Aufruf zu mehr Zivilcourage

Anne Haertel
27.05.2019 - 06:00

Wer hat das nicht schon erlebt? Ein Gespräch mit einem Andersdenkenden, Populisten oder Extremisten und man fühlt sich gegenüber den Aussagen unwohl, in seiner Meinung weniger wert und unsicher, wie man reagieren soll. In solchen Gesprächen sind ein paar Strategien gut, um sich sicherer zu fühlen und den Gesprächsverlauf mitzubestimmen.

Fragen

Die einfachste Strategie mit erstaunlicher Wirkung ist das konsequente Nachfragen nach den Ursachen der Meinung Ihres Gegenübers. Das eignet sich für das Zweier-, Dreiergespräch. Fragen wie: „Wie kommen Sie darauf?“, „Wie meinen Sie das?“, „Wo steht das geschrieben?“, „Woher wissen Sie das?“, „Wie viele waren das nochmal?“, „Haben Sie das schon einmal selbst erlebt?“, „Glauben Sie das wirklich?“ bringen den anderen ins Nachdenken und verlangen ihm Erklärungen und Hintergründe ab. Mit dieser Strategie vertiefen Sie das Gespräch, das heißt, Sie brauchen etwas Zeit.

Tonwechsel

Bei einer pauschalierten Negativgeschichte zum Beispiel verallgemeinernd über „die“ Flüchtlinge, ändert sich das Gespräch häufig dadurch, dass man eine persönliche Positivgeschichte, am besten eine eigene Erfahrung daneben stellt, in neutralem Ton, ohne besserwisserisch zu klingen. Man beginnt zum Beispiel mit „Das klingt ja nicht gut, was Sie da sagen, aber wissen Sie, was mir neulich passiert ist? Ich war im Einkaufszentrum. Da war eine Frau gestürzt. Viele gingen vorbei. Die ersten, die hinsprangen, ihr zu helfen, waren zwei schwarze Männer. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren.“ Häufig verändert sich mit Ihrer offen gelegten Sichtweise das Gespräch. Ihr Gegenüber hat gemerkt, dass das negative, verallgemeinernde Reden bei Ihnen nicht zieht.

Erkennen versteckter Botschaften

Hinter abwertenden, rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Botschaften verstecken sich häufig Gefühle und reale Probleme, die von Frust, Ohnmacht oder Unzufriedenheit geprägt sind. Über das Abwerten von Anderen versucht sich das Gegenüber selbst aufzuwerten. Man kann diese Gefühle ansprechen und lenkt so das Thema in eine andere Richtung. Zum Beispiel „Ich merke, Sie sind sehr frustriert. Wie kommt das?“ oder: „Sie sind so verärgert über ‚die da oben’? Was haben sie Ihnen angetan? Was hat Sie so geärgert? Wer?“

Emotional reagieren

Wenn einem vor Betroffenheit und Entrüstung der Kloß im Halse steckt, man das Gemecker und Gehetze nicht mehr hören kann und das Gefühl hat, man muss etwas tun oder raus aus der Situation kommen, dann machen Sie Ihrem Herzen Luft! Das ist Ihr gutes Recht. Und machen Sie es öffentlich. Sagen Sie laut: „Das finde ich wirklich furchtbar, wie Sie hier reden! Dieses Gehetze regt mich auf! Ich will mir diesen Rassismus nicht länger anhören!“ Sie können sich distanzieren, indem Sie von Ihrem Stuhl aufstehen, sich laut äußern und sich wegsetzen. Sprechen Sie immer in Ich-Form und greifen Sie andere Personen nicht persönlich an.
Ich habe auch schon mal in einer schlecht moderierten Podiumsdiskussion, die von rechtspopulistischen Redebeiträgen aus dem Publikum dominiert wurde, als es mir so richtig reichte, laut gerufen: „Aufhören! Das kann man sich ja nicht anhören! Aufhören!“. Der Effekt war: Es entstand eine kurze Irritation. Die Aufmerksamkeit wechselte vom monologisierenden Redner zu mir. Die Moderation wurde plötzlich ihrer Rolle wieder gewahr und ein bisher stilles, nicht-rechtspopulistisches Publikum begann im Anschluss, sich durch Klatschen zu äußern und bei Statements, die sich von populistischen Denk- und Verhaltensweisen distanzierten, zu applaudieren. Und mir ist weiter nichts passiert.

Argumentieren

Eine andere Strategie ist, in das Gespräch Sachargumente einzubringen, Hintergründe zu erklären, Falschinformationen zu korrigieren und Widersprüche aufzuzeigen.

Hierzu gehören zum Beispiel:

  • der tatsächliche (geringe) Anteil der Ausländer an der Bevölkerung des Bundeslandes
  • der Gewinn der Kinder und Familien in kleinen Kommunen zum Erhalt von Kindergärten und Schulen
  • die (nicht wirklich vorhandene) tatsächliche persönliche Benachteiligung durch die geflüchteten Menschen
  • die Einsicht, dass man vor Krieg nicht gefeit ist und man selbst auch froh wäre, wenn man Hilfe erhält

Argumente sollten nicht zu massiv eingebracht werden, da es häufig dazu kommt, dass sich das Gegenüber der Diskussion nicht mehr gewachsen fühlt und es an neuem Wissen generell kein Interesse hat. Dennoch sollten Daten, Fakten und Argumente immer mal wieder verwendet werden, weil sie am ehesten erinnert werden und zum Nachdenken anregen können.

Distanzieren und Grenzen setzen

Eine andere Strategie ist es, sich öffentlich von einer Äußerung zu distanzieren und bewusst eine weiter aufkommende Diskussion über diese Sache zu unterbinden. Damit setzt man eine Grenze, was wie im gegebenen Rahmen gesagt werden kann und was nicht. Man sendet vor allem an das Publikum ein wichtiges Signal im Hinblick auf die Verantwortung, die man als Veranstalter, Leiter o.a. anderen gegenüber sieht. In der Praxis wendet man dieses Vorgehen bei extremistischen, verfassungsfeindlichen, ausgrenzenden und diffamierenden Äußerungen an, dem im gegebenen Rahmen kein Raum gelassen werden darf. Zum Beispiel: „Ich distanziere mich von Ihrer Position/von dieser Äußerung, die ich/wir auch in diesem Rahmen nicht weiter diskutieren möchten/können.“ Gehen Sie hinterher auf die Person noch einmal zu. Bringen Sie in Erfahrung, wer sie ist und erläutern Sie sachlich ohne Rechtfertigung, warum Sie die Diskussion unterbunden haben und wo Ihre Grenze ist.

Anne Haertel ist Dipl. Sozialpädagogin und Sozialmanagerin (MA). Bis Juni 2018 war sie Referentin der Netzwerkstelle Evangelische Jugendbildung und zuständig für Jugendpolitik in Sachsen-Anhalt. Seit Juli 2018 ist sie Geschäftsführerin des Alte Feuerwache e.V., Berlin-Kreuzberg.

Quelle: REDEN IN SCHWIERIGEN ZEITEN, Nächstenliebe verlangt Klarheit, Bausteine und Materialien für die Arbeit gegen Rechtspopulismus in der Gemeinde, Herausgeber: Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Dezernat Bildung. In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Anne Haertel
In: Pfarrbriefservice.de