„Neben der Spur“

Hilfreicher Umgang mit Wahnkranken

Eine Frau beklagt sich, dass ihre gesamte Hausgemeinschaft ständig giftige Dämpfe in ihre Wohnung ableitet. Sie hat alle Fenster und Türritzen abgeklebt, traut sich nicht mehr auf die Straße, fühlt sich ängstlich und bedroht. Ein Mann erkennt an der Art, wie die Autos vor seinem Wohnblock geparkt werden, kombiniert mit den Zahlen der Nummernschilder, geheime Signale einer fremden, ihn bedrohenden Macht.

„Eine verrückte Welt“

Zuerst könnte man an einen Scherz denken, wenn da nicht eine ernste Stimme und ein spürbares Gefühl der Angst und der Bedrohung hinter diesen „wirren Sätzen“, hinter diesem „verrückten Zeug“ wären. Was begegnet uns hier? Vom psychiatrischen Standpunkt aus kennt man solche Sätze als ein wichtiges Symptom einer ganzen Gruppe von Geisteserkrankungen, die man fachlich zum „schizophrenen (bewusstseinsgespaltenen) Formenkreis“ zählt. Der Kranke erlebt tatsächlich Dinge, die aus unserer Sicht objektiv nicht vorhanden sind. Er oder sie „hört seltsame Stimmen“, „halluziniert“, verhält sich „eigenartig“, er oder sie scheint „verrückt“ geworden zu sein. Im täglichen Umgang haben wir für solche Phänomene eine wahre Fülle von Begriffen, die den Kranken sehr verletzen und isolieren: „Der spinnt ... der hat ein Rad ab ... die ist neben der Spur“ usw. Der Biochemiker sieht in dieser Krankheit ein Beispiel für misslingende Informationsverarbeitung im Gehirn auf Grund einer Stoffwechselstörung. Für die Psychoanalyse kann die Krankheit als Ausbruch einer traumatischen, frühkindlichen Entwicklungsstörung angesehen werden, die ausgelöst werden kann durch aktuelle Belastungssituationen, wie zum Beispiel durch einen Beziehungsverlust. Der Familientherapeut sieht in dieser Krankheit nicht in erster Linie ein individuelles Symptom, sondern das Beispiel einer gestörten, „wahnsinnigen“ oder „verrückten“ Kommunikationsstruktur einer ganzen Familie. Der kranke Mensch „hält‘s dann im Kopf nicht mehr aus“, er wird „verrückt“, das heißt: er „rettet“ sich, ganz sicher unbewusst, in eine Scheinwelt, um endlich seine Ruhe zu finden. Wenn Menschen ihre schlimme Welt einfach nicht mehr verändern können, dann verändern sie oft die Wahrnehmung von dieser Welt. Manchmal ist ein Rückzug in eine Scheinwelt, in eine Wahn-Welt, ein nötiger „Ausweg“, sich gegen diese reale Welt mit ihrem Dauerstress und Dauerschmerz zu schützen. Dann macht „Wahn“ einen „Sinn“, zumindest für den Kranken.

Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Wahn-Erkrankten

  • Wenn wir mit einem wahnkranken Menschen reden, dann sollte nicht der Inhalt des Wahns mit seinen Ungereimtheiten und Schrecknissen im Mittelpunkt stehen, sondern in erster Linie der Kontakt zu diesem Menschen, der unsere Nähe und unser Gespräch braucht. Dies ist sicher wegen starker Kontaktschwierigkeiten und einem intensiven Distanzbedürfnis des Kranken ganz besonders schwierig. Aber selbst ein Funke echter Zuwendung schafft hier einen guten Anfang.
  • Kaum jemand ist mehr in der Lage, den Gesprächskontakt mit uns in einen Machtkampf ausarten zu lassen, als ein Wahnkranker. Zwei Welten prallen hier aufeinander, seine Welt des „Wahns“ und unsere Welt der „Realität“. Jeder fühlt sich im Recht. Sehr schnell gleitet das Gespräch dann auf eine Ebene, die klarstellen, debattieren und argumentieren möchte. Mit Formulierungen wie: „Das kann ich mir nicht vorstellen ... das kann doch nicht sein ... ich glaube, du spinnst ... das bezweifle ich ... das ist reine Phantasie ... das glaube ich nicht ...“ geraten wir ganz schnell in Gefahr der Rechthaberei – ein Zustand, der einem guten Gesprächskontakt zuwiderläuft.
  • Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sich der Kranke – natürlich unbewusst – in seinem „Wahngebäude“ vor der bedrohlichen Realität, die ihn vielleicht empfindlich verletzt hat, schützen kann, wenn also der Wahn für ihn so etwas wie eine „Strategie“ wäre, seine Angst zu bewältigen, so würden wir mit der Leugnung „seiner Realität“ seine Angst wieder erhöhen. Panik, Aggressivität und Feindseligkeit wären dann die Folge, was einen Gesprächskontakt bald erstickt.
  • Den wahnkranken Menschen in seiner Aussage ernst nehmen bedeutet natürlich, dass wir uns selber auch ernst nehmen. Wir lassen ihm seine Welt und bleiben in unserer Welt. Jeder „besucht“ die Welt des anderen. Wir dürfen uns auch nicht von unserem Gesprächspartner in seine Welt einmauern lassen. Wir brauchen und dürfen um unserer Echtheit willen die Wahnwelt weder groß bestätigen noch verstärken. Dies wäre ein „So-tun-als-ob“, eine unnötige und keineswegs hilfreiche Anbiederei. Kaum etwas ist für einen an einer Psychose Erkrankten wichtiger als der Kontakt zu einem Menschen, der in seiner Persönlichkeit echt, zuverlässig, stimmig, klar abgegrenzt und dennoch in freundlicher Weise offenbleibt. Wenn uns ein Mensch einen Traum erzählt, in dem unwahrscheinliche Dinge passiert sind, dann sagen wir ihm doch auch nicht: „Das kann nicht sein, das stimmt nicht!“ Wir nehmen seine Aussagen über Ereignisse als Aussagen über seine Gefühle, seine Stimmungen, seine Ängste und seine Phantasien. In ähnlicher Weise können wir auch den Aussagen eines Wahnkranken mit Interesse zuhören und damit Kontakt stiften.
  • Wichtig ist stets die Einsicht, dass jemand, der Wahnerlebnisse hat, krank ist, dass er aber in dieser Situation keine Krankheitseinsicht hat. Wenn ein Wahnkranker sich nicht selbst oder seinen Mitmenschen empfindlich schaden kann, dann ist es nicht sinnvoll, ihn zum Nervenarzt zu „zerren“ oder gegen seinen Willen einweisen zu lassen. Der Gesetzgeber lässt dies ohnehin so nicht zu. Findet der kranke Mensch selber den Weg zum Neurologen und Psychotherapeuten oder können ihn seine Angehörigen geduldig dazu motivieren, findet er natürlich dort Hilfe und Unterstützung, findet die notwendigen medizinischen, psycho-sozialtherapeutischen und rehabilitativen Maßnahmen.
  • Als Angehörige können wir ihn nicht „heilen“, aber etwas ganz Entscheidendes für seine Heilung tun: ihn nämlich nicht zusätzlich in die Isolation treiben. Die Krankheit selber ist Isolation genug. Wenn wir den Kontakt nicht abbrechen lassen, können wir etwas von ihm abhalten: das Ghettodasein, die „Anstalt“, den sozialen Abstieg.

Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe
In: Pfarrbriefservice.de