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Suffizienz und Zeit

Die im Kapitel V dargestellte kulturelle Rückkopplung, der zufolge Wachstum die Notwendigkeit neuen Wachstums erzeugt, hat weitere negative Wirkungen, zumal Lebenszufriedenheit auch auf zwischenmenschlichen Beziehungen, der Integrität des sozialen Umfeldes, Anerkennung eigener Fähigkeiten, Selbstwirksamkeit, Gesundheit, Sicherheit sowie auf einer als intakt empfundenen Umwelt gründet. Eine Ausschöpfung derartiger Potenziale erfordert kein Geld, sondern Zeit. Andererseits erzwingt die Finanzierung eines immer höheren materiellen Lebensstandards eine Maximierung der Erwerbsarbeit. Folglich verbleibt weniger Zeit für marktfreie, vormals in Eigenarbeit ausgeführte Tätigkeiten, wie zum Beispiel die Kindererziehung, soziales Engagement, die Pflege des Haushalts oder eines Gartens, die nun ebenfalls in Konsumakte oder Dienstleistungen umgewandelt und finanziert werden müssen, was abermals den Bedarf an monetär entgoltener Arbeit erhöht und obendrein wertvolle Zeit kostet. Und das ist nicht einmal der Hauptgrund für die grassierende Zeitknappheit.

Weil die Auswahl an Kaufoptionen geradezu explodiert, der Tag aber nach wie vor nur 24 Stunden hat, verschärft sich das Problem, da am Ende sogar die Zeit zum Konsumieren knapp wird. Hier liegt der Schlüssel für ein neues Verständnis von Suffizienz, nämlich jenseits des Verzichts. Nicht selten ist die Reduktion oder Rückkehr zum übersichtlichen und beherrschbaren Maß der richtige Weg, um den Nutzen einer Sache oder Aktivität zu optimieren. Was in der Medizin eine bekannte Tatsache ist, gilt für Konsum und Mobilität nicht minder: Eine Substanz, deren Einnahme in geringer Menge eine heilende Wirkung entfaltet, kann bei zu hoher Dosis zum lebensbedrohenden Gift werden. Damit Konsumaktivitäten überhaupt Nutzen stiften können, muss ihnen ein Minimum an Aufmerksamkeit gewidmet werden, was ohne Verausgabung eigener Zeit unmöglich ist. Da verfügbare Zeit aus individueller Perspektive nicht gesteigert werden kann, droht eine Eskalation: Ein knappes, nicht vermehrbares Intervall an Zeit muss auf eine immer größere Anzahl von Konsumobjekten verteilt werden. Jedem Einzelnen davon wird ein zusehends geringeres Quantum an Zeit zuteil.

Mittlerweile verzetteln sich immer mehr Menschen in einer reizüberfluteten Konsumsphäre. Die Menge der zeitaufwendig zu verarbeitenden Neuheiten, Wahlmöglichkeiten und zugehörigen Informationen steigt kontinuierlich. Moderne Gesellschaften haben deshalb ein Stadium erreicht, in welchem längst nicht mehr Kaufkraft, sondern Zeit den Engpassfaktor des individuellen Strebens nach Zufriedenheit darstellt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem gerade noch die Zeit aufgebracht wird, Konsumgüter zu suchen, zu identifizieren, zu vergleichen, zu prüfen, zu kaufen, entgegenzunehmen, unterzubringen – und dann womöglich nicht zu nutzen, weil die dafür notwendige Zeit bereits durch die Summe unzähliger Auswahl- und Kaufhandlungen aufgezehrt wurde. Den Wellen der zeitaufwendig wahrzunehmenden und zu verarbeitenden Informationen über Produktneuheiten sowie Verwirklichungsoptionen ist infolge der allgegenwärtigen digitalen Vernetzung kaum zu entgehen.

Menschen kommen nicht mehr zur Ruhe, weil sie aus Angst, etwas zu verpassen, ununterbrochen auf Displays schauen und sich damit dem Druck aussetzen, jegliche Informationen zu verarbeiten. Unter dem Regime der Zeitknappheit hat das Wachstum der individuellen Möglichkeiten einen verheerenden Preis, nämlich Daueranspannung und Oberflächlichkeit – beides befördert eher einen Burn-out als eine höhere Lebensqualität. Viele Verheißungen des modernen Zeitalters wurden zusehends verwirklicht: Menschen sind frei, haben Geld und dürfen darüber entscheiden, wie sie ihr Leben zum Besten gestalten. Und ausgerechnet all dies wird nun zum Stressfaktor – was für eine Ironie. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg spricht vom »erschöpften Selbst« (2004). Er charakterisiert die Depression als Folge des Scheiterns an einer von allen Zwängen befreiten Selbstentfaltung. Wenn es nicht gelingt, die vielen Optionen und Chancen auszuschöpfen, um maximal glücklich zu sein, drohe eine »Tragödie der Unzulänglichkeit«.

In einer Rezension des inzwischen zum Klassiker avancierten Werkes von Ehrenberg schreibt die Journalistin Elisabeth von Thadden: »An den Nebenwirkungen eines Medikaments, das doch glücklich machen soll, lässt sich erkennen, wie unglücklich die Leute sind: Im britischen Trinkwasser ist Prozac nachweisbar, jenes Antidepressivum, dessen Konsum im vergangenen Jahrzehnt von neun Millionen Verschreibungen im Jahr auf 24 Millionen gestiegen ist, allein in England. Die ausgeschiedenen Rückstände des Psychopharmakons, die von den Kläranlagen nicht aufgehalten und über die Kanalisation fortgeschwemmt werden, finden sich nun im Grundwasser. Was dem Wohlbefinden auf die Sprünge helfen sollte, ist zum Gesundheitsrisiko für alle geworden.«

In seinem Buch »Verdammt zum Glück« (2001) bezeichnet Pascal Bruckner die zeitgenössische Überforderung als »Fluch der Moderne« und fragt: »Wie soll man wissen, ob man glücklich ist? Wer legt die Norm fest? Und was soll man denen antworten, die kläglich eingestehen: Ich schaffe es nicht?« Längst grassieren Therapievorschläge, die vom optimierten Zeitmanagement bis zum menschlichen Multitasking reichen. Auch die Ratgeberliteratur boomt – aber die Ratlosigkeit noch mehr. Kein Wunder, zumal die einzige Lösung nur außerhalb der konsumtiven Steigerungslogik zu finden ist.

Hilfe verspricht allein die Konzentration auf eine überschaubare Anzahl von Optionen, sodass Zeit und Aufmerksamkeit reichen, um diese Dinge lustvoll genießen zu können. Wer sich elegant eines ausufernden Konsum- und Mobilitätsballasts entledigt, ist davor geschützt, im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung orientierungslos zu werden. Schon vor einigen Jahren fand das Bundesministerium für Umwelt heraus, dass jeder Bundesbürger durchschnittlich 10.000 Gegenstände besitzt – Tendenz ganz sicher nicht abnehmend. Die Befähigung zum eleganten und Zufriedenheit stiftenden Konsumieren bestünde also darin, sich von Wohlstandsschrott zu befreien, der nur das Leben verstopft. Suffizienz konfrontiert die verzweifelte Suche nach weiteren Steigerungen von Güterbesitz und Bequemlichkeit mit einer simplen Gegenfrage: Von welchen Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken ließen sich überbordende Lebensstile und schließlich die gesamte Gesellschaft befreien? Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht.

Wer in materieller Optionenvielfalt zu versinken droht, verzichtet nicht durch Reduktion, sondern befreit sich von Überflüssigem. Sich klug jener Last zu entledigen, die viel Zeit kostet, aber nur minimalen Nutzen stiftet, führt im Übrigen zu mehr Unabhängigkeit vom volatilen Marktgeschehen, von Geld und Erwerbsarbeit. Die Kunst der Reduktion führt überdies zu mehr Angstfreiheit. Denn wer weniger benötigt, ist auch weniger angreifbar. Wo sich Suffizienz und moderne Subsistenz ergänzen, werden Lebensstile robust. Wer diese Art des Selbstschutzes praktiziert, amüsiert sich nicht nur entspannt über die nächsten Ressourcenkrisen, sondern ist gerüstet für ein würdiges Dasein im 21. Jahrhundert, dessen absehbar turbulenter Verlauf einen Fortbestand der aktuellen Komfortzone definitiv nicht zulassen wird.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch „Befreiung vom Überfluss“, Niko Paech, S. 109-113, oekom verlag, https://www.oekom.de/buch/befreiung-vom-ueberfluss-das-update-978398726…, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Dies ist ein Auszug aus dem Buch „Befreiung vom Überfluss“, Niko Paech, S. 109-113, oekom verlag, https://www.oekom.de/buch/befreiung-vom-ueberfluss-das-update-9783987261398
In: Pfarrbriefservice.de