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„Unser Bewusstsein lebt weiter“

Ein Interview mit dem Kardiologen Dr. Pim van Lommel

Seit etwa 40 Jahren erforscht der niederländische Kardiologe Dr. Pim van Lommel, was Menschen bei einer Nahtoderfahrung erleben. Im Interview berichtet er über erstaunliche Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit.

Dr. van Lommel, Sie sind 82 Jahre alt und forschen seit etwa vier Jahrzehnten über Nahtoderfahrungen, also über die Erlebnisse von Menschen, die medizinisch für kurze Zeit klinisch tot waren und dann reanimiert wurden. Als Kardiologe haben Sie gelernt, Leben zu retten: Was fasziniert Sie so am Jenseits?

Dr. Pim van Lommel: Ich spreche nie über ein „Leben nach dem Tod“, sondern über die Weiterführung des Bewusstseins. Das Leben ist ein biologisches System, und wenn der Körper stirbt, verschwindet es – übrig bleibt das Bewusstsein. In den Achtzigerjahren las ich das Buch eines Mannes, der 1943 als Medizinstudent an einer schweren Lungenentzündung gestorben war. Die Krankenpflegerin war darüber so verzweifelt, dass sie den Arzt überredete, ihm Adrenalin direkt ins Herz zu spritzen, was damals sehr ungewöhnlich war. Der Patient kehrte nach neun Minuten zurück und beschrieb danach seine Nahtoderfahrung. Seine Schilderungen dieses Erlebnisses haben mich sehr fasziniert.

Welche Bedeutung hatte das für Ihre Arbeit?

Dr. Pim van Lommel: Danach fing ich an, meine Patientinnen und Patienten, die einen Herzstillstand überlebt hatten, zu fragen, ob sie sich an die Zeit der Bewusstlosigkeit erinnern konnten. Innerhalb von zwei Jahren berichteten mir zwölf von 50 Patienten von einer Nahtoderfahrung. Das weckte meine wissenschaftliche Neugier, weil es unseren aktuellen medizinischen Vorstellungen zufolge nicht möglich ist, während eines Herzstillstandes ein Bewusstsein zu erfahren, wenn der Kreislauf und die Atmung ausgesetzt hatten. In den folgenden Jahren habe ich für eine Studie mehr als 300 Patientinnen und Patienten befragt, die nach einem Herzstillstand klinisch tot waren. Von ihnen hatten etwa 18 Prozent eine Nahtoderfahrung, an die sie sich erinnerten. Diese Studie wurde 2001 in der renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschrift „The Lancet“ publiziert.

Können Sie uns etwas genauer sagen, was eine Nahtoderfahrung ausmacht?

Dr. Pim van Lommel: Eine Nahtoderfahrung ist ein Zustand erweiterten Bewusstseins nach dem körperlichen Tod. Sie kann als Gesamtheit aller Eindrücke während dieses besonderen Bewusstseinszustandes beschrieben werden, einschließlich besonderer Elemente wie einer außerkörperlichen Erfahrung, dem Weg durch einen Tunnel zu einem Licht, dem Gefühl bedingungsloser Liebe, der Wahrnehmung einzigartiger Landschaften oder wunderschöner Klänge oder der liebevollen Begegnung mit verstorbenen Verwandten. Viele Betroffene bewegen sich auf eine Grenze zu, von der sie wissen: Wenn ich sie überschreite, kehre ich nicht mehr zurück.

Wie fühlt sich dieses Erlebnis für den Menschen an?

Dr. Pim van Lommel: Für die meisten ist eine Nahtoderfahrung schön auf eine Art, die sie kaum beschreiben können. Sie verlassen ihren Körper und treten ein in eine Welt, die unglaublich harmonisch ist, aber diese Welt ist nicht wie unsere – es ist eine andere Dimension. Dort begegnen sie Wesen, die nicht körperlich sind, sondern eher aus Licht oder Energie zu bestehen scheinen. Alles in dieser Welt ist geprägt von Liebe und Mitgefühl.

Ist es üblich, dass das Bewusstsein eines Menschen den Körper verlässt und die Umgebung sehen kann?

Dr. Pim van Lommel: Nicht jeder Patient macht so eine außerkörperliche Erfahrung, aber wenn ein Mensch sie erlebt, dann vertieft sie seine Nahtoderfahrung sehr. Viele berichten, dass sie, während sie bewusstlos waren und das Gehirn nicht funktionierte, die Reanimation von oben beobachten konnten. Sie sehen die Ärzte und Krankenschwestern und können später genau wiedergeben, was gesagt wurde. Es gibt den Fall einer Frau, die von Geburt an blind war, und die von oben auf ihren Körper und die Umgebung schauen und das Bild später beschreiben konnte. Besonders fasziniert mich der Fall eines Mannes, dem nach einem Herzstillstand der Zahnersatz aus dem Mund genommen wurde, da er im Koma lag und beatmet werden musste. Das Gebiss ging später verloren, aber als der Mann wieder bei Bewusstsein war, sagte er zu einem der Krankenpfleger: „Ich erkenne Sie – Sie müssen wissen, wo mein Gebiss ist, Sie haben es mir doch aus dem Mund genommen!“ Der Patient hatte nach dem Unfall seinen Körper verlassen und die Szene von oben betrachtet. Mit den Augen konnte er nichts gesehen haben, weil er im Koma lag.

Skeptiker vermuten, die Ursache für solche Erlebnisse könne ein Sauerstoffmangel sein oder eine Ausschüttung von Stresshormonen oder anderen Botenstoffen als Schutzreaktion des Körpers gegen Schmerz. Was halten Sie dem entgegen?

Dr. Pim van Lommel: Studien bei künstlich induziertem Herzstillstand zeigen, dass die Gehirnfunktionen innerhalb von Sekunden erlöschen. Der Blutfluss zum Gehirn stoppt sofort, Reflexe des Hirnstamms wie die Reaktion der Pupillen auf Licht verschwinden. Das Elektroenzephalogramm, das die elektrischen Hirnströme misst, wird innerhalb von 20 Sekunden zur Nulllinie, es gibt dann keine messbare elektrische Aktivität mehr. Und genau in diesem Moment berichten Menschen von einem erweiterten Bewusstsein, das also kein Produkt des Gehirns sein kann. Eine physiologische Erklärung wie Sauerstoffmangel im Gehirn konnten wir also in unserer Studie ausschließen. Und ein Nahtoderlebnis kann auch keine Halluzination sein, denn man braucht dafür ein funktionierendes Gehirn, und das haben diese Patientinnen und Patienten nicht.

Um das Thema zu veranschaulichen, vergleichen Sie den Körper mit einem Handy und das Bewusstsein mit einem Funksignal. Was meinen Sie damit?

Dr. Pim van Lommel: Im endlosen Bewusstsein ist alles miteinander verbunden. Menschen mit einer Nahtoderfahrung sprechen oft davon, dass „alles eins ist“. Um das zu erklären, vergleiche ich es mit der weltweiten Kommunikation: In diesem Moment, während wir sprechen, gehen 200.000 oder 300.000 Telefonate mitten durch Sie und durch den Raum, in dem Sie sich befinden. Sie benötigen ein funktionierendes Mobiltelefon, um einen Teil dieser Gespräche zu empfangen. Wenn Ihr Körper und Ihr Gehirn funktionieren, empfangen Sie im Wachbewusstsein nur einen winzigen Bruchteil davon. Wenn man jedoch außerhalb seines Körpers ist, ist man mit allen anderen Wesen verbunden und hat dabei Zugriff auf Erinnerungen aus der Kindheit und eine Vernetzung mit der Vergangenheit und der Zukunft, da es für das endlose Bewusstsein weder Zeit noch Raum gibt.

Häufig erzählen Betroffene, dass sie ihr Leben dann in einer Rückschau sehen …

Dr. Pim van Lommel: Ja, sie erkennen, dass jeder Gedanke, jedes Wort und jede Handlung für immer bewahrt bleiben, und sie spüren, wie ihr Denken und Handeln auf andere gewirkt hat – ob es sie verletzt oder unterstützt hat, ob es sie traurig oder glücklich gemacht hat. Aber es ist nicht wie ein Film, der abläuft, sondern auch dies geschieht in einer Dimension, die wir nicht kennen, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig stattfinden. Bei diesem Lebensrückblick geht es nicht um ein Urteil, sondern um Einsicht. Der Mensch lernt, wie er gelebt hat und wie er Liebe gegeben hat. Das verändert die Menschen: Wer weiß, dass das Bewusstsein fortdauert, kümmert sich um die Erde, das Klima und seine Mitmenschen, und darum verändern viele Patienten nach so einem Ereignis ihre Haltung zum Leben. Die Menschen mit einem Nahtoderlebnis waren meine größten Lehrer. Denn man muss nicht selbst ein Nahtoderlebnis gehabt haben, um Dinge zu begreifen und sich zu verändern. Es reicht, diesen Menschen offen zuzuhören.

Wenn Menschen nach einem Nahtoderlebnis ihr Leben ändern, werden sie dann glücklicher?

Dr. Pim van Lommel: Das werden sie, aber es dauert lange. In unserer Langzeitstudie haben wir jeweils zwei Jahre und acht Jahre nach dem Herzstillstand mit den Teilnehmenden ein ausführliches Gespräch geführt. Für Menschen, die nach einem Nahtoderlebnis reanimiert werden und zurückkehren in „unsere“ Welt, beginnt danach eine Transformation, die Jahre und Jahrzehnte dauern kann: Sie verlieren zwar die Angst vor dem Tod und gewinnen die Einsicht, dass Empathie und Liebe das Wichtigste im Leben sind – auch für sich selbst, mit Akzeptanz der eigenen negativen Seiten. Doch gleichzeitig ist das Erlebnis oft ein psychologisches Trauma, weil man es mit niemandem teilen kann. Die betroffene Person kann versuchen, es wiederzugeben, doch es lässt sich mit Worten nicht beschreiben. Nach einem solchen Erlebnis liegt die Scheidungsrate bei 70 Prozent, weil es die Persönlichkeit eines Menschen so verändert, dass die Partnerin oder der Partner häufig sagt: „Das ist nicht mehr die Person, die ich geheiratet habe.“ Man muss es erst selbst akzeptieren und in seine Persönlichkeit integrieren – das kann Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern. Aber wenn es geschafft ist, sind die Menschen tatsächlich glücklicher. Im Deutschen sage ich dazu gerne: Sie werden vom Betroffenen zum Beschenkten. Bei Menschen, die zwar kurz tot waren, aber keine solchen Nahtoderlebnisse hatten, gibt es diese Transformation nicht.

Angeblich werden manche Menschen an der „Grenze“ von Verstorbenen zurückgeschickt, weil sie noch Aufgaben zu erfüllen haben.

Dr. Pim van Lommel: Ja, oft hören sie eine Stimme, die sagt: „Es ist noch nicht deine Zeit. Du hast noch eine Aufgabe.“ Manchmal kommt diese Botschaft von Jesus, manchmal von einer Person, die der Mensch in seinem Leben geliebt hat. Die Rückkehr in den Körper ist oft schrecklich, weil man plötzlich wieder den Schmerz des Unfalls oder der Krankheit spürt. Sie brauchen danach die Unterstützung von Ärzten und Pflegenden, die offen und ohne Vorurteile zuhören können, aber leider passiert das noch immer sehr selten. Einmal hielt ein Kardiologe am Ende einer Konferenz über Nahtoderfahrungen eine Rede und sagte, das sei für ihn alles totaler Unsinn. Da stand ein Mann im Publikum auf und sagte: „Ich bin einer Ihrer Patienten. Ich hatte eine Nahtoderfahrung, aber Sie wären der letzte, dem ich davon erzählen würde.“ Es ist bedrückend für einen Patienten, wenn er gerade bei diesem Thema kein Vertrauen zu seinem Arzt haben kann.

Sie zeigen in Ihrem Buch das Gemälde „Aufstand der Seligen“ von Hieronymus Bosch: Es ist um das Jahr 1500 entstanden und zeigt Seelen, die von Engeln in der Dunkelheit abgeholt und ins Licht begleitet werden. Wie kann ein Bild, das ein halbes Jahrtausend alt ist, ein Phänomen abbilden, das Menschen noch heute fast exakt so beschreiben?

Dr. Pim van Lommel: Die Erlebnisse des Bewusstseins nach dem Tod sind insgesamt sehr ähnlich, im Mittelalter nannte man es mystische oder religiöse Erfahrungen. Die Begriffe, die dafür gefunden werden, unterscheiden sich jedoch je nach Kultur: Ein Kind nutzt andere Worte als ein Erwachsener, ein Christ andere als ein Moslem oder Buddhist. Aber sie versuchen alle, dasselbe „unsagbare“ Erlebnis zu beschreiben. Dass die Darstellungen einander so ähneln, zeigt uns, wie universal der Vorgang ist.

Manchmal berichten Menschen, dass sie im Schlaf einer verstorbenen Person begegnen, die einmal wichtig für sie war. Ist das möglich?

Dr. Pim van Lommel: Ja, solche Begegnungen gibt es oft, weil im Schlaf die Bewusstseinsschwelle niedriger ist und man Informationen aus der anderen Dimension empfangen kann. Wenn Sie im Schlaf einen Kontakt zum Bewusstsein eines verstorbenen Verwandten haben, ist das kein gewöhnlicher Traum – einen normalen Traum vergisst man meistens, aber solch eine intensive Begegnung bleibt für immer präsent.

Nach all dem, was Sie in Gesprächen mit Ihren Patientinnen und Patienten erfahren haben: Fürchten Sie sich vor dem Tod?

Dr. Pim van Lommel: Nein, Angst habe ich nicht. Ich bin neugierig.

Interview: Burkhard Zimmermann
Quelle: Leben jetzt. Das Magazin der Steyler Missionare, www.lebenjetzt.eu, In: Pfarrbriefservice.de

Buchtipp

In seinem Buch „Endloses Bewusstsein“ schlägt der Kardiologe Pim van Lommel eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Forschung und Grenzfragen des Lebens. Anhand zahlreicher Fallbeispiele und Ergebnisse aus seinen eigenen Studien belegt er seine These, dass das Bewusstsein eines Menschen nicht an sein Gehirn gebunden ist, ergänzt durch Betrachtungen aus Medizin, Physik und Philosophie. Offen bleibt die Frage, wie es nach dem Erlebnis weitergeht, das wir im Diesseits als „Nahtoderfahrung“ bezeichnen. Aber vieles deutet darauf hin, dass das Ende nicht das Ende ist.

Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein. Patmos Verlag, 444 Seiten, 24 Euro

Mehr zu Pim van Lommel: pimvanlommel.nl

Quelle: Leben jetzt. Das Magazin der Steyler Missionare, www.lebenjetzt.eu, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Interview: Burkhard Zimmermann, Quelle: Leben jetzt. Das Magazin der Steyler Missionare, www.lebenjetzt.eu
In: Pfarrbriefservice.de

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