David Begrich
27.05.2019 - 06:00

Das Thema Flucht und Migration polarisiert die Gesellschaft seit 2015 so stark wie seit Beginn der 1990er-Jahre nicht mehr. Rechtspopulistische Stimmungen werden von der AfD als Wählerstimmen mobilisiert. Die offizielle Haltung der Kirchen ist eindeutig. Sie wehrt sich gegen rechtspopulistische Vereinnahmungsversuche im Namen des „christlichen Abendlandes“ und unterstützt den Flüchtlingsschutz. Doch wie andere gesellschaftliche Großorganisationen ist Kirche in gewissem Umfang Spiegel der Gesellschaft. Somit finden sich auch hier skeptische, ablehnende und wohl auch rassistische Auffassungen gegenüber Flüchtlingen und Migranten. Kirchengemeinden sollten sich der Debatte stellen. Aber wie?

Wahrnehmung schärfen

Zunächst gilt es, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, wo Mitglieder in der Kirchengemeinde artikulieren, sie kämen mit ihren Ansichten zum Thema Flüchtlinge nirgendwo, auch nicht in ihrer Kirchengemeinde zu Wort. Dem vielfach von Vertretern rechtspopulistischer Positionen in Politik und Medien vermittelten Eindruck, es gäbe keinen Raum für offene, kontroverse und kritische Diskussionen rund um Themen wie Flucht und Asyl, gilt es ruhig und sachlich entgegenzutreten. Denn das Gegenteil ist richtig. Seit etwa drei Jahren schenken Politik und Medien Menschen und politischen Interessengruppen, die sich kritisch bis ablehnend zu den Themen Flucht und Asyl äußern, in breitem Umfang Aufmerksamkeit. Ob in Leserbriefspalten der Tageszeitungen oder in Talkshows: überall kommen diese Positionen zu Wort. Dass Gemeindeglieder dennoch den Eindruck haben, nicht gehört zu werden, hängt vor allem daran, dass sich diese Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen von Politikern und Kirchenleitungen nicht mehr vertreten sehen. Viele Faktoren spielen hier zusammen: das Gefühl von Ohnmacht gegenüber als bedrohlich empfundenen Veränderungen in der eigenen Lebenswelt, die zu einer kulturellen Entfremdung führt, der schwindende solidarische Zusammenhalt in der Gesellschaft und der Umstand, dass Werte und Normen des Zusammenlebens nicht mehr wie scheinbar früher selbstverständlich sind, sondern Teil eines Aushandlungsprozesses auch mit Minderheiten, die vor Jahren noch kein Gehör fanden. Dennoch ist die Kirchengemeinde ein guter Ort, dem Eindruck des Nicht-Gehört-Werdens entgegenzutreten. Denn anders als in anderen Arenen der gesellschaftlichen Debatte, in denen es immerfort nur um die Konkurrenz der Ansprüche und der Aufmerksamkeit geht und zumeist jene Aufmerksamkeit bekommen, die sich am lautesten zu Wort melden, kann eine Kirchengemeinde ein guter Ort für eine Kultur des Zuhörens und des respektvollen, differenzierten Gesprächs sein.

Im Dialog bleiben

Um im Dialog mit Gemeindegliedern, die rechtspopulistische Positionen vertreten, zu bleiben, ist es wichtig, eine wertschätzende Zuhörens- und Gesprächsbereitschaft gegenüber den Menschen zu signalisieren, die die Bereitschaft zeigt, die eigenen Gewissheiten nicht zum Maß zu erklären, sondern begründet zur Diskussion zu stellen. Es kann eine Arbeit des Aushaltens sein, sich mit Sichtweisen zu konfrontieren, die den eigenen moralischen und ethischen Auffassungen widersprechen oder diese fundamental in Frage stellen. Dialog mit Vertretern rechtspopulistischer Auffassungen gelingt, wo Argumente wirklich abgewogen, ihre Gründe nachvollziehbar dargelegt werden und auf persönlich verletzende Unterstellungen und Urteile moralischer Abwertung verzichtet wird. Dialog setzt jedoch auch eine Kultur der Konfliktfähigkeit voraus, die bereit ist, auf radikal andere Sichtweisen wirklich einzugehen, statt sie nur zur Kenntnis zu nehmen. Die Schwierigkeit, die sich in den Formaten des Bürgerdialogs im Umfeld von PEGIDA zeigten, erwuchsen zu einem nicht unwesentlichen Teil aus dem Umstand, dass ein Teil der Anhängerschaft rechter Positionen gar keine anderen Argumente hören wollte, sondern nur auf Bestätigung der eigenen Ansichten aus war.

Grenzen setzen

Zugleich gilt es, Grenzen zu setzen. Die Auseinandersetzungen um die Dialogfähigkeit der Demokratie führten in den zurückliegenden Jahren zu einer Verrohung der politischen Sprache und zu einer folgenreichen Gewaltaffinität. Daher ist es ebenso wichtig, namens der eigenen Positionen die Grenzen der Dialogbereitschaft mit rechten und rechtspopulistischen Positionen aufzuzeigen. Diese ist erreicht, wo Menschen pauschal diffamiert, beleidigt und diskriminiert oder ihnen die Existenzberechtigung abgesprochen wird, Fragen durch scheinbar feststehende Antworten für unzulässig erklärt werden, und die Debatte um Inhalte durch Vorurteile und Rassismus ersetzt wird. Ob und wo diese Grenzen erreicht sind, können und sollten Kirchengemeinden immer wieder im Licht der biblischen Botschaft und der Bekenntnisschriften ansehen, prüfen und diskutieren.

Handlungsempfehlung

Dialogformate sollten zu selbstgewählten Bedingungen stattfinden. Kirche ist gesprächsbereit, aber nicht um jeden Preis. Anlass, Ort und Gesprächsformat sollten Gewähr für eine ausgewogene und faire Debattenkultur bieten, in der auch Minderheitenmeinungen zu Wort kommen und gehört werden. Gemeinden sollten prüfen, wem sie ein Forum bieten. Jenen, die als Ideologieproduzenten des Rechtspopulismus agieren, ist in der Regel nicht an einem wirklichen Austausch gelegen.

Pluralität sichtbar machen: Gegen die Polarisierung der Meinungen gilt es, die Pluralität der Stimmen und die Differenziertheit verschiedener Perspektiven auf die Kontroverse um rechtspopulistische Themensetzungen zu stärken. Motto: Wo andere laut werden, werden wir leise. Wo andere generalisieren, differenzieren wir. Wo andere endgültige Antworten geben, fragen wir nach.

David Begrich hat Evangelische Gemeindepädagogik in Potsdam und Berlin studiert und ist Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus bei Miteinander e.V. in Magdeburg.

Quelle: REDEN IN SCHWIERIGEN ZEITEN, Nächstenliebe verlangt Klarheit, Bausteine und Materialien für die Arbeit gegen Rechtspopulismus in der Gemeinde, Herausgeber: Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Dezernat Bildung. In: Pfarrbriefservice.de

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Text: David Begrich
In: Pfarrbriefservice.de