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Soll ich oder soll ich nicht? – Entscheidungen treffen

5 Fragen an Diplompsychologe und Theologe Stanislaus Klemm

Von Eseln, kreativen Entscheidungsfindungen, Blitzverarbeitungen und Anfängen. In diesem Interview spricht Stanislaus Klemm darüber, warum es im Leben notwendig ist, Entscheidungen zu treffen. Was Menschen helfen kann, Entscheidungen zu treffen. Und was bei der Angst helfen kann, die falsche Entscheidung zu treffen. Stanislaus Klemm arbeitete in der Suchttherapie, in der ökumenischen Telefonseelsorge Saar sowie in der Lebensberatung des Bistums Trier in Neunkirchen. Er ist Autor verschiedener Bücher.

Herr Klemm, warum ist es notwendig, Entscheidungen zu treffen?

Stanislaus Klemm: Es ist nicht nur notwendig, sondern sogar „lebensnotwendig“. Vielleicht kennen Sie den armen Esel, der verzweifelt zwischen zwei Heuhaufen verharrt, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen der beiden Heuhaufen er zuerst fressen soll. Vielleicht ist der rechte Haufen wesentlich nahrhafter als der linke! Oder der linke Haufen ist etwas größer als der rechte? Das arme Tier muss sich jedoch entscheiden, sonst wird es zwischen den beiden Heuhaufen jämmerlich verhungern. Auch in unserem Leben gibt es eine Unzahl solcher „Heuhaufen“. Wir sitzen dazwischen und müssen uns entscheiden, sitzen wir zwischen zwei Stühlen und das Leben geht an uns vorbei. Wer ständig zwischen zwei Stühlen sitzt, bekommt „kein Bein auf den Boden“ und mit der Zeit schmerzhafte Haltungsschäden.

Warum sollte ich Entscheidungen selbst treffen?

Stanislaus Klemm: Wir dürfen uns Entscheidungen nicht von anderen wegnehmen lassen. Wenn Sie zum Beispiel Auto fahren und ein anderer neben Ihnen fordert Sie permanent auf: „Fahr so! Nein so! Nein so…“, würden Sie dann nicht aus der Haut fahren und ihm klarmachen: „Sag mal, fährst du oder ich?“

Was kann einem helfen, Entscheidungen zu treffen?

Stanislaus Klemm: Ich glaube, bei den meisten Entscheidungen, die wir fällen müssen, haben wir nicht viel Spielraum. Wir haben oft nur die Wahl zwischen zwei Alternativen. Soll ich den Job annehmen oder nicht? Soll ich mich scheiden lassen oder nicht? Will ich auf den Alkohol verzichten, ja oder nein? Solche Entscheidungen stocken sehr schnell. Sie bringen uns nicht weiter. Egal, ob wir „ja“, oder „nein“ sagen, die Entscheidung tut uns im Nachhinein leid. Wir sollten den Mut haben, diese ewige Ja- oder Nein-Variante fallen zu lassen und eine völlig andere Möglichkeit suchen, um uns zu entscheiden.

An welche Möglichkeit denken Sie?

Stanislaus Klemm: Mir fällt dazu immer eine interessante Geschichte ein. Eines Tages soll eine Ehebrecherin vor Jesus geschleppt worden sein. Die Menschen fragten ihn: „Sollen wir diese Frau steinigen oder nicht?“ Jesus, der sich entscheiden musste, verzichtete darauf, in diese „Ja-oder-Nein-Falle“ zu tappen. Er durchbrach diese Engführung im Denken und stellte die Frage völlig anders, kreativ anders: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“ Ich denke, jeder von uns wüsste jetzt, wie er sich entscheiden würde. Wir müssen den Mut haben, eingefahrene Gedankengänge, alte „Trampel-Pfade“ zu verlassen, entgegen zu steuern. In der Bibel heißt das „umkehren“ - „umdenken“. Anstatt sich zum Beispiel entscheiden zu wollen zwischen: „Soll ich mich scheiden lassen, ja oder nein“, sollten wir uns lieber dafür entscheiden: „Will ich weiterhin ´festhalten´ an Gewohntem oder lieber ´loslassen´, um Neues zu erfahren?“ Oder: „Muss ich immer an andere denken oder darf ich auch an mich selbst denken?“ Das sind kreative und gute Entscheidungsmöglichkeiten, wenn wir an wichtigen Punkten in unserem Leben entgegensteuern, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Was können Menschen tun, wenn der Bauch eine andere Entscheidung trifft, als der Kopf?

Stanislaus Klemm: Die Natur hat uns sowohl unser Gehirn geschenkt, als auch unseren „Bauch“. Gedanken und Überlegungen, Gefühle und Stimmungen dürfen wir nicht vernachlässigen oder gegen einander ausspielen. Es gibt kein universelles „Besser“, da beide Systeme unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Wir brauchen beides. Das gilt gerade für unsere Entscheidungen. Der Verstand arbeitet dabei eher logisch, analytisch und schützt uns vor unüberlegten Risiken. Bei guten Entscheidungen stimmt in der Regel beides miteinander überein: Kopf und Bauch. Aber es gibt natürlich auch Entscheidungen, die können uns „Bauchweh“ bescheren, haben einen komischen, „Beigeschmack“, irgendetwas stößt uns unangenehm auf. Hier sollten wir eher unserem Gefühl, unserem Bauch folgen, besonders dann, wenn in unserem Kopf bei großem Zeitdruck zu viele mögliche Optionen den Verstand blockieren. Eine „Bauchentscheidung“ wäre dann ratsamer. Sie ist gewissermaßen eine in unserem Unterbewusstsein stattfindende „Blitzverarbeitung“ unserer gesamten Lebenserfahrung. Ihr sollten wir vertrauen.

Was hilft Menschen, die Angst haben, eine „falsche Entscheidung“ zu treffen?

Stanislaus Klemm: Bei dem seelischen Vorgang, Entscheidungen zu treffen, gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Zumindest nicht im Moment der Wahl. Wer eine Entscheidung auf der Basis seines heutigen „besten Wissens und Gewissens“ trifft, der sollte sich bewusst machen, dass es kein Leben ohne Risiko gibt. Deshalb geht er mit jeder Entscheidung auch ein Risiko ein. Er sollte lernen, dass auch eine gut getroffene Entscheidung nicht immer zum gewünschten Ziel führen kann. Leben findet nicht in einem luftleeren, risikolosen und sterilen Ereignisraum statt, sondern in einer Fülle von Möglichkeiten. Es kann deshalb nicht eine richtige und eine falsche Entscheidung geben, sondern eher eine richtige und eine falsche Vorbereitung auf eine Entscheidung. Menschen, die Angst vor einer falschen Entscheidung haben, sollten sich grundsätzlich nicht in einer hektischen, problem- und angstgeladenen Situation entscheiden, sondern in einer für sie entspannten Situation. Wenn sie sich nach Prüfung der verschiedenen Entscheidungsalternativen immer noch unschlüssig und ängstlich fühlen, sollten sie sich guten Gewissens jemandem anvertrauen dürfen, der sie weiter beraten kann. Sollte einmal eine Entscheidung nicht das gewünschte Ziel erreichen, dann sollte man das Beste daraus machen und sich bewusst machen, dass sich im Leben häufig aus Unerwartetem etwas Erstaunliches entwickeln kann.  Ein „Untergang“ wurde schon oft zu einem neuen „Aufgang“, ein „Ende“ schon oft zu einer „Wende“.

das Interview führte Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: das Interview führte Ronja Goj
In: Pfarrbriefservice.de

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