Stille als innere Haltung
Was die Bibel dazu sagt
In der Einkaufsstraße unseres Stadtteils herrscht Hochbetrieb – für einen Freitagnachmittag vor dem Wochenende eigentlich nichts Ungewöhnliches. Normalerweise meide ich solche Stoßzeiten. Doch an diesem Nachmittag bin ich mittendrin im Gedränge. Jeder scheint es eilig zu haben, schnell noch seine Einkäufe zu erledigen. Selbst meine sonst so freundlichen und gesprächigen Nachbarn eilen mit starrem Blick an mir vorbei. Die Stimmung ist hektisch und an den Einkaufskassen gereizt. Busse, ungeduldig hupende Autofahrer und Fahrräder schieben sich langsam durch die enge Hauptstraße. Dieses ganze Gewusel und die spürbar unterschwellige Aggressivität sind mir zu viel. Ich merke, wie Unmut in mir aufsteigt.
Da fällt mein Blick auf das geöffnete Seitenportal der Kirche gegenüber – ein stiller Wink, fast wie ein Fingerzeig, so scheint es mir. Dankbar folge ich diesem leisen Ruf. Drinnen lasse ich den Lärm der Straße hinter mir. Sofort umhüllt mich eine andere Welt: kühle Luft, gedämpftes Licht, wohltuende Ruhe. Der hohe, weite Raum atmet Gelassenheit. Die Stille scheint die Zeit anzuhalten. Für einen Moment spüre ich einen Hauch von Ewigkeit.
Stille – viele empfinden sie als ungewohnt, manche sogar als bedrückend oder beunruhigend. Vielleicht, weil wir im Alltag permanent beschallt werden: Stimmen, Maschinengeräusche, Verkehrslärm, Musik aus Geschäften oder Restaurants, Handyklingeltöne. Überall brummt, summt, klingelt, klickt etwas. Und wenn es wirklich einmal still wird und wir dann auf uns selbst zurückgeworfen werden, kommen vielleicht Gedanken hoch, die wir lieber verdrängen.
In fast allen religiösen Traditionen gilt Stille als der Ort, an dem wir Gottes Stimme hören und einer tieferen Wahrheit begegnen können. Auch die Bibel kennt diese Erfahrung. „Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet. In Stillsein und Vertrauen ist eure Stärke“, erinnert zum Beispiel der Prophet Jesaja das Volk Juda. Die damalige Zeit war politisch unruhig und unübersichtlich. Nach der Teilung des Königreichs Israel suchten die Machthaber Judas aus Angst vor den mächtigen Assyrern militärische Unterstützung in Ägypten. Politisch vielleicht nachvollziehbar – doch für den Propheten ein Zeichen innerer Unruhe, fehlender Geduld und mangelnden Vertrauens seines Volkes. Statt innezuhalten und Gott Raum zu geben, handelten die Machthaber Judas übereilt. Jesajas Botschaft war klar: „Umkehr und Ruhe“ bedeutet, eigene Pläne loszulassen und sich neu auf Gott auszurichten. „Stillsein und Vertrauen“ ist eine Stärke, die nicht aus Bündnissen oder Kraftakten wächst, sondern aus der Gewissheit: Gott ist größer als jede Bedrohung.
Stille ist biblisch gesehen demnach mehr als die Abwesenheit von Geräuschen. Stille bewusst suchen, sich ihr aussetzen, kann zu einer inneren Haltung werden. Sie schützt vor unbedachten Schritten, schenkt inneren Frieden und zeigt einen Ort, in dem Gott Raum greifen kann. So gesehen kann der Ruf Jesajas auch als eine Einladung an uns verstanden werden: den Mut zu finden, still zu werden, mitten im Getöse unserer Zeit, unseres Alltags und den auf uns einprasselnden Belanglosigkeiten. Damit der Lärm in uns selbst zum Schweigen kommt. Um dann zu entdecken, dass in dieser Stille etwas auf uns wartet, das stärker ist als unsere Angst – Gottes leise, tragende Gegenwart.
Christine Hober
Quelle: Krankenbrief 10/25, www.krankenbrief.de, In: Pfarrbriefservice.de
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Text: Christine Hober, Quelle: Krankenbrief 10/25, www.krankenbrief.deIn: Pfarrbriefservice.de

