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Überdenken

Wie ein neuer Blick den Glauben vertieft

Ein Weg, der uns helfen kann, zu Gott zu finden, ist das Überdenken. Nach Baruch de Spinoza ist „das Überdenken der Anfang der Vernunft“. Es ist ein Prozess unseres Denkens, der uns hilft, bereits getroffene Entscheidungen, Meinungen oder Vorstellungen noch einmal gründlich zu prüfen. Ziel ist es, eine neue Perspektive einzunehmen oder eine ursprüngliche Schlussfolgerung zu korrigieren.

Ein solches „Über-Denken“ ist also ein „Nach-Denken“: das Gedachte noch einmal sorgfältig durchzugehen, um sicherzugehen, dass es trägt. Es geht um die Verfeinerung oder Korrektur unseres Denkens. Nicht gemeint ist das wahllose, übertriebene „Gedankenkarussell“, in dem wir uns verlieren. Das verbessert unser Denken nicht, sondern raubt uns Energie und führt zur Entscheidungslosigkeit.

Wenn der berühmte Theologe Karl Rahner sagt: „Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten zu müssen“, dann meint er wohl, dass wir angesichts dieser Unbegreiflichkeit nicht mutlos stehen bleiben, sondern immer wieder neu aufbrechen sollten. Dazu kann es hilfreich sein, die bisherige Denkweise einmal loszulassen. Wir sollen also nicht nur neu denken, sondern versuchen, anders zu denken. Ein alter Rat lautet: „Man kann eine Sache so oder auch anders sehen.“

Jesus fordert gewohntes Denken heraus

Daran erinnern uns die scheinbar widersprüchlichen, paradox klingenden Worte Jesu, die unser gewohntes, logisches Denken herausfordern: „Die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein“ (Mt 19,29-30). Oder: „Die sich vor Gott arm fühlen, erhalten das Himmelreich, die Trauernden werden getröstet werden, die Sanftmütigen werden das Land erben und diejenigen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, werden gesättigt werden“ (Mt 5,3-6).
Als man Jesus fragte, ob eine Ehebrecherin gesteinigt werden solle, bediente er nicht das übliche Denkmuster eines einfachen „Ja“ oder „Nein“. Er eröffnete eine ganz neue Perspektive: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“ (Joh 8,7). Erst diese Antwort führt zum eigentlichen Ziel: zum Heil und Glück des Menschen.

Ein biblisches Wort klingt wie eine Fanfare durch das Markusevangelium. Es ist das erste Wort Jesu, das uns wörtlich überliefert wird: „Kehrt um!“ (Mk 1,15). Im griechischen Urtext steht: „metanoeite“. Das bedeutet: „Denkt um! Denkt anders! Denkt neu!“ Genau dazu lädt uns Jesus ein. Wenn es um unser wahres Glück, um den Weg zum „Himmel“ geht, ermutigt er uns, die vertrauten Trampelpfade unseres Denkens zu verlassen und eingefahrene Denkmuster aufzugeben. Denn gerade das, was uns selbstverständlich und logisch erscheint, führt nicht immer ans Ziel.

Im Vertrauen leben

Immer wieder sagt Jesus: „Euch wurde gesagt … ich aber sage euch …“. Wenn Jesus den Kern seiner Botschaft darin sieht, uns glaubhaft zu vermitteln: „Gott liebt euch. Er ist treu. Er sorgt sich um euch“, dann bringt er dies auf seine ganz eigene Weise zum Ausdruck: „Alles, um was ihr auch betet und bittet, glaubt, dass ihr es bereits empfangen habt, und Gott wird es Euch geben“ (Mk 11,24). Das sollten wir überdenken. Jesus fördert hier kein Denken, das sich ständig fragt: „Hört Gott mich überhaupt? Kann er mir helfen? Hoffentlich hilft er mir!“ Seine Botschaft lautet vielmehr: „Er hilft euch!“ Sie ermutigt uns, unserer Überzeugung treu zu bleiben und im Vertrauen zu leben. 

Eine erstaunlich ähnliche Sichtweise finden wir in den Gedanken des amerikanischen Quantenphysikers Richard Feynman, der 1965 den Nobelpreis erhielt. In der Quantenphysik spielt die Beobachtung eine zentrale Rolle. Daraus wird häufig der Gedanke abgeleitet, dass bewusstes Wahrnehmen Wirklichkeit mitgestaltet. Ein achtsames Bewusstsein lässt uns erkennen, dass wir im Grunde schon jetzt im Besitz dessen sein können, wonach wir uns sehnen. Das klingt zunächst utopisch. Doch denken wir an die Worte Jesu: „Glaubt, dass ihr es bereits empfangen habt!“

Vielleicht sollten wir auch Folgendes einmal überdenken: Vieles erscheint uns zunächst wie ein Abbruch und erweist sich später als Aufbruch. Aus einem Ende wird eine Wende, aus einem Untergang manchmal ein Übergang. Und ein beherzter Abschied schenkt nicht selten eine glückliche Ankunft. 

Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe
In: Pfarrbriefservice.de

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