Sterben lernen – Leben lernen
Im Interview erklärt Pater Christoph Kreitmeir, wie die Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod das Leben vertieft
Das Sterben lernen – geht das? Und warum könnte genau das unser Leben verändern? Der Klinikseelsorger Pater Christoph Kreitmeir geht dieser Frage in seinem Buch „Welche Farbe hat der Tod?“ nach. Er plädiert für einen bewussten Umgang mit der eigenen Endlichkeit. Im Interview erklärt er, warum ein sinnvolles Leben auch Leid, Krankheit und Verlust einschließt.
In Ihrem Buch „Welche Farbe hat der Tod?“ schreiben Sie: „Wer abschiedlich leben lernt, der kostet seine Lebenszeit achtsam und bewusst aus.“ Geht es darum, das Sterben zu lernen, um das Leben zu genießen?
Pater Christoph Kreitmeir: Nicht in einem hedonistischen Sinn. Es geht nicht um den eigenen Nutzen oder darum, ein möglichst angenehmes Leben zu haben. Der christliche Ansatz ist ein anderer. Er lautet: Nutze deine Lebenszeit sinnvoll für dich und für andere. Die Lebenszeit auskosten, bedeutet, sie auch mit ihren Schattenseiten anzunehmen. Das Leben ist nicht nur positiv. Dazu gehören der Schmerz, Krankheiten, Schicksalsschläge, Ungerechtigkeiten, Vertreibung und alles Mögliche, was in dieser Welt geschieht. Und eben auch der Tod.
Kann man das Sterben lernen?
Pater Christoph Kreitmeir: Ja.
Was gehört da dazu? Wie ist das gemeint?
Pater Christoph Kreitmeir: Man muss das Leben nehmen, wie es kommt. Auch das Schwere, das Dunkle. Nicht ausweichen oder verdrängen, wie viele Menschen das tun, sondern sich damit auseinandersetzen. Ich arbeite seit neun Jahren als Klinikseelsorger und habe auch selbst immer wieder ernste gesundheitliche Probleme mit großen Schmerzen. Ich bin ausgebildeter Logotherapeut nach der sinnzentrierten Psychotherapie von Viktor Frankl. Frankl hat während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vier Konzentrationslager überlebt. Seine Lehren sind mir echte Hilfen im Umgang mit Leid.
Inwiefern?
Pater Christoph Kreitmeir: Der Mensch ist nach Frankl seinem Schicksal nie gänzlich ausgeliefert. Wenn nichts mehr geht, wenn ein Schicksal nicht mehr veränderbar ist, dann kann ich immer noch meine Einstellung zu diesem Schicksal ändern. Durch diesen Perspektivenwechsel kann Leiden nicht nur angenommen und bewältigt werden, es kann dadurch sogar neuer Sinn im Leben gefunden werden. Eine wichtige Aussage Frankls lautet: „Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben. Vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet.“ Das Leben fragt mich und ich habe zu antworten. Ich erlebe diesen Ansatz Frankls als wirklich hilfreich im Umgang mit kranken und sterbenden Menschen.
Viele Menschen, die von einem Schicksalsschlag getroffen werden, fragen: Warum ich? Können Sie diese Frage verstehen?
Pater Christoph Kreitmeir: Ich kann sie sehr gut verstehen, aber sie führt nicht weiter. Die Leute rennen sich den Kopf blutig an der Wand mit dieser Frage, weil es keine Antwort gibt. Und sie drehen sich nur um sich selbst. Ich versuche, den Blickwinkel zu weiten. Sie sind ja nicht allein mit ihrem Schicksal. So vielen anderen Menschen geht es ähnlich. Und wissen Sie was? Vielleicht müsste die Frage lauten: Warum ich nicht? Die Krankheit will mir eine Botschaft geben. Warum soll ich jetzt diese Krankheit nicht tragen? Und da sind wir genau bei der Umdeutung, die Viktor Frankl meint: Das Leben fragt mich und ich bin der, der zu antworten hat.
In Ihrem Buch nennen Sie Krankheiten „Hinweisgeber unserer Sterblichkeit“. In der Auseinandersetzung mit ihnen liege die Chance auf ein tieferes Leben.
Pater Christoph Kreitmeir: Krankheiten haben Botschaften. Sie sind wie Schlüssel zu Räumen, die das Leben vertiefen. Wer nie krank war, der ist wie ein Mensch, der nie gereist ist. Wer aber gereist ist, erfährt, dass der Horizont sich weitet, dass es andere Sichtweisen gibt, andere Kulturen und Religionen oder Bewältigungsmöglichkeiten. Reisen bildet. Und genauso ist es mit den Krankheiten. Krankheiten sind Gefährten unseres Lebens. Sie haben Botschaften und wir dürfen oder sollen lernen, ihre Botschaften zu verstehen.
Was lernen Sie von sterbenden Menschen für Ihr Leben?
Pater Christoph Kreitmeir: Nicht nur von Sterbenden, ich lerne auch viel von kranken Menschen, die ich begleiten darf. Es ist das Loslassen von eigenen Plänen. Das können wir auch von allen großen Religionen lernen. Der Muslim fügt sich in Gottes Willen – Inschallah, wie Gott will. Der Buddhist nimmt das Leiden an und geht hindurch. Und der Christ sagt: Das Leiden hat nicht das letzte Wort, sondern dahinter leuchtet Licht auf. Und zwar durch die Person Jesus Christus. Eigene Pläne loslassen – wie Gott will. Nicht, wie ich will. Das geht aber nur, wenn ich ein Vertrauen entwickelt habe – ein Vertrauen ins Leben, ein Vertrauen in mich selber, ein Vertrauen in andere Menschen, zum Beispiel in Ärzte oder in meine Freunde, und ein Gottvertrauen. Das Vertrauen ist die Grundlage für alles Weitere. Und die Hoffnung.
Um die Angst vor dem Tod zu verlieren, sagen Sie, hilft es, sich damit zu beschäftigen, was nach dem Tod kommt. Viele Menschen, auch getaufte, glauben nicht mehr an die Auferstehung der Toten. Kommt denn noch was nach dem Tod? Was wissen wir darüber?
Pater Christoph Kreitmeir: Wer sagt, man wisse nicht, was nach dem Tod ist, der ist nur zu faul, sich damit zu beschäftigen. Es gibt mittlerweile meterweise Literatur darüber, zum Beispiel über Nahtod-Erfahrungen, aber auch über Nachtod-Erfahrungen. Es gibt ganz viele Hinweise für das Leben nach dem Tod. Für uns Christen ist Jesus der, der nach seinem Tod zurückgekommen ist. Entscheidend ist hier nicht das leere Grab, sondern die Zeugengeschichten der Bibel. Auch andere Großreligionen, wie das Judentum, der Islam, der Buddhismus und der Hinduismus beschäftigen sich mit dem Leben nach dem Tod. Ich selber bin mit bestimmten Menschen, die in der Anderwelt, im Jenseits sind, gut in Kontakt. Ich glaube, es wird nach dem Tod beides sein: liebende Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Verstorbenen.
Interview: Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de
Pater Christoph Kreitmeir (geb. 1962) ist Franziskanerpater, katholischer Priester, Buchautor, Sozialpädagoge, Redner und seit 2017 Klinikseelsorger am Klinikum Ingolstadt.
Buchtipp
Christoph Kreitmeir: Welche Farbe hat der Tod? Erfahrungen eines Klinikseelsorgers mit Leben und Sterben. Gütersloher Verlagshaus, 2023. 256 S., 22 Euro
Datei-Info:
- Dateiformat: .rtf
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