Gewaltlosigkeit und Gewalt im Gleichgewicht
Schon 380 Jahre vor Christus machte uns der griechische Universalgelehrte Aristoteles mit Recht darauf aufmerksam, dass „alles, was im Leben einen Wert hat, durch ein Zuviel oder ein Zuwenig zerstört werden kann.“ Das Leben ist also nicht „einfach“, sondern „zweifach“, eine Auseinandersetzung zwischen scheinbaren Gegensätzen wie: Ich und Du, Nähe und Distanz, Geduld und Ungeduld, Harmonie und Streit… die aber erst in einer stabilen Balance zu einander das notwendige Gleichgewicht schaffen. Wenn wir zu stark „untertreiben“ oder „übertreiben“, verlieren wir das gute Maß und geraten in eine gefährliche Schieflage. Wenn wir dann „abzustürzen“ drohen, will uns ein Ruf Jesu Warnung und Hilfe sein. „Kehrt um!“ Mk 1,15, im Griechischen „metanoeite“, was so viel heißt wie: „denkt quer! Denkt in die ganz andere Richtung!“ Als Jesus vor die Frage gestellt wurde, ob eine Ehebrecherin gesteinigt werden soll oder nicht, versteckt er sich dabei nicht hinter einem „Ja/Nein“, hinter dem „Üblichen“, dem „Gängigen“, nein, er zeigt in eine völlig andere Richtung: „Wer unter Euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“ Joh 7,53-8,11. Das ist wahre Umkehr, notwendige seelische Balance: mit den Zeigefinger nicht immer auf Andere richten, sondern erst einmal mit sich selbst ins Reine kommen.
Es gibt eine biblische Zukunfts- und Friedensvision, „Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden.“ Micha 4,1–5. Das heißt: friedlich, empathisch und konstruk-tiv miteinander umzugehen. Es gibt aber zusätzlich noch jene andere ergänzende biblische Aufforderung: „aus Pflugscharen [wieder] Schwerter zu schmieden“ Joel 4,10. Die Botschaft an uns: Seid stark! Bleibt wehrhaft und schaut dem Unrecht nicht feige, mut- und tatenlos zu. Schaut nicht weg, wenn Unschuldige leiden und unsere Hilfe brauchen. Gerade heute erleben wir es besonders drastisch.
Wir sollten aber darauf achten, einer drohenden Gewalt stets zuvor zu kommen, indem wir uns von Anfang an um einen Kommunikationsstil bemühen, bei der es eben nicht um Gewinner/Verlierer geht, bei der sich keiner missachtet, persönlich mit Worten verletzt, nicht ernst genommen oder „über den Tisch gezogen“ fühlt. Unser Streiten mit einander sei fair, offen und sachlich, auch wenn dabei starke Gefühle gezeigt werden dürfen. Wir sollten uns aber um die nötige Empathie bemühen und uns so verhalten, dass der Andere nicht sein Gesicht verliert oder sich so in eine Ecke hinein manövriert fühlt, aus der es dann für ihn keinen Ausweg mehr gibt. Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, sie hat Ursachen, baut sich auf, kann eskalieren und dann jäh ausbrechen. Wer Menschen beim Streiten nicht isoliert, sondern in jeder Phase „mitnimmt“, zusammen mit ihnen nach Lösungen sucht, der kann Frieden stiften, ohne Waffen.
Text: Stanislaus Klemm, In: Pfarrbriefservice.de
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