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Vom Geheimnis der Wiederholung

Wie Routinen und ein Vertrauen auf Gottes Hilfe entlasten können

Vor einigen Tagen habe ich die ersten Maiglöckchen entdeckt. Und freue mich, als hätte ich die kleinen weißen Glockenblumen zum ersten Mal in meinem Leben gesehen. Dabei sind sie nichts Außergewöhnliches. Sie blühen jedes Jahr um die gleiche Zeit. Und gehören so zum natürlichen Kreislauf von Wachsen, Blühen, Reifen und Vergehen. Der sich seit Urzeiten wiederholt, Jahr für Jahr. Für mich hat die Entdeckung der ersten Maiglöckchen dennoch etwas Besonderes, sogar etwas Beglückendes. Vielleicht hat das etwas mit dem Geheimnis von Wiederholungen zu tun. Das je nach subjektiver Wahrnehmung jedes Mal eine andere Facette haben kann.

Wiederholungen prägen unser Leben und werden oft zu Unrecht als langweilig abgetan. Dabei muss, was sich wiederholt, nicht neu gelernt werden und kann Freiraum für anderes öffnen. Dennoch empfinden wir die teils immer gleichen Abläufe insbesondere im Alltag als ermüdend und anstrengend, manchmal sogar als erdrückend: berufliche und familiäre Verpflichtungen, ja selbst die vertrauten und meist bewährten Rituale vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Gewohnheiten, die uns in der Regel routiniert durch den Alltag manövrieren, werden plötzlich zum Stolperstein. Und zwar dann, wenn das Gefühl, in einem scheinbar endlos sich drehenden Rad festzusitzen, die Oberhand gewinnt. Wir scheinen auf der Stelle zu treten, kommen nicht weiter, erleben nichts Neues. Wo ist da der Sinn?

Dass die von uns oftmals als eintönig empfundenen, sich ständig wiederholenden Abläufe elementarer und unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens und in diesem Sinne auch gut sind, berichtet die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel. Im stets wiederkehrenden Rhythmus von Nacht und Tag hat Gott die Welt erschaffen. Und „es wurde Abend und es wurde Morgen“, und „Gott sah, dass es gut war.“ Mit der Erschaffung der Welt wird durch Gottes Handeln zugleich eine feste und unumstößliche Ordnung etabliert. Diese Ordnung umfasst nicht nur den Wechsel von Tag und Nacht, sondern auch den Kreislauf von Werden und Vergehen.

Damals haben sich die Menschen wie selbstverständlich in den sich jahrein jahraus wiederholenden Kreislauf eingefügt. Wie der Sämann im gleichnamigen Gleichnis im Neuen Testament: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag.“ Der Sämann tut nichts weiter als seine Pflicht. Tagsüber sät er das Feld ein. In der Nacht ruht er sich aus. Und wartet, bis die Saat aufgeht. Wie selbstverständlich lebt er im Rhythmus von Tag und Nacht. Ohne seine alltäglichen Routinen zu hinterfragen. Mit großer Gelassenheit und Geduld. Im Vertrauen darauf, dass sein Tun Sinn macht. Die Saat „geht auf und wächst“.

Der Sämann ist sich bewusst, dass das Wachsen und Reifen der Saat nicht allein von seiner Arbeit abhängt. Denn „von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“ Aus dem Wissen um den Kreislauf der Natur und im Glauben an den Segen Gottes, der über allem steht, lebt der Sämann entspannt im stets wiederkehrenden Rhythmus von Tag und Nacht, von Tun und Lassen. Und erkennt darin die Sinnhaftigkeit seines Daseins.

Christine Hober
Quelle: Krankenbrief 05/25, www.krankenbrief.de, In: Pfarrbriefservice.de

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Christine Hober

Dr. Christine Hober ist katholische Theologin. Anfang der 90er Jahre organisierte sie die erste Woche für das Leben im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz und war viele Jahre in der religiösen Erwachsenenbildung tätig.

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Text: Christine Hober, Quelle: Krankenbrief 05/25, www.krankenbrief.de
In: Pfarrbriefservice.de