Ein Interview mit Jürgen Neubarth, Mitarbeiter des Bayerischen Pilgerbüros

Ronja Goj
08.04.2019 - 13:36

DJ Ötzi, Katy Karrenbauer, Otto Retzer - Drei Prominente, die auf dem Jakobsweg gepilgert sind. Die exemplarisch für Zehntausende stehen, die jedes Jahr eine Pilgerreise machen. Und es werden immer mehr. Pilgern ist hip, pilgern ist trendy. Warum, das verrät Jürgen Neubarth. Zeit seines Lebens arbeitet er im Bayerischen Pilgerbüro in München. Im Interview spricht er über Beichtgespräche in Bars, ein entlocktes Gloria und Gänsehaut.

2006 hat Harpe Kerkeling sein Buch „Ich bin dann mal weg“ herausgebracht. 2015 kam der Spielfilm ins Kino. Seither scheinen die Menschen die Pilgerwege zu stürmen. Doch viele von ihnen sind nicht gläubig oder religiös.

Ich nenne da immer beispielhaft den Jakobsweg. In den früheren Jahren, bis in die 2000er waren es bei uns die herkömmlichen Pilger. Dann kam das Buch vom Harpe Kerkeling und plötzlich haben sich alle Leute für das Pilgern interessiert und es ist ein neues Klientel dazu gekommen. Das Pilgern ist salonfähig geworden.

Was begeistert diese Menschen am Pilgern?

Eine Pilgerreise gibt mir die Möglichkeit mich zu sortieren. Ich habe vielleicht die Fragen: Welchen Weg schlage ich ein? Was mache ich? Wo geht es mit mir hin? Viele pilgern heutzutage, um in die innere Ruhe zu kommen. Sie gehen den Weg oftmals alleine und wollen auf Sinnsuche gehen. Das ist immer gekoppelt mit den Worten „Auszeit nehmen“ und „Seele baumeln lassen“. Das kann in verschiedenen Formen passieren. Die Menschen entspannen sich oder machen Diäten oder Aryuveda. Sie verhalten sich anders zu ihrem Körper.

Der Körper spielt beim Pilgern eine wesentliche Rolle. Er muss funktionieren. Muss viel leisten. Muss jeden Tag mehrere Kilometer wandern. Ist das für viele ein Ansporn? Den Weg zu schaffen, der über 2000 km lang ist?

Ja, für mich ist eine körperliche Herausforderung ein profanes Mittel eine Leistung zu bestätigen. Vielleicht gibt es sogar einen Stempel im Pilgerausweis und so etwas wollen die Leute. Der Mensch ist ein Medaillen- und Urkundensammler.

Aber das Pilgern sollte doch kein Wettbewerb sein.

Nein, aber das Schöne an den Pilgerwegen ist, dass sie von A nach B führen. Wie auf einem Zahlenstrahl. Wenn ich zwei Stunden gegangen bin, habe ich eine Distanz zurückgelegt, die mir sagt: Ich habe etwas geschafft. Anders, als wenn ich zwei Stunden in der Bank sitze und meditiere.

Das bedeutet: Distanz zurücklegen, Wandern, Gehen zeigt den Menschen rein optisch, dass sie in ihrer Sinnsuche, mit ihren Fragen vorangekommen sind?  

Ja. Ich denke, ich muss immer Körper und Geist miteinander kombinieren und in Einklang bringen.

Können sich die Menschen an das Bayerische Pilgerbüro wenden, wenn sie den Jakobsweg auf diese Art pilgern möchten.

Da sind wir oft nicht der richtige Ansprechpartner. Denn in der EU greift das Reiserecht der Europäischen Union. Sobald wir einem Kunden eine Reise anbieten, muss von vorn bis hinten alles geregelt und abgesichert sein. Das können wir beim Pilger, der alleine auf dem Jakobsweg läuft nicht leisten. Ihm können wir die Hotels vermitteln und einen Flug hin und zurück anbieten, aber dazwischen übernehmen wir keine Haftung.

Was ist dann Ihre Hauptaufgabe? Sie bieten doch Reisen auf dem Jakobsweg, Pilgerreisen, Wanderreisen und Studienreisen an. 

Wir veranstalten primär Gruppenreisen. Die bieten wir zu allen Wallfahrtsorten oder Orten spiritueller Kraft an.

Wie bringen Sie Ihre Pilgern unter? Es gibt diese berühmte Szene aus dem Film von Harpe Kerkeling: Völlig überfüllte Schlafsälen. Durchgelegene, siffige Matratzen aus denen schwarze Bettwanzen krabbeln. Und Kakerlaken, die über den Fußboden huschen.

Der Pilger, der mit dem Bayerischen Pilgerbüro reist, will größtenteils sein 3-Sternehotel mit eigener Dusche und eigenem WC. Er hat Komfortansprüche, aber er möchte keinen Luxus und kein All-Inklusive-Hotel, keinen Club, in dem er bedient und bespaßt wird. 

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre Unterkünfte nachhaltig, fair und plastikfrei sind?

Hier waren wir sehr aktiv und haben uns zertifizieren lassen. Wir achten darauf, dass in unseren Hotels nachhaltig gearbeitet wird. Wir bitten unsere Hotelpartner die Mitarbeiter gerecht zu entlohnen. Außerdem können unsere Reisenden beim Fliegen ihren CO2-Ausstoß kompensieren.

Unterkunft, Anfahrt, Planung. Organisiert das Bayerische Pilgerbüro auch das Programm?  

Ja, die Gruppe hat ein gemeinsames Programm.

Welche Rolle spielt dabei die Religiosität?

Die Religiösität ist ein zentraler Punkt der Pilgerreise. Für viele Teilnehmer ergeben sich neue und unerwartete Erfahrungen. In Bethlehem gibt es zum Beispiel auf dem Hirtenfeld eine Kirche. Wenn man da reingeht, entlockt es einem ein Gloria. Unsere Reisenden können ihrer Religiosität dort in einem Lied Ausdruck verleihen. Bei unseren Studienreisen hätte ein Sonntagsgottesdienst Vorrang, wenn parallel dazu ein Museum geöffnet hätte.

Bei Ihren Pilgerreisen ist ein Geistlicher als weiterer Reiseleiter dabei. Warum?

Der Geistliche übernimmt das religiöse Programm, beispielsweise die Gottesdienste. Aber es gibt auch weitergehende Erfahrungen. Wenn ich zwei Kilometer mit einem Pfarrer auf dem Pilgerweg laufe, kann ich mich mit ihm austauschen. Mit ihm ein paar Dinge besprechen. Ich kann mich mit meinen Ideen, meinen Problemen mitteilen und er kann mir helfen. Vielleicht sagt er etwas, was mich mehr zum Glauben bringt oder etwas, das meinen Abstand fördert. Ich habe eine Plattform, die ich sonst in der Form nicht habe. 

Aber vertrauen sich Menschen einem Geistlichen an, den sie kaum kennen? Mit dem sie drei Schritte gegangen sind?

Mir sagen viele Priester, dass sie die besten Beichtgespräche auf solchen Reisen hatten. Abends zum Beispiel, wenn sie in einer Bar noch mit jemandem zusammengesessen sind.

Ihnen persönlich hilft das religiöse Pilgern auch. Es hat Ihnen in Zweifelsituationen Schlüsselerlebnisse gebracht.

Ja, ich habe zum Beispiel als junger Mensch beim Dreikönigssingen immer ein Lied furchtbar gern gesungen. Das erste Jahr, in dem ich nicht beim Sternsingen war, war ich in Chiang Mai in Thailand. Ich bin dort abends in den Gottesdienst gegangen und dann haben die Menschen genau dieses Lied gesungen. Drei Jahre später war ich in Mexiko und die singen wieder das gleiche Lied. Das sind Dinge, die machen mir heute noch Gänsehaut. Die hauen mich vom Sockel.

Weil es zeigt, dass der Glaube kosmopolitisch ist.

Ich merke, der Glaube kann nicht nur trennen, sondern er verbindet mehrheitlich. Ich sehe, wie weltumspannend er ist. Das zu erleben, macht einen innerlich zufrieden und stärker.

Sich als Gleichgesinnte fühlen. Ist es das, was alle Pilger verbindet?

Ja, das ist das Besondere am Pilgern. Die Menschen sehen, dass sie mit ihren Ritualen, mit ihrer Sinnsuche keine Exoten sind. Da sind viele. Alle wollen sich auf dieses Abendteuer einlassen.

Ein Abenteuer, das sich lohnt?

Ich persönlich kann das Pilgern empfehlen. Es gibt normale Reisen und Reisen mit einem Pluseffekt. Dazu gehört eine Pilgerreise. Für mich ist das Pilgern eine Kur für die Seele.

von: Ronja Goj, In: Pfarrbriefserivce.de

Weitere Materialien: 

© Bayerisches Pilgerbüro-Archiv

Jürgen Neubarth

© Bayerisches Pilgerbüro-Archiv

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Text: Ronja Goj
In: Pfarrbriefservice.de