Ein Interview mit Olaf Schwantes – Love Coach, Paartherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie

Ronja Goj
29.06.2020 - 05:55

Miteinander streiten. Füreinander sorgen. Sich gegenseitig aushalten. Partnerschaften in Zeiten von Corona. Was macht diese Krise mit Beziehungen? Welche Auswirkungen hat sie auf Partnerschaften? Zerbrechen Paare an ihr? Oder bringt sie Veränderung? Kann sie eine Chance sein? Ein Gespräch über Scheidungsraten, emotionale Ventile, Neustarts und Wertschätzung.

Corona lässt die Zahl der Scheidungen explodieren. Katapultiert die Scheidungsrate in ungeahnte Höhen. Das behaupten viele.

Ja und wir wissen nicht, wie viele Corona-Babys es geben wird. Entschuldigung, blöder Begriff (lacht). Ich bin kein Freund von so pauschalen Aussagen oder Stempeln. Eine hohe Scheidungsrate haben wir immer.

Das heißt: Diese Krise hat keine Auswirkungen auf Partnerschaften?

Puh, ich denke, es hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wir Menschen sind in verschiedensten Lebensbereichen oder Systemen unterwegs. Vielleicht merke ich kaum Veränderung, wenn ich vorher meine Arbeit von zu Hause aus gemacht habe oder, wenn ich das Gefühl habe, wir kriegen das als Paar gut hin.

Es gibt Paare, deren Beziehung ist stets glücklich und sonnig. Aber, es gibt auch Paare, die bereits vor der Corona-Pandemie Probleme hatten. Bei denen die Beziehung gekriselt, gebröckelt hat. Was macht Corona mit diesen Beziehungen?

Die Lage verschärft sich immens, wenn ich vorher die Beziehungskrise hatte und der Zufluchtspunkt „zur Arbeit gehen“ wegfällt, weil ich im Homeoffice bin. Andererseits gibt es keine Garantie dafür, dass ein Paar gut durch die Corona-Krise getragen wird, wenn es vorher gut miteinander unterwegs war. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit. Aber, wir machen kein Mathe für Anfänger. Es kann genauso passieren, dass ein Partner besser damit umgehen kann und der andere abrutscht oder Verschwörungstheorien verfällt.

Weil die Menschen überfordert sind. Jeder Tag ist ein Überraschungsei. Jeden Tag fluten neue Nachrichten über Corona die Medien. Jeden Tag gibt es neue Gesetze. Die Situation ist angespannt, instabil. Lockdown – Lockerungen – neue Corona-Ausbrüche. Planen fällt schwer. Es gibt keine Perspektive. Viele leiden unter der Situation. Das führt zum Streit.

Häufig hängen sich die Paare an Kleinigkeiten auf. Sie streiten und merken, dass sie sich hoch schaukeln. Sie werfen mit Worten um sich, die sie sonst nie gebrauchen oder es kommt zu Handgreiflichkeiten. Sie können die Emotionen nirgendwo anders loswerden, weil Sportmöglichkeiten beispielsweise eingeschränkt sind. Darum bleiben sie bei ihnen selbst und damit im Paar. Es ist wichtig, diese Situation zu unterbrechen und herauszugehen.

Wie gelingt das? Oft sind die Partner emotional, wütend. Fühlen sich unverstanden, nicht gehört. Unterbrechen sich gegenseitig, brüllen sich an. Sehen die Schuld beim anderen. Beharren auf ihrer Meinung. Fahren sich fest.

Es ist wichtig, für sich selbst gut zu sorgen und sein emotionales Ventil zu nutzen.

Sein emotionales Ventil?

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Druckkessel. Die Luft muss weichen können, sonst explodiert der Kessel.

Welche emotionalen Ventile gibt es?

Zum Beispiel bewusstes Atmen. Oder Musik, denn eine Playlist kann ich vorbereiten. Oder eine Klopfmethodik.

Das dauert zu lange, wenn ich erst die Playlist anwerfen muss oder auf mir herumklopfen soll.

Ein emotionales Ventil muss etwas sein, das ich schnell anwenden kann, das ich einfach ausführen kann und das mir schnell wieder einfällt. Viele haben unbewusst ein emotionales Ventil. Es gilt bewusst zu gucken, was ich sowieso nutze. Mancher sagt, er geht nach dem Streit aufräumen oder die Küche sauber machen (lacht).

Und das hilft?

Ob das eine Wirksamkeit hat, kann ich herausfinden, wenn ich das ausprobiere und umsetze und damit Erfahrungen mache. Jeder hat sein eigenes emotionales Ventil. Ziel ist es, raus aus der Situation zu gehen und herunterzufahren. Und sich danach zu überlegen: Worüber sollten wir sprechen? Was war hier los? Was hat mich so emotional werden lassen? So können Sie wieder in das Gespräch gehen.

Es ist wichtig mit sich selbst im Reinen zu sein, mit sich selbst in Krisensituationen zurecht zu kommen. Um für den Partner da sein zu können. Um eine gesunde Beziehung zu führen. Um Verantwortung für die Beziehung zu übernehmen.

In Situationen wie der Corona-Pandemie zeigen sich Problembewältigungsstrategien. Welche Resilienz habe ich? Welche Widerstandskraft? Kann ich mit Krisen umgehen? Wie reagiere ich auf so etwas, wenn ich bisher die normalen Herausforderungen des Alltags hatte und keine größeren Sorgen? Wenn ich einmal auf ein paar Urinstinkte zurückgeworfen bin? Das merke ich erst in solchen Situationen.

Die Menschen lernen sich selbst besser kennen.

Wenn ich mich bewusster mit mir auseinandersetze und mich beobachte, ohne mich dauernd zu analysieren, lerne ich in dieser Zeit sehr viel über mich und von mir. Ich erlebe mich anders als vorher in anderen Situationen.

Die Krise kann eine Chance sein!

Die Corona-Pandemie ist kein Honig schlecken und wir wollen es nicht schön zeichnen. Aber, jede Krise hat eine Chance. Natürlich hat sie die am Ende. Aber, das sehen wir im Moment nicht und darum helfen Sponti-Sprüche nicht. Es gibt unterschiedliche Szenarien, wie wir aus dieser Krise herausgehen können.

Welche?

Es steht und fällt damit, wie gut das Paar als Team miteinander umgehen kann. Wie sich beide unterstützen. Dass sie den Partner fragen, wie sie ihm helfen können, wenn sie wissen, dass er sich mit dem ein oder anderen schwer tut. Dass sie ihn fragen, was er braucht. Dass sie in die Haltung kommen, sich als Team zu verstehen. Auch, wenn sie ein Liebespaar sind. Das klingt blöd und nüchtern, aber, wenn Paare vor Corona eine gute Kommunikation miteinander hatten und offen und ehrlich über Ängste und Befürchtungen gesprochen haben, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie einen guten Weg finden und gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Wie äußert sich diese Stärke?

Schauen Sie sich Familien an, die Kinder haben und bei denen beide Partner auf einmal zu Hause sind. Wenn diese Familien nicht dem Lagerkoller verfallen sind, können sie sagen: „Wow, das haben wir hingekriegt.“ Das kann einer Liebesbeziehung ein viel stärkeres Band geben, das in Zeiten hilft, in denen es nicht so toll läuft.

Gilt das auch für Partnerschaften, bei denen es dauerhaft „nicht läuft“?

Bei Beziehungen, die vorher festgelaufen waren oder in denen sich die Menschen im gemütlichen Elend eingerichtet haben, wo alles vor sich hinpuzzelte, haben Paare die Chance zu sagen: „Wir kriegen das hin“ oder „Wow, wir haben es hingekriegt“. Sie gehen anders aus der Krise hervor, weil sie zum Beispiel noch nie oder lange nicht mehr so ehrlich, offen und intensiv miteinander gesprochen haben.

Der Beginn eines Neustarts.

Es kommt darauf an, wie es das Paar schafft, aufeinander zuzugehen. Ob es das hinkriegt. Wenn es beide ernsthaft angehen, wenn beide gucken, was wollen wir mit unserem Leben anfangen und was wollen wir als Paar? Was sind meine und unsere Werte und Ziele? Dann kann es eine Chance für einen echten Neustart sein.

Und eine Neudefinierung der Beziehung?

Wenn ein Paar anfängt, sich ernsthaft mit dem Thema auseinander zu setzen und das vorher nicht gemacht hat. Klar, das ist sehr wohl möglich. Vielleicht ist das leider nicht so oft, aber das gibt es definitiv.

Wenn Sie eine Glaskugel hätten und einen Blick in die Zukunft werfen könnten: Wie wird sich die Pandemie langfristig auf Beziehungen auswirken?

Ich glaube, der Blick auf unser Leben könnte sich verändern. Es könnte eine Art Wertschätzung kommen, von dem, was wir haben. Vielleicht wird den Menschen das jetzt bewusster. Vielleicht sehen sie nicht mehr alles als Selbstverständlichkeit an. Das wäre ein riesen Schritt.

Beziehungen, die gewohnt sind, verlieren schnell ihre Wertigkeit und werden selbstverständlich.

Wissen Sie, der Partner oder die Partnerin ist nicht selbstverständlich. Eventuell trennt er oder sie sich oder einer von beiden stirbt. Das wissen wir nicht. Deswegen ist es wichtig, in diese Wertschätzung zu kommen. Im besten Fall könnten Paare erkennen: Hey, wir haben miteinander schöne Zeiten. Das ist uns wichtig. Wir wollen uns ab sofort mehr Zeit dafür zu nehmen.

Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

Weitere Materialien: 

© Olaf Schwantes

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Text: Ronja Goj
In: Pfarrbriefservice.de