„Philipp hat Glück“

Paul Maar erzählt von der Erstkommunion seines Vaters im Jahr 1920

Mein Vater stammte aus einer sehr armen Familie. Weil sein eigener Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war, lebte seine Mutter, also meine Großmutter, von einer ganz kleinen Witwenrente. Und mit der musste sie ihre sechs Kinder allein durchbringen.

Sie verdiente ein paar Pfennige hinzu, indem sie für die Leute Socken strickte und Schmierseife in einem Fass im Hof verkaufte. Und weil sie so gutmütig war, hat sie den Leuten immer viel zu viel gegeben. Auf diese Weise hat sie natürlich kaum etwas verdient. Als mein Vater, der der Zweitjüngste in der Familie war, dann zur Erstkommunion gehen sollte, stellte sich heraus: Es gab kein Geld, um die Kommunionkerze zu kaufen!

Meine Großmutter sagte zu ihm: ‚Du musst die Kerze nehmen, die vorher schon deine Schwester Elly gehabt hat‘. Und Philipp antwortete: ‚Nein, nein, so eine halb abgebrannte Kerze, da blamiere ich mich ja. Die nehme ich nicht.‘ Aber seine Mutter sagte: ‚Es ist kein Geld da, ich kann dir nicht helfen.’

‚Dann verdienen wir eben das Geld‘, sagten die Geschwister, und sie haben alle zusammen geholfen! Vier Wochen lang haben sie den Hof der Brauerei gekehrt, beim Apotheker Kräuter sortiert, Wäsche ausgetragen und und und. Und so bekamen sie tatsächlich so viel Geld zusammen, dass es für eine schöne neue Kommunionkerze reichte!

Das war nun etwas, was Philipp sich wirklich wünschen konnte. Wobei das Wichtige nicht die Kerze ist, sondern die Tatsache, dass alle Geschwister so zusammen gehalten haben, dass sie es geschafft haben, ihm diese Kerze zu kaufen.

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Morgens am ‚Weißen Sonntag‘ ist die schöne neue Erstkommunionkerze zerbrochen.

Und das kam so: Weil Philipps Mutter ja kein Geld hatte, konnte sie ihm auch keine neuen schwarzen Schuhe kaufen. Deshalb gingen sie zum Schuster und ließen seine braunen Schuhe schwarz anstreichen. Und weil die Sohle durchgelaufen war, besohlte sie der Schuster mit Holz. Denn eine Ledersohle konnte sich meine Großmutter nicht leisten. Fertig waren die neuen Kommunionschuhe!

Mit diesen ungewohnten ‚Holzschuhen‘, die Philipp zum ersten Mal am Kommuniontag trug, ist er dann die Treppe hinunter gefallen, hat die neue Kerze verloren, und sie ging entzwei.

Meine Großmutter hat sie schließlich wieder geschient und ein weißes Band darum gewickelt. Auf diese Art und Weise hat man nicht gesehen, dass sie eigentlich zerbrochen war.

So ist für Philipp doch noch der Wunsch nach einem schönen Erstkommuniongeschenk in Erfüllung gegangen – dank seiner Geschwister.

Paul Maar
Quelle: Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken/Diaspora-Kinderhilfe, entnommen bei www.pfarrbriefservice.de

Verknüpft mit:
Das Schwerpunktthema für März 2008

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Text: Paul Maar
In: Pfarrbriefservice.de