„Ich erfahre Ostdeutschland als etwas sehr Dynamisches, wo viel Raum ist für Kreativität“
Ein Interview mit Weronika Vogel, die in einem Internetblog „den Osten“ erklärt
„Eastplaining“ heißt der Internetblog von Weronika Vogel und Hanna Müller. Eastplaining ist eine Wortneuschöpfung aus dem Englischen und bedeutet soviel wie „den Osten erklären“. Beide Frauen stammen aus Ostdeutschland. Die Wende 1989 haben sie nicht selbst erlebt, weil sie damals noch gar nicht geboren waren. Dennoch beschäftigen sie sich mit den damaligen Umbrüchen und ihren Folgen. Sie stehen exemplarisch für zunehmend mehr junge Menschen im Osten, die nach der ostdeutschen Vergangenheit fragen und sich für mehr Ostbewusstsein stark machen. Ein Interview mit Weronika Vogel über ihren Blick auf das wiedervereinigte Deutschland.
Frau Vogel, Sie wurden zwölf Jahre nach der Wende geboren und beschäftigen sich trotzdem mit ihr. Warum?
Weronika Vogel: So richtig mein Thema wurde es, als ich zur Vorbereitung auf meinen Freiwilligendienst sehr oft nach München gefahren bin. Ich habe dort festgestellt, dass die Menschen in meinem Alter, die im Westen aufgewachsen sind, so gar keine Ahnung von der DDR-Geschichte haben und trotzdem sehr, sehr viele Vorurteile haben. Dieser Eindruck hat sich noch mal während meines Studiums in Erfurt im Kontakt mit Mitstudierenden und in meinem Stipendienprogramm verstärkt.
Welche Vorurteile sind das?
Weronika Vogel: Sie sagen zum Beispiel: Ach ja, ihr esst ja gerne Bananen. Oder sie sprechen von Dunkeldeutschland, wenn sie den Osten meinen. Oder sie behaupten, alle Menschen im Osten wären rechts und dort gebe es nicht wirklich irgendetwas Interessantes. Wenn in überregionalen Medien über den Osten berichtet wird, ist das fast ausschließlich negativ – entweder geht es um Rechtsradikalismus oder um sehr unzufriedene Menschen. Als wäre der Osten eine Art Brei, wo alles irgendwie gleich ist. Eine komplexe Darstellung der Verhältnisse findet nicht statt. Das wollten Hanna und ich ändern. Deshalb gibt es unseren Ostblog „Eastplaining“.
Wie fühlen sich Ihrer Einschätzung nach junge Menschen in Ostdeutschland heute? Welche Erfahrungen prägen diese Generation?
Weronika Vogel: Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber ich weiß, viele junge Menschen sind durch die Diktaturerfahrung ihrer Eltern und Großeltern geprägt. Meinem Eindruck nach haben mich meine Eltern so erzogen, dass ich viel dankbarer bin für die Freiheiten, die ich genießen kann, etwa die Reisefreiheit oder die Meinungsfreiheit, weil das etwas ist, was sie in unserem Alter nicht hatten. Und trotzdem haben junge Menschen hier einfach das Problem, dass es weniger Angebote für sie gibt – Vereine etwa. Aber das ist eher ein Stadt-Land-Thema, das auch im Westen existiert. Im Osten ist das noch einmal stärker ausgeprägt, weil das gesellschaftliche Leben zu DDR-Zeiten von der damals herrschenden SED-Partei geprägt war. Aber in den letzten Jahren sind viele wirklich sehr gute, zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte entstanden. Und deswegen finde ich das so schade, dass das in den Medien so wenig dargestellt wird. Zum Teil wissen die Menschen vor Ort nicht einmal, was es für Möglichkeiten gibt. Ich glaube, im Moment ist es wirklich so, dass für viele junge Menschen, gerade in ländlich geprägten Regionen, das Dableiben eher eine Frage ist als eine Option, ebenso wie das Zurückkehren. Es wäre schön, wenn sich das umkehrt.
Wie schauen Sie auf den Stand der deutschen Einheit?
Weronika Vogel: Natürlich ist es wunderbar, dass es mit der Deutschen Einheit geklappt hat. Es ist auf alle Fälle eine Erfolgsgeschichte. Aber ich denke auch, dass Vieles in dem Prozess schiefgelaufen ist, einfach weil es viel zu schnell gegangen ist mit der Wiedervereinigung – in weniger als einem Jahr! Ich würde nicht sagen, alles ist schon vereint. Wobei die Frage ist, was Einheit eigentlich sein soll. Für mich bedeutet Einheit, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen, egal, woher jemand kommt. Dass wir darauf hören, was die andere Person uns aus ihrer Erfahrung heraus zu sagen hat. Und dass der Osten nicht mehr als etwas Besonderes oder Fremdes angesehen wird, dem man für die Probleme in Deutschland den schwarzen Peter zuschieben kann. Dass Menschen aus dem Westen denen im Osten die Demokratie- oder Diskursfähigkeit absprechen, finde ich immer sehr anstrengend. Dabei haben sich viele Menschen im Osten die Demokratie erkämpft. Solange wir noch in dieser Wir-Die-Rhetorik sind, können wir eigentlich nicht von Einheit sprechen.
Wie ist Ihre Sicht auf den Osten? Was würden Sie gerne mehr in den überregionalen Medien lesen?
Weronika Vogel: Ich fände es sehr schön, wenn viel mehr über das zivilgesellschaftliche Engagement hier berichtet würde, weil es so viele Projekte und Initiativen gibt und Menschen, die vor Ort Kultur fördern, Kultur betreiben, Veranstaltungen durchführen, über Dialogformate in den Austausch miteinander gehen, sich gegen Rechtsextremismus engagieren, Nachbarschaftsprojekte und Gemeinschaftsgärten gründen. Ich erfahre den Osten wirklich als etwas sehr Junges, Dynamisches, wo viel offen ist und noch viel passieren kann, wo sehr viel Raum ist, den man kreativ ausgestalten kann.
Sie setzen sich dafür ein, ostdeutsche Perspektiven sichtbarer zu machen.
Weronika Vogel: Ja, wir müssen endlich begreifen, dass ostdeutsche Perspektiven Teil einer gesamtdeutschen Wirklichkeit sind.
Ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag über die Entwicklung von Frauenrechten in Deutschland, der fast nur die westdeutsche Seite beleuchtete.
Weronika Vogel: Das kann man auch in den Sozialen Medien beobachten bei Beiträgen, die zum Beispiel fragen, seit wann Frauen in Deutschland ohne Zustimmung ihres Mannes ein Konto eröffnen dürfen. In der DDR war das überhaupt kein Thema – im Gegensatz zur BRD. Ich frage mich bei solchen Beiträgen immer: Was ist denn jetzt Deutschland? Es wird eigentlich immer nur Westdeutschland gemeint.
Was wäre der Gewinn einer größeren Sichtbarkeit von ostdeutschen Perspektiven?
Weronika Vogel: Wir sind seit über 35 Jahren wieder ein Land und ich halte es für durchaus wichtig, dass wir die Perspektiven aller Menschen, die in diesem Land wohnen, wertschätzen und kennenlernen wollen. Dazu zählen genauso Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die seit Jahren oder Jahrzehnten hier wohnen. So funktioniert Gesellschaft. Jede Perspektive hat eine Bedeutung dafür. Mit über 20 Millionen Menschen sind ostdeutsche Perspektiven ein nicht ganz unwichtiger Teil einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive.
Ich befürchte nur, die Bereitschaft, sich wirklich für „den Osten“ zu interessieren, ist eher gering ausgeprägt im Westen, weil sich für die Menschen dort durch die Wende eigentlich nichts verändert hat.
Weronika Vogel: Genau. Aber für die Menschen im Osten hat sich alles verändert. Diese Asymmetrie macht es nicht einfacher.
Was bräuchte es für mehr innere Einheit?
Weronika Vogel: Auf alle Fälle mehr Dialogbereitschaft und die Bereitschaft, wirklich zuzuhören. Das wäre auch gesamtgesellschaftlich wichtig. Es bräuchte mehr Öffentlichkeit für ostdeutsche Themen. Wichtig wäre auch, dass mehr Menschen aus Ostdeutschland in Führungspositionen in Politik und Gesellschaft kommen. Hier ist der Prozentsatz unverhältnismäßig niedrig.
Interview: Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de
Linktipp: Der Ostblog
Unter https://www.eastplaining.com schreiben zwei junge Menschen über den Osten Deutschlands. Hanna Müller und Weronika Vogel sind beide nach der Jahrtausendwende geboren und in Sachsen aufgewachsen. Mit ihrem Ostblog möchten sie „den Osten als Ostdeutsche erklären“, wie sie selbst schreiben. Sie wenden sich damit auch gegen jene, die ihnen ihre Heimat erklären wollen, vielfach ohne jemals dort gewesen zu sein. In ihren Beiträgen geht es um Politik, die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit, um Kultur und das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland. Sie beleuchten gut recherchiert vielfältige Themen und kommentieren sie. Für alle, die sich eingehender mit „dem Osten“ beschäftigen möchten.
Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de
Datei-Info:
- Dateiformat: .rtf
- Dateigröße: 0,03 MB
Nutzungsbedingungen auf einen Blick:
- Einsatzbereich: Kostenfrei für die nichtkommerzielle kirchliche Öffentlichkeitsarbeit (z. B. Pfarr-/Gemeindebrief, Plakat, Flyer, Website) sowie für Unterrichtszwecke*
- Urhebernachweis: Sie verpflichten sich, den Namen des Autors / der Autorin sowie „Pfarrbriefservice.de“ als Quelle und ggf. weitere Angaben zu nennen.
- Belegexemplar: Wir freuen uns über die Zusendung eines Belegs an unsere Redaktionsanschrift.
- Soziale Medien:
*) Ausführliche Infos zu unseren Nutzungsbedingungen finden Sie hier.
Verpflichtender Urhebernachweis
Bitte nennen Sie Urheber und Quelle wie folgt:In: Pfarrbriefservice.de
