„Richtiges Leben ist eine Kunst, die man ein Leben lang lernt“
Paul Weismantel über den Mut, der eigenen Sehnsucht zu vertrauen – Ein Interview
Lebe ich eigentlich das Leben, das wirklich zu mir passt? Im Gespräch spricht der Seelsorger und Buchautor Paul Weismantel über Sehnsucht, bewusste Entscheidungen und die Kunst, mit sich selbst, anderen und mit Gott im Einklang zu leben. Er macht Mut, den eigenen Herzenswünschen nachzuspüren, kleine Veränderungen zu wagen und dem Leben trotz Schmerz und Krisen zu vertrauen.
Sich am Ende seines Lebens eingestehen zu müssen, nicht richtig gelebt zu haben, möchte wohl keiner. Aber wie geht „richtiges Leben“?
Paul Weismantel: Richtiges Leben ist für mich, im Einklang zu sein mit sich und seinen Überzeugungen, im Einklang mit Gott, wie immer man ihn persönlich sieht oder welches Bild man von ihm hat, und im Einklang mit den Menschen, die zu meinem Leben gehören. Wobei Einklang nicht nur Harmonie bedeutet. Zu lebendigen Beziehungen gehören immer auch Spannungen, Erwartungen und Enttäuschungen. Richtiges Leben ist eine Kunst, die man ein Leben lang lernt.
Menschen, die nicht gläubig sind, sagen: Ich brauche keine Beziehung zu Gott, um ein richtiges Leben führen zu können.
Paul Weismantel: Man muss nicht an Gott glauben, um ein guter Mensch zu sein oder ein verantwortliches Leben zu führen. Aber ich denke, der Glaube an eine größere Kraft ist mit einem gewissen Anspruch verbunden. Die Bibel birgt viel Zuspruch, sie stellt aber auch viele Anfragen: Wie lebe ich? Wie gehe ich mit den Menschen um oder mit mir selber? Wie kann ich eine Entscheidung oder eine Haltung mit meinem Gott vereinbaren?
Die Frage nach einem richtigen Leben hat, finde ich, viel mit der eigenen Sehnsucht zu tun. Wie komme ich meiner eigenen Sehnsucht auf die Spur?
Paul Weismantel: Ich glaube, die Sehnsucht steckt ganz tief in uns. Ich komme ihr auf die Spur, wenn ich tief genug in mich hinein höre, aber auch über mich hinaus, also nicht nur um mich kreise.
Klingt ein bisschen abstrakt.
Paul Weismantel: Die Sehnsucht fragt nach meinen Herzensanliegen oder Herzenswünschen. Wenn ich zum Beispiel merke, ich hätte gerne mehr Zeit für Muse, für Kunst, für Freundschaften, für Hobbys oder für das, was im Leben zu kurz kommt, dann muss ich mich fragen: Wo kann ich diese Zeit hernehmen, wie kann ich sie einplanen? Die konkrete Sehnsucht hat immer auch mit der Zeitplanung zu tun. Womit verbringe ich meine Zeit, wie gestalte ich sie, mit wem teile ich sie? Freilich ist der Alltag oft angefüllt mit allerlei Verpflichtungen. Aber ich glaube, wenn ich meine Herzenswünsche klar genug erkenne und wenn ich sie auch ernsthaft genug will, werde ich immer kleine Möglichkeiten finden, diesen mehr Raum zu geben.
Was mache ich, wenn ich irgendwann das Gefühl habe, dass ich an meinem Leben vorbei lebe?
Paul Weismantel: Dann frage ich ganz konkret, wo kann ich etwas tun oder lassen, um nicht noch länger dran vorbeizuleben. Ich kann ja nicht mehr alles total umkrempeln. Aber ich kann kleine Korrekturen oder Nachbesserungen vornehmen, wo ich merke: Ja, das tut mir doch gut.
Viele Menschen fühlen sich eingespannt in Beruf, Familie, vielleicht auch Pflege, so dass sie das Gefühl haben, sie können gar nichts an ihrem Leben ändern, selbst wenn sie das möchten. Was tun?
Paul Weismantel: Vieles ist vorgegeben. Das stimmt. Ich kann aber immer wohlwollend prüfen, ob ich vielleicht noch etwas anders gewichten kann. Wie kann ich zum Beispiel mit Erwartungen besser umgehen, so dass ich nicht nur frage: Was wollen die anderen, sondern was will ich auch selber? Oder ich schaue mir meine Einstellungen an und prüfe, ob ich die Pflicht noch etwas bewusster oder mit etwas mehr Freude tun kann. Oder vielleicht braucht es eine klarere Abgrenzung: für andere Dasein – ja, aber auch zu fragen, kann es ein bisschen weniger sein. Und dann geht es darum, das Erkannte in guter Weise zu probieren und zu üben. Ich denke, es hat viel mit dem Üben zu tun. Und es hilft, neugierig zu bleiben. Und dann zu merken: Ja, das passt oder es passt halt nicht. Dann kann ich ja nachbessern.
Was ist für Sie ein gelungenes Leben?
Paul Weismantel: Ein gelungenes Leben ist für mich ein Leben in Fülle, wie es im 10. Kapitel des Johannes-Evangeliums heißt. Wobei Fülle nicht heißt: Es ist alles nur wunderbar. Denn manches im Leben ist furchtbar. Leben in Fülle heißt für mich, mit allen Sinnen, oder theologisch ausgedrückt in der Gegenwart Gottes oder Geistesgegenwart Gottes zu leben. Es geht darum, bewusst zu leben. Je bewusster ich lebe, umso dankbarer kann ich werden, weil ich merke, so Vieles ist nicht selbstverständlich.
Können Sie dieses Bewusst-Leben noch ein bisschen ausbuchstabieren?
Paul Weismantel: Bewusst leben heißt wahrnehmen, was um mich ist, was in mir ist. Bewusst leben heißt das Leben verkosten, im Sinne auch von genießen, schmecken mit allen Sinnen. Und immer wieder staunen können über so viel Wunderbares im Leben und in der Schöpfung.
Sie haben vorhin gesagt: Zum Leben in Fülle gehört nicht nur das Wunderbare, sondern auch das Furchtbare.
Paul Weismantel: Zum Leben gehört auch der Schmerz – der seelische Schmerz, der körperliche Schmerz. Trauerarbeit ist Schwerstarbeit für die Seele. Da darf man nichts schönreden. Allerdings glaube ich, dass es in der Trauer oder auch in der Entbehrung Erfahrungen gibt, die ich auf der Sonnenseite des Lebens so nicht machen kann.
Bei Ihnen spürt man ein großes Zutrauen, dass die Menschen selbst ihren Weg finden.
Paul Weismantel: Ja. Der Weg zur Lösung ist immer im Menschen selbst angelegt. Von außen kann es nur Anregungen geben – hilfreiche und weniger hilfreiche. Aber wenn ich mit mir selbst oder mit einem guten Gesprächspartner, einer Gesprächspartnerin oder auch mit Gott in Kontakt bin, finde ich diese Spur. Dem Leben trauen – darum geht es. Diese Grundkraft ist vielleicht nicht immer so stark, aber sie kann auch wieder wachsen.
Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de
Paul Weismantel ist Seelsorger, Geistlicher Begleiter und Autor zahlreicher Gebetshefte mit Impulsen zu verschiedenen Anlässen. Bis August 2026 war er Spiritual des Priesterseminars, Ordensreferent des Bistums Würzburg sowie Geistlicher Leiter des Würzburger Exerzitienhauses Himmelspforten.
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