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Paradoxe Intention – Die widersprüchliche Zielsetzung

Es war ein Monat vor dem Abitur. Zufällig traf ich in der Stadt einen entfernten Cousin. Wir hatten nie besonders viel miteinander zu tun, doch weil wir uns fern unseres Heimatdorfes begegneten, kamen wir ins Gespräch. Diese kurze Begegnung sollte mein Leben nachhaltig beeinflussen.
Ich erzählte ihm von meinen anstrengenden Vorbereitungen auf das Abitur.
„Hast du Angst?“, fragte er mich plötzlich.
„Natürlich“, antwortete ich ohne zu zögern.
Dann stellte er mir eine merkwürdige Frage:
„Weißt du eigentlich, was die paradoxe Intention ist?“
Mein Cousin war sehr belesen. Trotzdem dachte ich in diesem Moment eher daran, dass er mich lieber auf ein Eis hätte einladen sollen – es war heiß, und im Gegensatz zu mir stand er bereits fest im Berufsleben.
„Nein“, sagte ich knapp.
„Das ist eine Methode“, erklärte er weiter, „mit der man sich seinen größten Ängsten stellt. Immer dann, wenn ein Ereignis unausweichlich bevorsteht, kannst du den Spieß umdrehen. Statt dem Tag X mit Angst entgegenzusehen, begrüßt du ihn innerlich mit Vorfreude.“
„Wie soll denn so etwas Verrücktes funktionieren?“, fragte ich erstaunt.
„Von heute an bis zu deiner Prüfung“, sagte er schließlich, „sollst du dir immer wieder bewusst sagen: Ich freue mich darauf. Ich kann es kaum erwarten, dass der Tag endlich kommt. Und wenn er dann da ist, verliert er einen großen Teil seines Schreckens.“
Kurz darauf trennten sich unsere Wege – und blieben es bis heute.
Ich ging zurück ins Internat und begann sofort, seinen Rat umzusetzen. Immer wenn ich an die Abiturprüfung dachte, ergänzte ich diesen Gedanken bewusst um die Sätze:
„Ich freue mich so sehr darauf.“
„Ich kann es kaum erwarten.“
Als der Prüfungstag schließlich kam, war ich – wie ich heute gerne sage – „easy like Sunday morning“: ruhig, konzentriert und erstaunlich gelassen. Ich machte mein Abitur mit der Note Eins.
Seitdem habe ich diese Methode immer wieder angewendet. Zum Beispiel damals, als mein Blinddarm notoperiert werden musste. Ich redete mir ein, dass ich es kaum erwarten könne, bis die Operation endlich beginne – und konnte so sogar die Zeit in einem unterirdischen, provisorischen Krankenhaus in einem vom Krieg gezeichneten Land erstaunlich gelassen erleben.
Die Haltung der „paradoxen Intention“ integrierte ich auch in meinen Glauben. Dadurch gewann sie für mich noch einmal eine tiefere Kraft.
Oft habe ich darüber nachgedacht, wie eine einzige kurze Begegnung ein ganzes Leben prägen kann.
Und wenn ich heute an meinen eigenen Tod denke – an jenen Tag, der eines Tages unausweichlich kommen wird –, dann wünsche ich mir, ihm mit denselben Worten begegnen zu können, die schon Franz von Assisi für den Tod gefunden hat:
„Meine Schwester.“
Wer weiß – vielleicht war Franziskus ja einer der ersten Meister dieser paradoxen Hoffnung.

B., In: Pfarrbriefservice.de

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Das Schwerpunktthema für September/Oktober 2026

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Text: B.
In: Pfarrbriefservice.de

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