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Über den Jordan gehen

Die Bilder des Glaubens zeigen uns Wege zum Leben

Einen Fluss können wir nicht aufhalten. Das Leben auch nicht. Zum Leben gehören notwendig auch Trennungen und Abschiede. Die Bibel zeigt, wie diese Abschiede gelingen können, wohin sie führen und mit welchem Versprechen sie verbunden sind.

Wenn wir heute sagen, dass etwas über den Jordan geht, dann meinen wir damit, dass etwas Schaden nimmt oder kaputt geht. Manchmal sagen wir auch, dass jemand über den Jordan gegangen, also gestorben ist. Das Überschreiten eines Flusses als Bild für das Sterben ist schon in der griechischen Sagenwelt bekannt: Der Fährmann bringt die Toten über den Fluss Styx, der das Reich der Lebenden vom Reich der Toten trennt.

Die Bilder der Bibel deuten das Überschreiten eines Flusses ganz anders: Mit dem Durchgang durch das Rote Meer befreit sich das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten und beginnt seinen langen Marsch durch die Wüste, um ins Gelobte Land zu gelangen, in jenes Land, in dem Milch und Honig fließen. In 40 Jahren Wanderschaft hat Mose sein Volk bis zum Jordan geführt. Nun muss das Volk Israel nur noch über den Jordan gehen, um im Gelobten Land anzukommen.

Wie Abschiede gelingen

Das Überschreiten eines Flusses hat auch mit Tod und Trennung zu tun: Man kann nicht an beiden Ufern zugleich sein, man muss sich entscheiden. Man muss vielleicht manches zurücklassen, um ans andere Ufer gelangen zu können. Und das Verlassen des festen und gewohnten Bodens macht Angst und bringt Gefahren mit sich.

All diese Aspekte verdichten sich in der tragischen Figur des Mose: Seine Aufgabe ist es, das Volk bis zum Fluss Jordan zu bringen, aber er selbst wird das Gelobte Land nicht betreten können. Spannend ist, was Mose in dieser Situation tut: er hadert nicht, er zieht sich nicht voll Gram zurück und versucht auch nicht verzweifelt, doch irgendwie ans andere Ufer zu gelangen. All das tut er nicht. Er weiß, dass Abschiede zum Leben gehören, und er weiß, wie sie gelingen können: Er, dessen Lebenskraft zu Ende geht, sucht sich einen Nachfolger und stärkt ihn. Er, der sich von den Seinen verabschieden muss, segnet sie, jeden Stamm einzeln, ermutigt sie und wünscht ihnen Heil. Und er, der das Volk aus der Sklaverei geführt hat, kann im Angesicht des Todes Gott loben und Abschied nehmen vom Leben, weil er das Seine getan und sein Leben gelebt hat!

Abschied ist Trennung und Aufbruch

Das ganze Volk zieht dann unter der Führung des Josua über den Jordan in das Gelobte Land. Über den Jordan zu gehen ist also im Bild des Alten Testaments kein Abschied vom Leben, sondern ein Aufbruch in ein erfülltes, glückliches und friedliches Leben. Damit sind nun alle Bedeutungen beisammen, die zum Abschied gehören: die Trennung, damit verbunden kleine und große Tode, und der Aufbruch. Damit ist auch die große Bandbreite angedeutet, die Abschiede haben.

Es gibt kleine und große Abschiede, manche vorübergehend und manche endgültig; es gibt Abschiede von Dingen und Abschiede von Menschen, Abschiede von Gewohnheiten und Abschiede von Lebensphasen. Manchmal sind Abschiede schmerzhaft; am schmerzhaftesten vielleicht, wenn ich sie ohnmächtig erleide und keinen Einfluss auf sie habe. So wie es, wenn eine Beziehung beendet wird, eben einen großen Unterschied macht, ob ich selbst eine Beziehung beende oder ob ich „beendet werde“.

Hinübergehen ins Gelobte Land …

Viele Abschiede sind notwendig und sinnvoll: Wenn ich die Kindheit nicht hinter mir lasse, werde ich nicht erwachsen; wenn ich mich nicht entscheide und damit andere Möglichkeiten verabschiede, werde ich vielleicht am Ende vor lauter Abwarten nichts verwirklicht haben. Und erst mit der Entscheidung, Ägypten zu verlassen, mit dem Marsch durch die Wüste und dem auch mit Gefahren verbundenen Gang über den Jordan kann das Volk Gottes ins Gelobte Land einziehen.

So gesehen fragt der Abschied nicht nur danach, von was ich mich verabschiede, sondern auch danach, wohin ich mich verabschiede. Er richtet den Blick auch nach vorne. Als sich im späten Judentum und im Christentum die Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod ausgeprägt haben, waren es positive Bilder vom ewigen Hochzeitsmahl und vom Haus des Vaters mit vielen Wohnungen. Deshalb hat man dann das positive Bild vom Gang über den Jordan, vom Übergang ins Gelobte Land, auch für das Sterben benutzt. Gemeint war mit diesem Bild Erlösung und Vollendung, und nicht Schaden nehmen, kaputt sein oder tot.

… wo Milch und Honig fließen

Wenn wir auf die Rolle Gottes schauen in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten und vom Weg ins Gelobte Land, dann erscheint er als einer, der den Menschen ermutigt und begleitet: Er ermutigt Mose, seinen Auftrag anzunehmen und sein Volk zu führen; er ermutigt sein Volk, das eigene Leid, die Knechtschaft und die Sklaverei wahrzunehmen und aus ihr herauszutreten; er begleitet sie durch die Wüste von Dauer, Enttäuschung und Entbehrung, die zu einem Weg in ein gutes Leben gehören können; und er stellt ihnen dieses gute Leben, diese Verheißung von Erfüllung immer wieder vor Augen.

Dieser Zuspruch gilt auch uns und fragt uns: Wo erlebst Du Unterdrückung und Fremdbestimmung? Welche Bilder entstehen in Dir, wenn du an Erfüllung denkst? Was wären Milch und Honig für Dich? Und wie ist der Weg dorthin, durch welche Wüsten würde er führen, und was braucht es da an Hilfe?

Sei mutig und stark, ich bin mit Dir!

Die alten Geschichten erzählen uns nicht, dass alles bleiben soll, wie es war. Schon gar nicht, wenn es nicht gut ist, so wie es ist. Die alten Geschichten erzählen, dass Gott das Heil der Menschen will, und dass unser Lebensweg ein Weg zu immer mehr Leben sein kann. Dieses Versprechen, dass es ein Mehr an Leben gibt, gab Mose und seinem Volk Hoffnung und Kraft auf dem Weg dahin. Ein zweites Versprechen kommt dazu: Als Mose gestorben ist und Josua nun das Volk über den Jordan führen soll, da steht allem voran der Zuspruch Gottes: Sei mutig und stark, fürchte Dich nicht und hab keine Angst. Denn Dein Gott ist mit Dir.

Diese große Güte, die uns ins Leben gerufen hat und die wir als gläubige Menschen Gott nennen, diese Güte ist so groß, dass wir aus ihr gar nicht herausfallen können: nicht im Gelingen und nicht im Scheitern, nicht im Leben und nicht im Tod. Im Psalm 139 ist diese Erfahrung wunderbar verdichtet. Mit diesem Versprechen, dass Gott der ist, der da sein wird, dürfen wir unsere Wege gehen und immer wieder aufbrechen.

Gerhard Wastl, Pastoralreferent
Quelle: Trialog, Pfarrmagazin des Pfarrverbandes Obergiesing, In: Pfarrbriefservice.de

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Das Schwerpunktthema für September/Oktober 2026

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Text: Gerhard Wastl, Pastoralreferent; Quelle: Trialog, Pfarrmagazin des Pfarrverbandes Obergiesing
In: Pfarrbriefservice.de

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