Umweltschutz ist sozialer Fortschritt

Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks zur Enzyklika Laudato si‘

Laudato si' ist die zweite Enzyklika von Papst Franziskus. Die am 18. Juni 2015 veröffentlichte Verlautbarung befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz, setzt zudem Zeichen im Hinblick auf bestehende soziale Ungerechtigkeiten und auf die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen. International wird die Enzyklika oft als Aufruf zu einem weltweiten Umdenken und als Wendemarke in der Kirchengeschichte bezeichnet. Auch Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks MdB bewertet Laudato si' im folgenden Artikel als "wegweisend".

Als ich im vergangenen September beim Klimagipfel der UNO in New York war, zogen über 400.000 Menschen durch die Straßen Manhattans. "Act now, not tomorrow" – "Handelt jetzt, nicht erst morgen" war ihr eindringlicher Appell. Die Stimmen, die zu einem entschlossenen Kampf gegen den Klimawandel mahnen, sind längst zu einem lauten Chor in allen Teilen der Welt geworden. Sie haben recht: Wenn wir es nicht schaffen, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, werden wir den Klimawandel nicht mehr kontrollieren können.

Laudato si‘ entfacht Rückenwind für alle, die sich – innerhalb und außerhalb der Kirche – für den Umweltschutz und für eine gerechte Welt engagieren. Mit Laudato si‘ spricht die katholische Kirche eine neue Sprache. Pointiert und sprachgewaltig schildert sie die Perspektive der armen Menschen des Südens, auch wenn ich die recht pauschale Kapitalismuskritik so nicht teilen kann. Aber richtig ist, dass die reichen Industrieländer den armen Ländern etwas schulden. Franziskus führt uns klar vor Augen, welche existenzielle Bedrohung die Zerstörung der Umwelt für viele Menschen bedeutet. Die Enzyklika schlägt einen modernen Ton an, auch wenn zum Beispiel das Verbot der Abtreibung weiterhin ein Dogma bleibt. Franziskus sucht den Dialog mit Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezieht klare Positionen, wirft an vielen Stellen aber auch Fragen auf, anstatt einfach Antworten zu verkünden.

Umweltschutz als sozialer Fortschritt

Vor allem aber stößt Laudato si‘ den Leser auf einen Zusammenhang, der uns in Europa noch zu wenig bewusst ist. Franziskus schreibt:

"Wir kommen […] heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde." (49)

Die soziale Frage und die ökologische Frage gehören zusammen. Umweltschutz behindert keinen sozialen Fortschritt, er ist sozialer Fortschritt. Das ist der zentrale Gedanke.

Viele sind der Meinung, die Armut zu bekämpfen habe Vorrang vor der Rettung unseres Planeten. Sie befürchten, engagierter Umweltschutz ginge zu Lasten der sozial Schwachen. Sie sagen, der Umweltschutz sei ein "Luxusproblem". Das ist falsch. Die Armen und Schwachen zahlen zuallererst die Rechnung für die Zerstörung unseres Planeten. Überfischte Meere, Dürren, Trinkwassermangel, Starkregenereignisse und Überflutungen – die Armen dieser Welt sind davon massiv bedroht. Wir müssen aufhören so zu tun, als nütze ihnen der Status quo. Auch hier bei uns leiden die sozial Schwachen stärker an Umweltbelastungen. Sie wohnen an lauten Straßen und sind höheren Feinstaubkonzentrationen ausgesetzt, obwohl sie selbst oft nicht einmal ein Auto haben. Die großen Aufgaben dieses Jahrhunderts, die Bekämpfung von Armut, Hunger, Krankheit und Chancenlosigkeit, werden wir nur lösen können, wenn wir aufhören, unsere Umwelt zu zerstören.

Gemeinschaftliches Gut

Wir müssen mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, sparsamer und effizienter umgehen. Und wir müssen Abschied nehmen von den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und Gas. Franziskus unterstützt diese Schlussfolgerungen mit deutlichen Worten. Bemerkenswert ist dabei die Argumentation. "Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen für alle" (23), schreibt Franziskus. Damit erklärt der Papst etwas, das in der internationalen Staatengemeinschaft von vielen nicht akzeptiert wird. Würden das Klima und die Atmosphäre wie ein Gemeinschaftsgut behandelt, hätte dies weitreichende Konsequenzen. Die Atmosphäre könnte nicht einfach ein Deponieraum bleiben, in dem unbegrenzt die Abgase unserer Energieproduktion entsorgt werden. Sie wäre ein Gemeinschaftsgut, dessen Erhalt klaren Vorrang vor privaten Interessen hätte. Die Eigentümer fossiler Rohstoffe müssten auf Dauer darauf verzichten, sie zu nutzen, wenn sie das Gemeinschaftsgut Klima nicht endgültig zerstören wollen. "Eigentum verpflichtet" heißt es im Grundgesetz. Die katholische Eigentumslehre sieht das ähnlich. Franziskus spricht von einer "sozialen Hypothek", damit die Wohltaten der Erde nicht nur einigen zugute kämen. Er entlarvt so den Widerstand gegen den Umweltschutz als Kampf privater Renditeinteressen gegen das Allgemeinwohl.

Die Enzyklika enthält eindeutige Botschaften an die Politik: Wir müssen uns erstens international auf einen verbindlichen Fahrplan verständigen, der den CO2-Ausstoß deutlich reduziert und eine dekarbonisierte Wirtschaft in diesem Jahrhundert zum Ziel hat. Ich setze mich dafür ein, dass wir auf der Klimakonferenz im Dezember in Paris einen großen Schritt in diese Richtung machen.

Zweitens müssen wir für eine faire Lastenverteilung zwischen Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern sorgen. Der Wohlstand der Industrieländer ist über lange Zeit auch durch rücksichtslose Ausbeutung der Natur entstanden. Deshalb müssen sie hier eine besondere Rolle übernehmen. Gleichzeitig müssen wir die ärmeren Länder ermuntern, selbst aktive Beiträge zu leisten.

Nicht auf Kosten der Armen und Schwachen

Wir müssen uns drittens darum kümmern, dass der Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise nicht erneut auf Kosten der Armen und Schwachen geschieht. Der ökologische Wandel ist schon heute an vielen Stellen ein Erfolgsmodell. Seine Rendite muss sozial gerecht verteilt werden.

Viertens müssen wir dem Fortschritt eine Richtung geben, denn die technologische Entwicklung sorgt nicht per se dafür, dass die Menschen in Wohlstand leben können, ohne dabei die Erde zu stark zu belasten. Ein gutes Beispiel sind die Erneuerbaren Energien in Deutschland. Vor 15 Jahren, zu Beginn der Förderung, haben sich Erneuerbare Energien wie Wind und Photovoltaik nur durch erhebliche Subventionen gerechnet. Die Förderung hat dafür gesorgt, dass Strom aus Wind und Sonne heute marktfähig ist und bereits über ein Viertel der Stromproduktion in Deutschland ausmacht. Eine Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe ist deshalb heute alles andere als eine Utopie. Auch in weniger entwickelten Ländern können Menschen auf ihren Dieselgenerator verzichten und Strom aus der Sonne gewinnen. Die Entwicklung der Photovoltaiktechnik ist für die Welt heute ein großes Geschenk.

Papst Franziskus richtet sich an uns alle. Letztendlich ist es die Verantwortung jedes Einzelnen, die Umwelt zu schützen. Recycling, umweltfreundliche Mobilität, ein bewusster Umgang mit Energie, die Vermeidung von Plastiktüten oder Einwegflaschen – es gibt viele Möglichkeiten, seinen Teil beizutragen. Ich glaube nicht, dass Politik dies immer vorschreiben muss. Wir müssen auf unser Gewissen hören. Nehmen wir in Kauf, für unseren Wohlstand auf Kosten der armen Menschen und der kommenden Generationen zu leben? Oder sind wir bereit, unseren Beitrag zu leisten, damit jeder Mensch die Chance auf ein gutes Leben hat und die kommenden Generationen das Wunder der Schöpfung selbst erfahren können?

Die verheerenden Auswirkungen der Umweltzerstörung sind für uns in Deutschland häufig unsichtbar, weil sie weit entfernt geschehen. Unsere Flüsse sind deutlich sauberer geworden, die Luftqualität ist hoch, wir recyceln unseren Müll, anstatt ihn auf wilden Deponien zu entsorgen. All dies sind Erfolge der Umweltpolitik. In anderen Ländern zeigen sich die Folgen deutlicher: Als ich in New York ein Stück mit den Demonstranten durch Manhattan ging, traf ich Tony de Brum, Außenminister der Marshall-Inseln. Er sagte mir, dass bei weiterem Anstieg des Meeresspiegels in den kommenden Jahrzehnten die Marshall-Inseln versinken werden. Dann würden 55.000 Menschen zu Flüchtlingen und ein Land mit langer Geschichte und vielen Traditionen einfach verschwinden. Das dürfen wir nicht zulassen.

Autorin: Dr. Barbara Hendricks MdB
Quelle: Salzkörner. Materialien für die Diskussion in Kirche und Gesellschaft, 21. Jg. Nr. 4, August 2015, Zentralkomitee der deutschen Katholiken, www.zdk.de, In: Pfarrbriefservice.de

Dr. Barbara Hendricks ist seit Dezember 2013 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Sie ist Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Hinweis: Ein Bild von Dr. Barbara Hendricks finden Sie hier

Verknüpft mit:
Das Schwerpunktthema für November 2015

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Text: Dr. Barbara Hendricks MdB
In: Pfarrbriefservice.de