatsächlich kam es bei mir über die Schule in meiner Rolle als Vertrauenslehrerin. Damals, dachte ich, ich kann ganz gut kommunizieren (lacht) und bin dann schnell an meine Grenzen gekommen. Weil das neben Konfliktgesprächen nicht selten auch sehr emotionale Gespräche waren. Da habe ich gemerkt, ich möchte mit mir selbst in einem anderen Kontakt sein, aber auch diese Gespräche, die mich oft sehr berührt haben, in einer anderen Energie führen können. Über eine Freundin kam ich dann zur GFK. Natürlich hat es mir später für die Schule „was gebracht“: Ich konnte Gespräche anders führen. Die GFK ermöglichte mir auch eine neue Qualität der Verbindung zu meinen Kindern und zu meinem Mann. Gleichzeitig stelle ich fest: Die GFK in der Familie ist schon auch die Königsdisziplin.

Ja, das kann ich bestätigen, dass es die Königsdisziplin ist.

Alexandra Andersen: (lacht) Aber es lohnt sich dranzubleiben. Und es ist ja auch das Schöne: Wir sind nicht jeden Tag gleich. Ich bin nicht jeden Tag gleich empathisch und manchmal regen mich die liegen gebliebenen Strümpfe auf dem Sofa einfach extrem auf und ich könnte die Wände hoch gehen und manchmal freue ich mich drüber und werfe sie in den Wäschekorb (lacht). Jeder Tag ist eine neue Möglichkeit, es wieder zu versuchen.

Du hast dich auch in Achtsamkeit ausgebildet und gibst hier selber Kurse. Inwiefern hängen denn GFK und Achtsamkeit zusammen?

Alexandra Andersen: So gefragt bin ich ganz schnell bei dem Begriff Präsenz. Also dieses: ganz „Da sein“, ganz im „Jetzt“ sein. Das ist auch der Schlüssel für Konflikte und der Schlüssel für den Moment, in dem ich Empathie schenke. Diese Präsenz gilt es zu kultivieren. Das können wir alle lernen, kommt uns aber in unserer schnelllebigen Welt oft abhanden. Und ein Aspekt der Achtsamkeit ist für mich der „Anfängergeist“: Indem ich im Alltag versuche, Dinge, die ich schon 1.000 Mal getan habe, für mich so anfühlen zu lassen, als ob ich sie zum ersten Mal mache. Zähneputzen zum Beispiel. Dieses „zum ersten Mal eine Situation erleben“ gilt es zu kultivieren. Wenn ich es dann in Gesprächen anwende, heißt das, mir ist nicht von vornherein klar, was der andere gleich sagen wird. Ich weiß nicht schon vorher, wie das ausgeht. Nein, ich gestehe der Situation eine Offenheit zu, die diesem Anfängergeist entspricht. Das ermöglicht eine ganz andere Gesprächskultur und auch einen anderen Gesprächsverlauf.

Das mit dem Anfängergeist hat ja fast eine spielerische Komponente. Wie ein Kind ist man da, oder?

Alexandra Andersen: Ja genau. Das sind wir ja letztlich alle noch (lacht). Wir alle haben auch diese spielerische, neugierige, abenteuerliche Seite in uns, die wir uns jedoch als Erwachsene ganz oft nicht mehr erlauben.

Jesus hat ja gesagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen!“ Die Verbindung, die ich da habe: Wenn nicht ein Kind ins Himmelreich kommt, wer dann? In dieser Unschuld, in diesem ursprünglichen Sein, zu sein wie ein Kind.

Alexandra Andersen: Ja! Ja, das stimmt.

Und könnte man Jesus nicht in gewisser Weise als ersten Trainer der GFK ansehen?

Alexandra Andersen: Ich glaube, Jesus hat das gelebt, indem er auf die Menschen zuging. Wenn er ihnen begegnet ist, hat er sie so sein lassen, wie sie waren. Er wollte sie nicht verändern, ihnen nicht irgendein Urteil aufdrücken, sondern er hat sie gesehen. Und gehört. Damit fühlten sich die Menschen, du hast das vorhin so schön gesagt, in ihrem So-Sein wahrgenommen, aber auch anerkannt und wertgeschätzt. Mit all den Fehlern, die sie vielleicht auch mitgebracht haben, einfach weil sie Menschen sind. Und das spüren wir auch heute, wenn Menschen auf diese Weise im Kontakt sind, das bewirkt etwas. Das Herz wird uns dadurch leichter. Ich glaube, dass Jesus eine ganz große Gabe darin hatte. Deshalb gehe ich da mit: Er war der erste GFKler (lacht).

Für Leute, die vielleicht zum ersten Mal von GFK hören und die da reinkommen oder reinfinden möchten. Hättest du einen Tipp, womit sie anfangen können?

Alexandra Andersen: Für den Alltag und sofort umsetzbar würde ich allen raten, mal auszuprobieren, wie es ist, wenn sie auf zwei Worte verzichten. Und zwar auf das Wort „Müssen“ und auf das Wort „Aber“. Für „Aber“ hätte ich eine Alternative: „… und zugleich“. Ein Beispiel: „Ja, das ist toll, dass du mich zum Kino einlädst, aber leider … kann ich nicht und muss etwas anderes machen“. Stattdessen kann ich sagen: „Ja, ich freue mich total, dass du mich zum Kino einlädst. Gleichzeitig merke ich, dass meine Zeit begrenzt ist und ich noch ein bisschen was machen möchte, damit ich morgen gut in meinen Unterricht gehen kann und ich möchte das heute Abend noch vorbereiten. Deshalb passt es mir heute nicht.“ Wenn ich Verantwortung übernehme für meine eigenen Entscheidungen, die ich jeden Tag treffe, brauche ich das Wort „Müssen“ nicht. Wenn ich das Wort „Aber“ weglasse, gewichte ich nicht, sondern ich lasse den Kinobesuch als gleichwertig neben meiner Entscheidung stehen, mich auf meinen Unterricht vorzubereiten.

Vielen Dank, Alexandra, dass du dir die Zeit genommen hast für uns.

Sehr gerne.

Interview: Christian Schmitt, In: Pfarrbriefservice.de

Hinweis: Dieses Interview gibt es auch zum Hören als Sonderpodcast. Klicken Sie weiter unten auf das Vorschaubild.

Kontakt zu Alexandra Andersen:
Telefon: +49 (0)176 5390 2017
Mail: info@alexandra-andersen.de
Internet: www.alexandra-andersen.de

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„Vom Wunder der Empathie“ (Aufzeichnung vom 25.5.2022)

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Das Schwerpunktthema für Dezember 2022

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Text: Christian Schmitt
In: Pfarrbriefservice.de