Tuet auf die Pforten. Was fehlt …

Menschen, die die Ruhe einer Kirche suchen, die in einen G’ttesdienst schlüpfen, unbeachtet, sich vielleicht in die hinterste Reihe setzen, zur Ruhe kommen und dann wieder hinausschlüpfen. Und auch sonst das Gefühl, betritt man eine Kirche, Ruhe zu finden, sich einfach hinzusetzen, gläubig oder nicht. Auch die offenen Türen der Moscheen auf den Reisen, sie waren schön, taten gut. Die kühlen Höfe, in denen die Menschen den Alltag draußen ließen. Es kann ein gutes Gefühl sein, ein Raum der Stille vielleicht.

Auf der Fassade der Neuen Synagoge in Berlin steht in hebräisch: Tuet auf die Pforten (daß einziehe ein gerechtes Volk, das bewahret die Treue). Die Pforten sind geschlossen. Unsere Synagogen sind Hochsicherheitseinrichtungen. Hier kann ich nicht einfach so hineinschlüpfen. Ich kann nicht kurz entschlossen unbeachtet teilhaben. Ich muss durch die Sicherheitskontrollen gehen, manchmal werde ich abgewiesen am Tor, kennt man mich nicht. In einer Synagoge werde ich immer beachtet und betrachtet, von den Wachleuten, der Polizei, ich bin immer eine mögliche Gefahr – egal ob jüdisch oder nicht. Was manche Menschen als Ausschließen der nichtjüdischen Welt sehen, schließt alle aus – um die, die in der jüdischen Welt leben, zu schützen. Ihnen einen kleinen Raum geschützter Unbeschwertheit hinter Mauern und Wachen zu geben. Nur ist es das nicht, unbeschwert. Es ist immer da, das Unfreie.

Mauern, Kameras, Stacheldraht, Kontrollen. Einfach so, am Freitagabend noch hinzukommen, ohne als potentielle Gefahr gesehen zu werden, ohne bekannt zu sein und sich bekannt machen zu müssen. Einfach nur hingehen, die Gebete, die Melodien und in Stille wieder zu gehen, ohne Fragen ausgesetzt zu sein, davor oder danach, ohne Taschenkontrolle, ohne Blicke – das gibt es nicht. Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum ich kaum noch in die Synagoge gehe, obwohl ich gern wollte. Man ist immer beachtet – im Positiven, wie im Negativen. Stress, dem ich mich nicht aussetzen will und oft genug nicht kann. Und doch vermisse ich es. Ich vermisse so sehr die Wochenabschlüsse zum Schabbat, die Melodien, ohne die eine Woche nicht zum Ende kommt, ich vermisse das Zusammensein mit den Freunden danach.

Ich glaubte einmal, dass all der Schutz der Gebäude in 15 oder 20 Jahren nicht mehr nötig wäre, dass die Tore offen wären, wie die der Kirchen. Diese 15 oder 20 Jahre sind jetzt. Heute glaube ich nicht mehr, dass das noch passieren wird. Und kann mich doch nicht daran gewöhnen, obwohl es Alltag ist. Ein Alltag, der das Leben einschränkt, mein Leben einschränkt und mir an manchen Tagen noch bewusster ist. Heute ist so ein Tag.

Juna Grossmann
Quelle: https://irgendwiejuedisch.com, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Juna Grossmann, https://irgendwiejuedisch.com
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