„Iss deinen Teller leer, sonst regnet’s morgen!“

Impressionen einer Ausgewanderten über den Umgang mit Lebensmitteln in Spanien und Deutschland

Viele Besonderheiten fallen erst im Vergleich auf, so kommt es, dass ich in zwei Jahren in Nordspanien viel über den Umgang von uns Deutschen mit dem Essen gelernt habe.

„Iss deinen Teller leer, sonst regnet’s morgen!“ oder „Lieber den Magen verrenkt als dem Wirt was geschenkt“ sind Sätze, die im Baskenland (Nordspanien) Verwunderung auslösen. Hier ist es ganz natürlich, dass nach dem Essen Baguettereste auf dem Restauranttisch liegen bleiben. Das Baguette ist wie ein Messerersatz, was bei keinem Essen fehlen darf. Wenn man satt ist, bleibt es allerdings liegen, so wie alles andere auch. Das eigene Wohl geht über die unbedingte Verwertung von Lebensmitteln.

Essen in Deutschland scheint mir entweder eine pragmatische oder politische Angelegenheit, in Spanien ein Hobby. Das mag auch daran liegen, dass die spanische Lebensart allgemein mehr Leichtigkeit und weniger Zielstrebigkeit beinhaltet, und das Essen ist nur ein Aspekt, in dem sich diese Einstellung zeigt.

Essen in Deutschland als politische Angelegenheit

Ich sage politisch, weil ich in Deutschland viele vegetarisch essende Personen kenne, die durch ihre Konsumentscheidung die Welt verändern wollen. Unterschiedliche Quellen sagen, ca. 10 Prozent der Bevölkerung leben vegetarisch im Vergleich zu 1,5–5 Prozent in Spanien. In Spanien muss ein echter Öko keinesfalls Vegetarier sein! Und Bioprodukte verkaufen sich in Deutschland meinem Eindruck nach der Nachhaltigkeit wegen, in Spanien ist es eine Frage der Gesundheit.

Essen in Spanien – ein Hobby

In Spanien scheint mir das Essen eher ein Hobby, eine soziale Beschäftigung zu sein, welche sehr genossen wird und einen hohen Stellenwert hat. Indizien dafür sind, dass es länger dauern und auch mehr kosten darf als in Deutschland. Abgesehen vom gemeinsamen Essen und Trinken gibt es wenige Freizeitbeschäftigungen, die üblich sind wie in Deutschland, z.B. Sportvereine, Brettspielabende oder etwas mit der Landjugend Vergleichbares.

Auch an den Zahlen für „Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen” wird dieser Unterschied sichtbar: In Deutschland gaben wir 2016 ca. 5,7 Prozent¹ unseres Einkommens in Hotels, Bars und Restaurants aus. Im Baskenland lag dieser Wert 2018 mit 11,5 Prozent² bei mehr als dem Doppelten, und das bei einem geringeren Durchschnittseinkommen in Spanien!

Möglicherweise ist das auch ein Grund dafür, dass es in der Region um San Sebastián die größte Dichte von Sternerestaurants bezogen zur Einwohnerzahl weltweit gibt.

Initiativen für Lebensmittelwertschätzung und -verwertung

In Nordspanien hat das Essen und sein Genuss einen hohen Stellenwert, aber woher Lebensmittel kommen und was mit ihnen passiert, wenn sie nicht gegessen werden, ist weniger präsent in der Gesellschaft, als ich es in Deutschland gewohnt bin.

Mein Arbeitsplatz ist ein „Impact Hub“, ein Coworkingspace (Anm. der Red.: gleichzeitige Arbeit verschiedener Unternehmen an einem gemeinsamen Ort), von dem es weltweit über 100 gibt. Sie alle teilen das Ziel, durch Initiativen, mit denen sich (möglichst) Geld verdienen lässt, einen positiven Einfluss auf die Welt zu erreichen.

Daher liegt es nahe, sich dort auch mit dem Thema Lebensmittel zu beschäftigen. Einige der Initiativen können inspirierend sein, gerade in ihrer Verschiedenheit zu deutschen Ansätzen:

  • Solidarischer Kühlschrank
    Vor dem Impact Hub steht ein öffentlich zugänglicher Kühl- und Gefrierschrank. Hier hinein kann jede interessierte Person vor dem Urlaub, nach einem großen Festessen oder einfach, weil es zuviel ist, Essen stellen, damit es andere noch verwerten können.
  • La Colmena – Marktschwaermer.de
    Was in Deutschland die Gemüsekiste ist, ist in Frankreich die Marktschwärmerei. Über 700 davon gibt es inzwischen, die Produzierende und Konsumierende der Region über das Internet vernetzen. Auf einem virtuellen Markt kauft man Eier, Gemüse, Brot, Fleisch, Konserven oder was die Marktschwärmerei vor Ort so zu bieten hat, und anschließend kommt man es an einem festen Termin auf dem Kurzzeitmarkt abholen. Dieser bietet die Gelegenheit, die Produzierenden kennenzulernen und sich über die Produkte und ihre Herstellung auszutauschen. Solch eine Marktschwärmerei kann jede Privatperson eröffnen und erhält Unterstützung von der „Mama Marktschwärmerei“, so ist auch diejenige im Impact Hub entstanden, hier „La Colmena Que Dice Sí“ genannt.
  • Think tank zur Lebensmittelverschwendung
    „Projetkuen Azoka“ ist eine Wochenendveranstaltung, die nach Geschäftsideen sucht, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Mit verschiedenen Methoden werden Leute vernetzt, um Ideen zu spinnen und zu verbessern. Die Teams mit den erfolgversprechendsten Ideen erhalten 3 Monate Mentoring und Unterstützung, um die Projektidee zu testen und in die Umsetzung zu bringen.

Inspirieren für einen genuss- und gleichzeitig verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln

Initiativen für einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln gibt es in Deutschland vermutlich mehr als in Spanien. Einen höheren Stellenwert des Genusses der Lebensmittel sehe ich in Nordspanien. Sich gegenseitig zu einem genuss- und gleichzeitig verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln zu inspirieren, ist für mich fundamental, um unsere Ernährung zukunftsfähig zu machen.

Verena Hammes
aus: Gut genährt?!. Infos – Tipps – Methoden. Werkbrief für die Landjugend © Landesstelle der Katholischen Landjugend Bayerns, München 2018. www.landjugendshop.de. In: Pfarrbriefservice.de

___________________________________________________________

¹https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKons….
²www.cadenaser.com/emisora/2018/07/18/radio_bilbao/1531911047_240511.html

Entityreference media

Solidarischer Kühlschrank

Verknüpft mit:
Das Schwerpunktthema für Juli / August 2020

Fileinfo:
File extension: .doc
File size: 0,03 MB

You may NOT use this on social media platforms, i.e Facebook

Example of the copyright notice that you must provide when you use the text

Text: Verena Hammes
In: Pfarrbriefservice.de