Ein fiktiver Brief des Mystikers Johannes vom Kreuz an die Menschen heute

Pater Eberhard von Gemmingen SJ, www.katholische-hörfunkarbeit.de
27.09.2017 - 18:36

Darf ich mich zunächst vorstellen: Mein Name ist Juan de la Cruz. Im Deutschen sagt man Johannes vom Kreuz. Ich bin 1542 geboren und wurde nicht einmal 50 Jahre alt. Am 14. Dezember jährt sich mein Todestag. Ich war ein Mönch im Karmel und gelte heute als bekannter Mystiker.

Die Welt, in der Sie heute leben, und meine Welt sind denkbar unterschiedlich. Dennoch meine ich, Ihnen etwas Hilfreiches für Ihr Leben sagen zu können. Zu meiner Zeit glaubte man selbstverständlich an Gott. Wer nicht an ihn geglaubt hätte, galt sogar als vom Teufel besessen. Viele Männer und Frauen gingen in Klöster, denn Familien hatten viele Kinder, die hier gut versorgt waren. Man glaubte allgemein an die Kraft des Gebetes. Klosterleben galt als nützlich. Aber es wurde leider auch immer oberflächlicher.

Weil ich in frühen Jahren eine hoch qualifizierte Ordensfrau, Theresa von Avila, kennen gelernt hatte, wollte ich ernsthafter sein als die anderen Karmeliten. Das brachte mich in Konflikt mit meinem Kloster. Man sperrte mich für sehr lange Zeit in ein stockdunkles Verlies, gab mir fast nichts zu essen, ließ mich die Kleider nie wechseln. Nach neun Monaten gelang mir abenteuerlich die Flucht. Bei all dem erlebte ich die „finstre Nacht der Seele“. Ich hatte den lebendigen Glauben an Gott verloren, es war nur noch finster in mir. Gott schien nicht mehr zu existieren. Doch der Herr schenkte mir nach langem Leiden gerade dadurch ein helles Licht, einen tieferen Glauben.

Und nun mache ich einen Sprung zu Euch. In Eurer Welt haben scheinbar nur noch wenige Menschen Tag für Tag etwas mit Gott zu tun. Für die meisten spielt er offenbar kaum eine Rolle. Eure Welt ist auch oft sehr laut. Einerseits voll von Musik, aber auch voll von Erlebnissen.

Es ist eine Welt, in der es schwer fällt, Gott zu hören. Ihr mögt fragen: Ist das schlimm? Es geht uns nicht schlecht. Wer Gott braucht, kann ja in eine Kirche gehe. Aber – ich erlaube mir die kritische Rückfrage: Lebt Ihr in Eurer Welt wirklich glücklich?

Ich will Euch nicht Traurigkeit einreden. Aber vielleicht suchen viele Menschen in Eurer Welt ständig neue Informationen und Kontakte, hören viel Musik, weil sie innerlich leer und nicht zufrieden sind. Es kommt dazu, dass Ihr ja genauso gut wie ich wisst: Eines Tages müsst ihr durch das dunkle Tor des Todes. Und vorher durch das dunkle Tor von Schmerzen, von Einsamkeit, von Angst. Ich will Euch keine Angst einreden. Aber ich wünsche Euch, dass es Euch so gut geht, wie es mir schließlich ging. Ich war mit dem „unendlichen Geheimnis, das wir Gott nennen“, auf Du und Du. Lasst Euch durch meine Überlegungen nicht traurig machen, aber ich wünsche mir, dass Ihr nachdenkt und glücklich seid. Manche Menschen in Eurer Zeit ertragen es schwer, wenn es längere Zeit ganz still ist, wenn sie keine Mail bekommen, wenn sie alleine sind. Ich finde es sehr positiv, dass immer mehr Menschen alleine und zu Fuß nach Santiago de Compostela pilgern. Das ist ein wunderbares Zeichen, dass sie einerseits Stille suchen, andererseits Kontakt zu Gleichgesinnten.

Aus meiner jetzigen Perspektive wünsche ich Euch: Damit Ihr in Eurem tiefen Inneren froh und zufrieden seid, bleibt doch einfach mal im tiefen Keller Eures Inneren – so wie ich im Klosterkerker eingesperrt war. Geht freiwillig dorthin. Dort ist mir der erschienen, der mein Herz zutiefst glücklich gemacht hat. Dieses tiefe innere Glück aus der Stille und Dunkelheit wünsche ich Euch. Es ist der Grund, der Sinn, das Ziel Eures Lebens. Wir nennen es Gott. Schließlich könnt Ihr dann vielleicht mit Paulus sagen: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“.

Pater Eberhard von Gemmingen SJ
Quelle: Katholische Hörfunkarbeit für Deutschlandradio und Deutsche Welle, Bonn, www.katholische-hörfunkarbeit.de, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Pater Eberhard von Gemmingen SJ, www.katholische-hörfunkarbeit.de
In: Pfarrbriefservice.de