„Offenbar müssen wir erst lernen, was Langsamkeit heute sein könnte und was es hieße, sie gelegentlich oder überhaupt zur Devise des Lebens zu machen“
Ein Interview mit Prof. Dr. Ralf Konersmann über Langsamkeit in der heutigen Gesellschaft
Langsamkeit. Sie scheint in diesen schnelllebigen Zeiten schlecht, negativ konnotiert zu sein. Mit Trägheit, Faulheit, Behäbigkeit gleichgesetzt zu werden. Schnelligkeit dagegen mit Fleiß, Effektivität, Dynamik. Doch ist das gerechtfertigt? Prof. Dr. Ralf Konersmann ist Hochschullehrer und Publizist und war bis 2021 Direktor des Philosophischen Seminars an der Universität Kiel. Er ist unter anderem Autor des Buches „Die Unruhe der Welt“. Ein Gespräch mit ihm über den Klugen, der besonnen handelt und sich Zeit nimmt. Die Highspeed-Kultur. Und die Frage, warum die Ersten heute als Besten gelten.
Ist Langsamkeit subjektiv?
Prof. Dr. Konersmann: Das würde ich so nicht sagen. Erstaunlich ist, dass wir trotz dieser situativen Abhängigkeiten ein ziemlich sicheres Gefühl für das jeweils Angemessene haben, das der Langsamkeit Raum gibt und sie sogar fordern kann. Ich vermute, dass dieses Gefühl auf Erfahrungen zurückgeht, die sich mit den Jahren zum Takt- oder auch Fingerspitzengefühl verfeinert haben. Und dieses Gefühl ist keineswegs bloß subjektiv. Wahrnehmungen wie die, dass ein Lied zu schnell gesungen wird, einem Herstellungs- oder Reifungsprozess nicht die nötige Zeit gegeben wird oder dass eine Reaktion überhastet erfolgt, sind für gewöhnlich konsensfähig. Dementsprechend galt „Übereilung“ in den klassischen Erkenntnislehren als Fehlerquelle ersten Ranges und wurde als Zeichen der Unerfahrenheit, der Voreingenommenheit und auch der Willensschwäche verworfen. Der Kluge urteilt besonnen und nimmt sich die Zeit, die es braucht. Dass er dem Ungeduldigen mit seiner Langsamkeit, und das heißt: mit seinem Verstoß gegen die Forderungen der Dringlichkeit und des raschen Fortkommens auf die Nerven geht, nimmt er gelassen hin.
Welche Rolle spielt die Langsamkeit in der heutigen Gesellschaft?
Prof. Dr. Konersmann: Das Ansehen der Langsamkeit ist zwiespältig. Einerseits sehen die Menschen den Zusammenhang, der zwischen der Langsamkeit und der Ruhe besteht, nach der sich viele sehnen, und lernen die Bedachtsamkeit schätzen. Andererseits wird die Langsamkeit mit der Trägheit, der Begriffsstutzigkeit und vor allem mit der Langeweile in Verbindung gebracht. Und das ist etwas, was die moderne Gesellschaft schlicht und einfach nicht erträgt.
Ist das der Grund, weshalb vielen die Schnelligkeit als erstrebenswert gilt?
Prof. Dr. Konersmann: Offensichtlich ist es so. „Schnelligkeit“ ist ein Lebensgefühl, das mit Lebendigkeit und Beherztheit assoziiert wird, mit Intensität und Fortschritt. Hinzu kommt, dass die Geschwindigkeit oder Promptheit, mit der etwas getan oder erledigt sein will, in mancher Hinsicht geldwerte Vorteile mit sich bringt. Fast könnte man von einer Verkehrung des Bibelworts sprechen, wonach die Ersten die Letzten sein werden. Die Sportberichterstattung oder auch das Geschehen an der Börse demonstrieren Tag für Tag, dass die Wirklichkeit eine andere ist. Heute gelten die Ersten als die Besten und erwiesenermaßen Leistungsstärksten, während die Letzten eben die Letzten und als solche keiner Erwähnung wert sind.
Bemerkenswert ist die Bereitschaft, diese Normalitäten hinzunehmen und sich auf die entsprechenden Verhaltens- und Denkweisen einzulassen. Es ist ja nicht so, dass es einen Augenblick der Entscheidung gegeben hätte, in dem wir hätten zustimmen oder ablehnen können. Es ist, als trügen wir die Lektionen der Highspeed-Kultur je schon in unseren Köpfen und Herzen, wobei dieses „Je“ weit, sehr weit in die Vergangenheit zurückreicht.
Gibt es nicht doch inzwischen auch den Wunsch nach Langsamkeit?
Prof. Dr. Konersmann: Die sogenannte Slow-Bewegung reagiert auf die Erfahrungswelt der Hektik und der Hast. Sie möchte den Druck, als den viele das Leben auf der Überholspur empfinden, zumindest für eine begrenzte Zeit aussetzen oder spürbar reduzieren. Ich sehe diese Bewegung in der Tradition der Feste und Feiertage und vor allem des Sonntags, der als erklärter Ruhetag den Werktagen gegenübergestellt ist: als der Tag, an dem wir auf das Geleistete zurückblicken, als der Tag, an dem wir uns erholen und uns auf das wochentags Zukurzgekommene besinnen. Allerdings sind diese klassischen Zugeständnisse an die Bedingung gebunden, dass sie die Ausnahme sind. Bezeichnenderweise steht ja die Sonntagsruhe wie auch die Siesta schon seit längerem auf der Kippe.
Hat sich also der Mensch von seiner natürlichen Langsamkeit entkoppelt?
Prof. Dr. Konersmann: All diese Verhaltensvorgaben und Dispositionen der Eile und der immer noch steigerbaren Effizienz sind eingefleischte kulturelle Muster. Ich halte deshalb die Vorstellung, dass sich unbeeindruckt davon so etwas wie eine natürliche Langsamkeit erhalten haben könnte, für zweifelhaft. Gewiss, das Unbehagen angesichts der Hektik und der ziellosen, gleichsam prinzipiell gewordenen Schnelligkeit sitzt tief. Ebenso tief aber sitzt das Unbehagen angesichts einer Langsamkeit, die bloß Versäumnis ist, Trägheit oder Unfähigkeit. Eine sozial und kulturell anerkannte Langsamkeit wäre nicht einfach ein schematisches Herunterfahren. Offenbar müssen wir erst lernen, was Langsamkeit heute sein könnte und was es hieße, sie gelegentlich oder überhaupt zur Devise des Lebens zu machen.
das Interview führte Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de
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