Jörg Seiler, Thomas Sojer, Konstantin Stawenow (Hg.): lyrisch glauben
Religiöser Buchtipp für Oktober 2026
In unserer modernen Welt sind Glaubenserfahrungen vielfach gebrochen, von den Einsprüchen der Naturwissenschaften und dem Weltgeschehen in Frage gestellt. Nicht immer, vielleicht sogar immer weniger, gelingt es der etablierten religiösen oder liturgischen Sprache, diese Erfahrungen in Worte zu fassen. Denn: Gott ist nicht zu fassen oder, wie Thomas Sojer, einer der Herausgeber dieser Anthologie formuliert: „Etwas flackert auf und entzieht sich im selben Augenblick wieder.“
Weil Sojer und seine beiden Mitherausgeber von der „Forschungsstelle Sprachkunst und Religion“ an der Universität Erfurt überzeugt sind, dass Glaubenserfahrungen auf vielfältige Weise ausgedrückt werden können, haben sie 2024 dazu aufgerufen, poetische Texte einzureichen, „die ohne konfessionelle oder kontextuelle Vorgaben die Sprachmöglichkeiten für den je eigenen Glauben erkunden.“ Glauben bekennen, so die Herausgeber, kann auch heißen, „dem Unsagbaren, Unfassbaren eine je eigene Form zu geben“.
Große Bandbreite von Erfahrungen und Gefühlen
Aus über 270 Einsendungen wählte eine Jury 119 Texte bekannter und weniger bekannter Autor:innen für diese Anthologie aus. „Maßgeblich waren dabei existenzielle Dringlichkeit, sprachliche Eigenständigkeit und poetische Kraft.“ Die Herausgeber haben die Texte thematisch gruppiert und diesen Kapiteln jeweils eine kurze Einleitung vorangestellt, die manchmal wie ein poetischer Text gebaut ist, manchmal nüchtern analysiert.
Die Autor:innen haben ihren Gedanken und Erfahrungen sehr unterschiedliche Formen gegeben, gebunden oder frei, längere oder kürzere Gedichte, auch Texte im Dialekt sind dabei. Sie umfassen eine große Bandbreite von Erfahrungen und Gefühlen: von „Was mich hält / was mich trägt, / bist Du. / Gut, dass ich dich kenne!“ (Maria Graef) über ein trotziges „Und trotzdem glaube ich!“ (Jessica Zemp) und das irritierende Gefühl „ich […] zerdenke dich ziemlich, zu oft“ (Marco Michalzik) bis hin zu „Von allen guten Geistern verlassen / und doch: voller Sehnsucht …“ (Mechthild Brandt).
Texte befragen den eigenen Glauben
Wer dieses Buch zur Hand nimmt, braucht Zeit, darf sich Zeit lassen, denn die Texte lassen innehalten, abschweifen und die eigene Glaubenserfahrung befragen: Finde ich mich darin wieder? Finde ich darin Worte, Zeilen, mit denen ich mir einen Reim auf meine Glaubenserfahrungen machen kann? In einem Gedicht von Anna Näf heißt es dazu: „Manchmal finde ich Spuren / die nicht von mir sein können. / Göttliche Fingerabdrücke auf Gedanken und Gefühlen.“
Wie eine Diskokugel reflektieren die Texte dieser Anthologie Glaubenserfahrungen, lassen sie aufleuchten, brechen sie, schicken sie in den Raum, auf dass sie weitergedacht, geschrieben, getragen werden, im Vertrauen darauf, dass Gott groß genug ist, sich zwischen diesen Zeilen und in den Zumutungen des Alltags finden zu lassen. (Borromäusverein)
Jörg Seiler, Thomas Sojer, Konstantin Stawenow (Hg.): lyrisch glauben. Dem Unsagbaren auf der Spur. - Freiburg: Herder, 2026. - 280 S.; 28,00 €
(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der St. Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)
Ab dem 15. September 2026 ist bei Angabe der Quelle der freie Abdruck des Textes erlaubt.
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