Warum das Jahr 2017 ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Einheit der Kirchen sein kann

Dr. Heinrich Bedford-Strohm, www.johann-baptist.de
25.07.2017 - 05:55

„Ist denn Christus zerteilt?“ – diese Frage des Paulus aus dem 1. Korintherbrief hat mich in den vergangenen Jahren immer mehr beschäftigt. Immer deutlicher habe ich das Gefühl entwickelt, dass Paulus diese Frage nicht nur an die korinthische Gemeinde damals stellt, sondern genauso an uns, die wir unser Christsein heute in unterschiedlichen Konfessionen leben. Natürlich wollen wir ihm entgegenrufen: Nein! Christus ist nicht zerteilt! Er ist der Eine und er ist unser Herr! Und dennoch wissen wir doch ganz genau, dass wir als Kirchen dem einen Christus, dessen Leib wir doch sein wollen, die sichtbare Einheit schuldig bleiben.

Soviel ist sicher: Es gibt keinen römisch-katholischen Christus, keinen orthodoxen Christus und auch keinen evangelischen Christus. Und trotzdem leben wir in unterschiedlichen Konfessionskirchen, deren Trennung – jedenfalls für mich – dann besonders schmerzlich spürbar wird, wenn wir gemeinsam Gottesdienst feiern und Christus in der Mitte spüren, aber nicht gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen können.

Zum ersten Mal keine Abgrenzung

Nicht zuletzt deswegen haben wir bei der Vorbereitung des Reformationsjubiläumsjahres 2017 eine klare Entscheidung getroffen: Zum ersten Mal in der Geschichte seit der Reformation wollen wir ein großes Jubiläum nicht in Abgrenzung zu den Glaubensgeschwistern anderer Konfessionen feiern, sondern gemeinsam mit ihnen. Zum ersten Mal wollen wir unser eigenes evangelisches Profil nicht dadurch schärfen, dass wir die anderen abwerten, sondern indem wir genau das tun, worum es Martin Luther selbst gegangen ist: nämlich Christus neu zu entdecken. Also haben wir gesagt: Wir wollen 2017 als ein großes Christusfest feiern und wo immer es möglich ist, unsere katholischen Schwestern und Brüder und auch alle anderen Christen mit einbeziehen.

Bewegende Momente der Gemeinschaft

Ich kann schon vor dem Abschluss des Reformationsjubiläumsjahres sagen: Diese Idee ist voll ins Ziel gekommen. Wir haben bewegende Momente der Gemeinschaft zwischen Konfessionen erlebt. Das, was in vielen Gemeinden an der Basis schon seit vielen Jahren gewachsen ist, eine selbstverständliche Geschwisterlichkeit, die die konfessionellen Differenzen in den Hintergrund rückt, ist auch auf den kirchenleitenden Ebenen immer sichtbarer und spürbarer geworden.

Auch der Blick auf das Jahr 2017 und die dahinterstehende Geschichte hat uns nicht weiter voneinander getrennt, sondern im Gegenteil zusammengeführt: Unsere römisch-katholischen Schwestern und Brüder sprechen lieber von „Reformationsgedenken“, weil sie die Spaltung der Kirche nicht als etwas sehen, wofür man Jubelfeste veranstalten kann. Und wer wahrnimmt, wie viel Leid bis heute die konfessionelle Trennung bis in die Familien hinein verursacht hat, der weiß ja genau, dass dieses Datum auch ein Anlass zu Trauer und Buße sein muss. Aber natürlich ist das Jahr 2017 auch ein Grund zum Feiern. Wir als Protestanten freuen uns über die kraftvollen Impulse, die die Reformation für die Erneuerung des Glaubenslebens damals gegeben hat und bis heute gibt. Auch Katholiken können sich über die Reformen freuen, die im Gefolge der Reformation auch in der römisch-katholischen Kirche möglich wurden.

Dank und Selbstkritik

Beides hat seinen Platz: der dankbare Blick auf die neuen Aufbrüche in die Freiheit, die durch die Reformation möglich wurden und am Ende für alle Kirchen auch Erneuerung gebracht haben. Und die selbstkritische Reflexion der Gründe dafür, dass diese Erneuerung nicht gemeinsam gelungen ist, sondern zur Spaltung geführt hat.

Martin Luther selbst jedenfalls hat seinen reformatorischen Aufbruch immer als Dienst an der einen Kirche Jesu Christi gesehen. 1522 sagt er: „Erstens bitte ich, man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern einen Christen nennen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein! Ebenso bin ich auch für niemanden gekreuzigt. St. Paulus … wollte nicht leiden, daß die Christen sich paulisch oder petrisch hießen, sondern Christen. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi dürfte nach meinem nichtswürdigen Namen nennen? Nicht so, liebe Freunde! Laßt uns tilgen die parteiischen Namen und uns Christen heißen, nach Christus, dessen Lehre wir haben.“

Wir müssen uns als Lutheraner jetzt nicht umbenennen. Aber wir dürfen uns von Luther selbst schon gerne daran erinnern lassen, dass aller Konfessionalismus den Blick auf Christus verdunkelt, dass wir uns als Kirchen unterschiedlicher Konfessionen deswegen immer wieder von neuem zu Christus selbst rufen lassen sollen.

„Heilung der Erinnerungen“

Der von der ARD live übertragene ökumenische Gottesdienst zur „Heilung der Erinnerungen“, den wir am 11. März in der Hildesheimer Michaeliskirche gefeiert haben, hatte genau dieses Ziel. Er hat viele Menschen, mich eingeschlossen, sehr bewegt. Besonders berührt hat mich, als Kardinal Marx die folgenden Worte an mich als Repräsentant der 22 Millionen evangelischen Christen in Deutschland richtete:

„Wir danken Gott für die geistlichen, die theologischen und die ethischen Impulse der Reformation, die wir in der katholischen Kirche teilen können. Ich nenne die Wertschätzung des Wortes Gottes und der Heiligen Schrift. Ich nenne die Rechtfertigungslehre: Es ist auch für die katholische Kirche wichtig zu erkennen, dass ein Mensch nicht aus Werken des Gesetzes, sondern aus dem Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt wird. Wir sehen das Engagement so vieler Männer und Frauen in den evangelischen Gemeinden als lebendiges Zeugnis des Glaubens. Wir schätzen die intensiven Diskussionen und die verantwortungsvollen Entscheidungsprozesse in den Synoden. Wir sind beeindruckt von dem starken Einsatz der evangelischen Kirche in der Diakonie, in unserem Land und auf der ganzen Welt. Vieles wäre noch zu nennen. Liebe evangelische Glaubensgeschwister: Wir danken Gott, dass es Sie gibt und dass Sie den Namen Jesu Christi tragen.“

Neue ökumenische Dynamik

Ich habe meinerseits zum Ausdruck gebracht, was wir an unseren katholischen Glaubensgeschwistern schätzen und dann meinerseits gesagt: „Liebe katholische Glaubensgeschwister: Wir danken Gott, dass es Sie gibt und dass Sie den Namen Jesu Christi tragen.“

Die Liturgie, die wir dem Hildesheimer Gottesdienst zugrunde gelegt haben, haben viele Gemeinden in Gottesdiensten überall in Deutschland danach auch gefeiert. Die Berichte, die ich darüber gehört habe, haben mich berührt und die Hoffnung gestärkt, dass die neue ökumenische Dynamik, die wir erleben, nicht rückholbar ist. Wenn in Folge dieses Jahres auch konkrete Erleichterungen für die gemeinsame Eucharistie von konfessionsverschiedenen Ehen möglich würden, würde ich mich sehr freuen.

Ich wünsche mir, dass wir als Katholiken und Evangelische, als Menschen aus Landeskirchen und Freikirchen, eine neue Leidenschaft für die Einheit entwickeln. Das große historische Datum des Jahres 2017, das wir gerade feiern, könnte zu einer Initialzündung für diese neue Leidenschaft werden.

Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Quelle: 500 Jahre Reformation. impulse – Magazin der Pfarrei St. Johann Baptist Gröbenzell, Sommer 2017. www.johann-baptist.de. In: Pfarrbriefservice.de

Weitere Materialien: 

© ELKB/Rost

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm

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Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

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Text: Dr. Heinrich Bedford-Strohm, www.johann-baptist.de
In: Pfarrbriefservice.de